B: Von allen Seiten belagert

Liane war noch nicht einmal im Haus, als ihr Vater sie bereits an sich drückte. Starke Arme strichen über ihren Rücken. Er flüsterte einen Dank in ihre Haare. Es klang wie ein Gebet. Wie-

„Wo warst du?!“, abrupt schob er sie hinein und klammerte sich in ihren Schultern fest.

Das Mädchen schluckte. Noch immer fühlte sich ihre Tasche so schwer an. Diese neuen Zeichnungen schienen so viel mehr zu wiegen. Sie so viel mehr zu belasten …

„Entschuldige … Ich habe die Zeit vergessen“, erklärte sie leise.

„Die Zeit?“, eine seltene Strenge schlich sich auf sein Gesicht, „Liane. Bitte gib mir keine lächerlichen Ausreden. Ich habe mit deiner Klassenlehrerin gesprochen. Ich habe deine Freunde durchtelefoniert. Ich … Ich weiß, dass dein Unterricht heute Morgen ausfiel und dass du etwas verbirgst. Ich weiß es.“

Unwillkürlich zuckte sie zusammen.

„Ich … brauchte nur Klarheit … und …“

„Klarheit?!“, endlich ließ er von ihr ab, wenn auch nur, um endlich die Haustür zu zuknallen, „Was soll das, Liane?! Weißt du, wie viele Sorgen du allen bereitet hast? Weißt du das?! Was kann so wichtig sein, dass du nicht den Mund aufbekommst und-“

Das Telefon unterbrach sein Geschrei. Zitternd vor Wut wies ihr Vater auf die Treppe. Es war eine stumme Aufforderung an sie. Sich hinzusetzen und zu warten. Kein Hochgehen. Kein Rausgehen.

Schwerfällig kam sie der Aufforderung nach. Sie wollte keinen weiteren Streit provozieren. Nicht, wo sie sich doch eh schon schuldig genug fühlte.

„Ja … Sie ist wieder da“, lauschte sie seinen Worten, „Ja … Danke nochmals. Ohne- Jetzt? Nein. Natürlich. Ich würde mich gleich auf den Weg machen. Hm. Ja. Besten Dank nochmal.“

Stille.

Als ihr Vater zurückkehrte, wirkte er alles andere als begeistert. Miesgelaunt zerrte er seine Jacke von der Garderobe. Er schlüpfte hinein, prüfte den Inhalt der Taschen. Nickte.

„Wir sind noch nicht fertig. Klar?“, erklärte er ungehalten.

Sie nickte: „Du musst los?“

„Ich hätte gar nicht Zuhause sein dürfen“, bemerkte er, „Egal. Mr. Belial hat es verstanden. Es wird also schon in Ordnung sein. Hoffe ich … Bis ich zurück bin, hast du auf jeden Fall Stubenarrest! Danach sehen wir weiter. Klar?“

„Klar“, Liane schloss ihren Vater in die Arme, „Ich wollte dir keine Sorgen bereiten. Entschuldige.“

Statt einer Antwort nickte er nur harsch und schloss von außen ab.

So wütend hatte sie ihn noch nie erlebt …

Unschlüssig zog sie die Zeichnungen aus ihrer Tasche. Sie starrte auf die Teufelsgestalten. Auf den Krötenmann. Auf dieses Mädchen. Ihr war, als könnte sie die Wesen hören. Erneut baute sich ein Gefühl der Vertrautheit auf. Ihre Augen blieben an dem Mädchen hängen. Dann an dem Krötenmann, der die Hand nach ihr auszustrecken schien und-

Er erinnerte sie an den Mann, der ihr das Leben gerettet hatte.

Dieser kleine, runde. Der neben ihr im Bus gesessen hatte. Er hatte sie damals nach einer Wegbeschreibung gefragt. Und … er hatte von seiner Freundin erzählt. Sie … wisse nicht, dass er käme, hatte er doch gemeint, oder? Und dann hatte er sie Lilith genannt. Er hatte sie davon abgehalten, ins Haus zu gehen. Er hatte sie beschützt, als es in die Luft geflogen war und-

Lianes Kopf pochte. Sie massierte ihre Schläfen. Kratzte dabei die Haut wund. Zitterte. Hielt inne.

Nein. Der Krötenmann auf ihren Zeichnungen sah anders aus. Er hatte vier Augen. Keine Nase. Keine Ohren. Keine Haare. Dürre, lange Finger. Drei Beine. Sie wusste ja nicht einmal, warum sie ihn als Kröten“mann“ betitelte! Er könnte auch gut eine Kröten“frau“ sein …

Ruhig atmete sie durch und sammelte die verstreuten Zeichnungen auf. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie sie runtergefallen waren … Wahrscheinlich waren sie ihr entflohen, als die Kopfschmerzen eingesetzt hatten. Ja. Genau. Das klang plausibel!

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen kontrollierte sie den Boden nochmal, ehe sie alles auf ihr Zimmer brachte. Sie würde heute noch Schulstoff nachholen müssen. Und sich ihrem Vater stellen müssen. Dabei-

Erneut huschten ihre Augen über die Bilder.

Der Krötenmann lag ganz oben.

Wieder konnte sie die Ähnlichkeiten zu dem anderen Mann sehen. Obwohl sie es nicht wollte, verglich ihr Kopf die beiden miteinander. Sie glaubte, verschwommene Erinnerungen erhaschen zu können. Da war ein Stern gewesen. Mit dreizehn Zacken. Genau wie der, den sie seither wieder malte. Er-

„Weil ich … dich gern habe.“

Olivers Worte unterbrachen ihre Gedanken. Sie zogen wie eine Dampflok durch ihre Konzentration und hinterließen einen chaotischen Nebel. Der Krötenmann verschwand dahinter. Auch das Teufelwesen und das Mädchen wurden von dem Weiß verschluckt.

Liane nutzte den Moment aus und drehte den Stapel sofort um. Eilig legte sie ihn auf ihrem Schreibtisch ab. Sie musste Abstand gewinnen. Sie brauchte Abstand!

Dabei hatte sie die Bilder doch eigentlich nur angefertigt, um endlich Klarheit zu bekommen. Stattdessen erhielt sie ein heilloses Durcheinander. Klasse.

„Kann nicht mal irgendetwas einfach sein? Bitte?“, schimpfend kramte sie ihr Handy heraus. Sie klickte auf Olivers Nachrichten. Scrollte nochmal zum Guten Morgen hoch. Suchte nach Hinweisen. Irgendwelchen Bemerkungen, die erkennen ließen, dass er sie wirklich mochte …

Guten Morgen, Schlafmütze! –  Keine Antwort? Autsch! Wo steckst du? Sehen wir uns vor dem nächsten Block? – Oh, ich muss dir was von Joffrey erzählen. Will aber dein Gesicht dabei sehen, ja? Ist voll zum Kugeln! – Hey, habe gerade Shiloh getroffen. Alles gut? Ihr wart gar nicht zsm unterwegs. Meld dich mal! – Wo bist du? Unterricht geht gleich wieder los – Hey… Shiloh meint, du bist immer noch nicht da. Wo steckst du? Alles gut? Wenn du reden willst, ich hör zu – Nur, dass du Bescheid weißt, ja? – Alter … Ich mach mir langsam echt Sorgen – Toll. Nun rechne ich mit dem Schlimmsten. Kannst du bitte anrufen? – Bitte. – Mist. Ich will nicht aufdringlich sein. – Ist nur – bescheuert – Ja? – Alter – Wo bist du?! Was ist passiert? – Melde dich endlich! – Liane! Wo bist du?!

Es klang so verzweifelt …

Ganz anders als Shiloh. Diese hatte nur angemerkt, dass Liane spät dran wäre. Sie solle sich beeilen. Dann die kurze Nachfrage, ob etwas nicht stimme und dass sie sich bitte melden solle, wenn etwas wäre. Sie würde warten.

Mit einem schlechten Gewissen schrieb Liane ihr, dass sie wieder daheim wäre und ihr Kopf sie fertigmachen würde.

Sofort flog ein Smiley zurück.

Okay, dachte mir so etwas schon. Vor allem nach dem Gerücht

Liane hielt inne. Stirnrunzelnd starrte sie auf die Uhr. Shiloh schrieb während des Unterrichts zurück? Das sah ihr nicht ähnlich. Und dann noch …

Welches Gerücht?

Die nächste Nachricht ließ auf sich warten.

Betty ist fuchsig, weil Oliver ein Auge auf dich geworfen hat. Seit letzter Pause glauben alle entweder, dass du und Oli nun zusammen seid oder dass du was gegen Betty hast. Sei froh, dass du nicht hier bist! Der reinste Affenzirkus …

Super. Das hatte Liane gerade noch gefehlt.

„Nicht die Schule ist der Affenzirkus. Versuch es mal, mit dem gesamten Leben“, schrieb sie flüsternd zurück und warf das Handy beiseite.

Sie brauchte eine Pause.

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