
Tarek John verschränkte die Arme vor der Brust. Er spürte, wie seine zweite Seele vor Wut zitterte. Dennoch weigerte er sich, John die Kontrolle zu überlassen. Er durfte diesen nicht hinaus lassen. Nicht im Tempel. Nicht vor dem obersten Priester …
Nicht vor jener Person, die er am liebsten in der Luft zerreißen wollte.
Lass mich!, dröhnte es da auch schon durch seinen Kopf, Er hat kein Recht-
Er muss die Traditionen wahren. Und nachdem wir innerhalb der letzten vier Monate ganz Kumohoshi auf den Kopf gestellt haben – im wahrsten Sinne des Wortes …
John murrte etwas Unverständliches. Doch erkannte Tarek die Einsicht in dem Grummeln. Eine Einsicht, mit der dieser alles andere als zufrieden war.
So hatten sie mittlerweile auf jeder Husheninsel mehrere Macian als Besuchende zugelassen. Sie hatten den Vertrag mit den Desson aufgelöst. Und seit knapp drei Wochen schwamm Kumohoshi nun im Pazifik. TJ hatte die Insel mithilfe der Macian und Soyokaze hinabgesenkt. Damit wollten sie die Hürden zwischen ihren Welten senken. Ein Vorhaben, das er sich von Maggie abgesehen hatte, nachdem diese den Stützpunkt in Kriegsheim auch gegenüber Hutan und Hushen geöffnet hatte. Selbst ein zweiter Macianort namens Gallahain war offener gestaltet worden und ließ derzeit besuchende Hutan zu.
Dies hatte zwar den offenen Austausch zwischen den Völkern gefördert, doch auch zu erhöhten Diskussionen geführt. Dabei führten vor allem die unterschiedlichen Geschlechterrollen oft zu Konflikten. Geschlechterrollen, die bei den Hushen unter anderem durch das Blutritual abgesichert wurden.
Angespannt atmete TJ durch und musterte Maggie, Yuki und ihre Auxilius.
Stumm legte die Floris den Kopf schief, was die Gestaltwandlerin auf ihre andere Schulter klettern ließ, um nicht runterzufallen. Es war eine vertraute Geste. Eine, die er seit Jahren kannte. Genauso hatte sie sich einst im Waisenhaus verhalten. Als sie sich lieber ausschwieg, statt zu viel zu verraten.
Doch für TJ hätte das blinde Vertrauen darin nicht offensichtlicher sein können.
„Und wenn wir das Blutritual aufschieben?“, fragte er den Priester, obwohl er dessen Antwort bereits erahnte.
„Das würde in Ihrem Falle den Schriften Shingashas widersprechen“, der Mann präsentierte ihm eine Schriftrolle, auf der er einige Absätze mit einem roten Faden markiert hatte, „Es hat seinen Grund, warum jedes fehlende Blutritual bei einer gewöhnlichen Eheschließung einem Skandal gleicht. Die einzige Ausnahme hierfür bildet eine weibliche Kazoku. Doch ist die Floris erst als Kazoku zu betrachten, wenn die Ehe vollzogen ist.“
Maggie trat näher und betrachtete die Schriftrolle. Dabei schob sich auch ihre Auxilius vor. Generell blieb diese SveA immer in Griffreichweite der Floris. Egal, ob Yuki bei Maggie war oder nicht.
„Mit den Regelungen der Gleichberechtigung wären Floras und Kazokus jedoch als ebenbürtig zu betrachten“, versuchte TJ zu argumentieren, „Damit fielen meiner Verlobten die Rechte der Kodomo zu.“
„Ja und nein“, der Priester rollte eine zweite Schriftrolle auf, „Die Regelungen die dank Euch in den letzten Monaten angepasst wurden, berühren nicht Shingashas Schriften. Wenn die Eheschließung also anerkannt werden soll, muss sie nach den Regelungen des Tempels stattfinden.“
„Regelungen, die einzig Sie anpassen“, zwang seine andere Seele hervor.
JOHN!
Was?! Hörst du ihm nicht zu?! Er will Mag in die Knie zwingen, damit wir einzig auf dem Papier als gleichberechtigt gelten. Diese Form der Gleichberechtigung ist eine hinterhältige Farce!
Ich weiß. Ich-
Maggies Hand stoppte ihn. Sie ruhte auf seinem Arm. Sanft. Beruhigend. Sie half ihm, durchzuatmen. Ihren Blick zu suchen. Einen Blick, der ihm viel zu nachdenklich erschien. Sie wirkte nicht einmal verärgert. Nur … suchend?
Dankend drückte er ihre Finger. Mehr Kommunikation war ihnen hier nicht möglich. Zum einen, weil vorne in den Gebetsräumen alle außer die Priester Schweigen mussten. Zum anderen, weil einzig den Kazoku hier hinten der Austausch mit den Priestern gestattet war. Darüber hinaus überließ Maggie ihm die Traditionen und Regelungen der Hushen zum Großteil eh, um keine versehentlich zu brechen. Er selbst hatte es vor ein paar Wochen vorgeschlagen. Das wäre sicherer für sie, solange EJ noch dem Tempel unterstellt war …
„Ich sehe leider keine Begründung nach Shingasha Lehren, um die Regelungen einzig für Euch anzupassen“, erklärte der Priester beinahe schimpfend, „Alternativ wäre ein neuer Otou-san hinzuzuziehen, welcher sich vielleicht besser an die Gebote Shingashas hält …“
„Verstehe.“, spuckte TJ aus.
„Es ist nur ein Gedanke“, der Priester lächelte ihn ein wenig zu freundlich an, „Um sicherzugehen, dass alle Instanzen korrekt eingehalten werden.“
Will er uns-
John! Lass. Es!
Tareks Verabschiedung kam etwas zu schroff heraus. Zu Schroff mit einer Prise Eiszeit, die er nicht unterdrücken konnte.
Dafür war er insgeheim zu sehr Johns Meinung.
Auf dem Rückweg aus dem Tempel schlüpfte seine Hand zu seinem Zentrip. Er strich über das glatte Metall. Dabei suchte sein Daumen unbewusst die scharfe Kante, an der er sich seit Jahren orientierte. Doch fand er nur eine glatte Wöl-
Abrupt zog er die Hand wieder raus. Er vermisste Gakumon. Doch mussten dieser und RT das nächste Konziltreffen mit den Diplomaten vorbereiten. Er brauchte Maggie als seine offizielle Okaa-san, damit er die Öffnung des Tempels veranlassen konnte. Doch musste der Tempel zuerst die Ehe zwischen ihnen schließen. Er wollte den Priester nach seinen letzten Worten am liebsten direkt absetzen! Doch waren die meisten Hushen zu tief in ihrem Glauben verwurzelt und das könnte zu einem Bürgerkrieg führen …
Angespannt fokussierte er sich auf Maggie, Yuki und ihre Auxilius, die durch einen anderen Gang auf ihn zutraten. Sie hatten den Weg der Frauen nehmen müssen. Einen, auf dem seine Tante OS sie begleitet hatte. Das war am sichersten.
Und es beruhigte TJ ungemein, sie unbeschadet wiederzusehen.
Stumm traten sie aus dem Tempel in die grelle Vormittagssonne. Für einen Augenblick beäugte er die umherlaufenden Hushen und Desson. Jene, die es eilig zu haben schienen. Und jene, die einen Moment zu lange stehenblieben, um ihre kleine Gruppe zu mustern.
Erst dann wandte er sich an OS: „Du hast gewiss noch etwas vor dem Konziltreffen vorzubereiten, oder?“
„Zweifelsohne“, bestätigte sie, ehe sie verschwand.
Erst danach wandte er sich an Maggie. Er streckte ihr stumm seine Hand entgegen. Wartete, bis sie und ihre Auxilius sich an ihm festhielten. Yuki würde sich eh nur von ihrer Freundin lösen, sobald sie sich entspannte.
Genauso wie er.
TJ atmete durch. Kostete die salzige Luft. Spürte, wie prickelnde Wassertropfen auf seinem Gesicht landeten. Sie erinnerten ihn an das Eis der Macian. An jenes, das er beinahe vermisste, weil sie in letzter Zeit so ausgeglichen war. Deswegen war ihm dieser Strand hier auch als erstes in den Sinn gekommen. Dieser Ort, zu dem er ganz unbewusst geblinzelt war, weil er ihn jederzeit an Maggie erinnerte …
„Mit dem anderen Otou-san …?“
„Ja“, bestätigte er ihre unausgesprochene Vermutung: Sein Onkel befand sich immer noch in der Gewalt des Tempels. Wenn die Priester nun JM und TJ aus dem Weg räumen könnten, hätten sie die Möglichkeit EJ zu begnadigen. Dann würde der Krieg wieder aufflammen. Dann-
„Wie lange können sie dir mit ihm noch drohen?“, fragte sie mit nachdenklichem Blick aufs Meer.
Es lag kein Vorwurf in ihren Worten. Viel eher spürte er, wie sie sich um ihn sorgte. Wie sie ihn beschützen wollte …
„Es ist eine komplett neue Situation für die Priester. Der Tempel sieht sich wahrscheinlich in die Ecke gedrängt und …“, er schüttelte sich und musterte sie, „Theoretisch könnten sie ihn jederzeit begnadigen. Es sei denn, er wird zuvor geopfert oder anderweitig hingerichtet …“
Tarek …?
Wir haben so viele Macian im Krieg getötet, kommt es da wirklich auf einen Hushen mehr noch an?, schoss er zurück.
Ja! Weil wir versuchen, einen Frieden zu erbauen. Das geht nicht auf einem Fundament aus Leichen!, rief John aus.
„Also müssen wir dafür sorgen, dass sie mich akzeptieren, oder?“, riss Maggie ihn aus seinen Gedanken, als sie seine Hand drückte, „Dann lass mich doch einfach dieses Ritual machen. Ich bin eh von dir markiert. Was soll dieses Blutritual da noch groß verändern?“
„Ja, nein, es ist …“, erschöpft massierte sich TJ die Schläfen und wünschte sich Gakumon am liebsten herbei. Dabei fiel sein Blick auf Yuki. Yuki, deren Augen für einen Moment rot aufgeblitzt hatten …
Bereitete er seinem Vertrauten so große Sorgen? Oder wollte dieser nur sichergehen, dass das Konziltreffen noch stattfand?
„Floris. Wenn der Otou-san selbst sich sträubt, dieses Ritual durchzuführen, scheint doch mehr dran zu sein. Darüber hinaus wissen bislang nicht viele Hushen von Ihrer … Markierung“, bemerkte diese Auxilius SveA.
„Ja“, pflichtete TJ der Macian eilig bei, „Ich müsste dir mindestens eine Phiole Blut rauben. Blut, mit welchem Bannkreise gezeichnet werden können, die den Yubiwa umgehen. Sie können dir verbieten, bestimmte Areale zu betreten oder zu verlassen. Auch könnten sie dir Magie in bestimmten Bereichen untersagen. Oder als Ortungshilfe genutzt werden. Und wenn jemand mir dieses Blut raubt, wärst du angreifbar. Du wüsstest es wahrscheinlich nicht einmal, bis es zu spät ist. Und dann-“
Er schüttelte sich, als Johns Sorgen durch seinen Kopf schossen.
„Und wenn ich dir das Blut nur gebe und du es versteckst?“, fragte Maggie.
„Bis zur Benutzung des Blutes muss es im Tempel verwahrt werden“, drang John wieder hinaus, „Jener Ort, an dem die Priester zugegen sind. Jene Hushen, die dich am liebsten unter mir sehen wollen. Die ganz versehentlich die Phiolen vertauschen könnten. Die-“
Lass. Es!, Tarek zwang John zurück, Siehst du ihre Auxilius nicht? All die zusätzlichen Sorgen führen nur dazu, dass sie Mag sonst noch seltener herlässt!
„Was, wenn du das Blut direkt verwendest?“, hörte er Valerie plötzlich, als sie sich hinsetzte, um ihre Finger durch den Sand gleiten zu lassen.
Yuki sprang ihr von den Schultern. Der Desson musterte ihn einen Augenblick, ehe sich der kleine Kopf von hinten gegen sein Bein drückte. Eine Geste, die ihn dazu aufforderte, sich hinzusetzen. Und eine Geste, die Gakumon sich nie getraut hätte. Die er von Yuki selbst nie erwartet hätte.
Sie wissen, wie angespannt wir sind, bemerkte er vor John.
Ja. Kann sein. Wie auch nicht! Wenn-
Nein, unterbrach Tarek, Ich glaube, sie spüren, dass sich etwas verändert hat …
Du- Nein! Du darfst es ihnen nicht sagen! Du-
Wenn nicht Mag, wem dann?
Die Frage ließ John endlich verstummen. Viel zu langsam spürte er die Zustimmung des anderen in sich aufsteigen.
