Timothy – Der Schatten der Wahrheit

Es dauerte mehrere Stunden, ehe Maria sich von Julie verabschiedete. Viel zu lange wollte sie bei ihrer Freundin ausharren und sich um diese kümmern. Dennoch stand Julie sofort aus ihrem Bett auf, sobald ihre Freundin sie endlich verließ.

Erschrocken wirbelte ich um Julie herum. Auch ich war der Meinung, dass sie sich ausruhen sollte! Ich wusste nicht, ob ich sie verletzt hatte. Immerhin war es das erste Mal gewesen, dass ich in einem anderen Menschen gesteckt hatte.

Dass ich für diesen gesprochen hatte …

Doch Julie ignorierte unsere Sorgen gezielt. Stattdessen zündete sie eine Kerze an und setzte sich an ihren Schreibtisch.

„Du bist da, oder?“

Zögerlich ließ ich die Flamme tanzen. Das war unser Ja. Das war ich ihr nach meiner unbeabsichtigten Übernahme schuldig …

„Und du hast Elisabeth gesehen.“

Verwirrt bestätigte ich auch diesen Satz. Es war das erste Mal seit zwei Wochen, dass sie das andere Mädchen vor mir erwähnte.

Warum?

„Ich konnte sie sehen. Im Gang. Mit der Kerze. Und wie du diese auflodern gelassen hast …“, erzählte Julie still, „Ich habe gespürt, dass du wütend auf ihren Vater bist. Deswegen ist auch der Kamin so aufgelodert. Und … Und ich habe an Timmy denken müssen … Doch dann warst du wieder weg. Dann war ich wieder ich und …“, sie atmete tief durch, „Das waren deine Gedanken, oder? Das … das war alles real? Das ist … passiert?“

Zögerlich ließ ich die Flamme tanzen. Diesmal keuchte Julie auf. Sie schüttelte sich. Schluchzte leise. Verschränkte die Finger ineinander. Ließ ihren Kopf hineinfallen.

„Aber das alles … Ich verstehe nicht, warum du so wütend auf Marias Vater warst. Warum du den Kamin …“, sie brach ab und pustete die Kerze aus, „Zeig es mir!“

Unschlüssig betrachtete ich die ausgeblasene Kerze. Wollte sie mich damit verstummen lassen? Wollte sie-

„Mach nochmal dasselbe wie vorhin, Timothy. Ich muss es sehen. Ich muss es wissen!“, unterbrach Julie meine Gedanken.

Ich erschauderte.

Nein. Das wäre zu gefährlich! Ich hatte mit ihrem Mund gesprochen… Was, wenn ich nicht mehr aus ihr herauskäme? Was, wenn ich meine Gedanken nicht mehr steuern könnte? Ich wusste doch gar nicht, wie ich ihr zeigen sollte, was geschehen war!

„Timothy! Ich weiß, dass du da bist. Und ich weiß, dass du mich nie verletzen würdest. Aber ich muss es wissen. Irgendetwas stimmt hier nicht und wenn ich dich nicht hören kann – dann möchte ich es eben aus deinen Augen sehen!“

Ich schüttelte mich. Wie konnte sich Julie das nur so leicht vorstellen?! Ich wusste ja selbst nicht, was ich da getan hatte! Ich wusste nicht-

„Bitte“, ihre Stimme schien in sich zusammenzufallen, „Ich … Ich konnte Timmys Gesicht in deinen Gedanken noch einmal sehen. Ich … ich muss es wissen. Bitte.“

Etwas zog mich auf sie zu. Ich wollte sie umarmen. Sie beschützen. Meine kleine Julie, für die ich einst die Medizin gesucht hatte. Die sich um dieses zerfallene Haus gekümmert hatte. Die dieselbe Augenfarbe hatte, wie Jane …

Jane …

Unwillkürlich kam ich der Bitte nach.

Mein Blick verschwamm. Ich bemerkte, wie er sich verdunkelte. Wie sich meine Augen wieder fokussierten. Wie ich plötzlich wieder Augenlider besaß. Wie sie meine Sicht immer wieder abdunkelten. Wie ich immerzu eine Nase im Blickfeld hatte. Wie ich auch nur noch in eine Richtung schauen konnte. Nicht mehr rund herum. Wie ich die kühle Luft spüren konnte. Das Polster des Stuhls. Das harte Holz des Tisches, dessen Kante ich umklammerte. Die ich mit Julies Händen umklammerte!

„Julie?“, ich bekam Panik, als die Eindrücke auf mich einprasselten und mein Kopf leichter zu werden schien, „Bitte. Ich muss …“

Es war mir zu viel.

Schaudernd sprang ich aus ihr heraus und sogleich keuchte sie auf. Sie atmete heftig ein und aus. Hatte ich vergessen, für sie Luft zu holen? Immerhin musste ich das als auch Geist nicht tun.

War mir deswegen fast schon schwindelig geworden?

„Danke“, hauchte sie mir plötzlich entgegen, „Danke für … die Wahrheit.“

Als ich die stummen Tränen in ihren Augen erkannte, wusste ich zumindest, was sie gesehen hatte. Ich wusste, dass sie trauerte.

Und dass sie sich an Marias Vater rächen würde …

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