
Alexander kam nur vier Tage später im Hof an. Er war mit dem Pferd bis kurz vor das Tor geritten. Den restlichen Weg hatte er jedoch zu Fuß beschritten. In Andenken an die verunglückte Elisabeth, wie er vor Maria und deren Vater kundtat.
Denn erstmalig hatte der Mann wieder die Gegenwart seiner Tochter geduldet.
Stumm schwebte ich um Julie herum, welche immer einen Schritt hinter Sir Stark lief, welcher die ganze Zeit schräg hinter Maria blieb, welche hinter ihrem Vater verweilte, welcher Alexander neben sich herumführte … Ich kam mir wie das letzte Kettenglied vor. Ein stummer Beobachter, dem die Hände gebunden waren.
Schaudernd schüttelte ich mich.
Nein! Ich war nicht stumm! Wenn ich mich wieder so treiben lassen würde, würde ich noch verpassen, was mit Julie geschehen würde! Ich musste mich konzentrieren!
Nur waren sie und die anderen bereits am anderen Ende des Flurs angekommen.
Missmutig stoppte ich und wartete, welche Richtung Marias Vater einschlagen würde. Ich würde dann einfach durch die Gemäuer abkürzen. Das ginge-
Ein Dienstbotengang neben mir öffnete sich ein Stück. Dann schloss er sich wieder. Ich blickte zu Julie zurück. Dann auf den versteckten Gang, ehe ich mich hineinlehnte, um nach dem Rechten zu sehen.
Die totgeglaubte Elisabeth stand dahinter. Sie sah erschöpft aus. Tränenstraßen hatten sich unter ihren Augen gebildet. Dennoch wirkte sie irgendwie gefasst? Als hätte sie ihren Lebenssinn nie verloren …
Die Kerze in ihren Händen flackerte auf und erschrocken bemerkte ich, dass Wut aus mir heraussickerte.
Eilig zog ich mich zurück. Ich hetzte durch mehrere Wände – bis ich Julie wieder sehen konnte. Bis ich wusste, dass ich Elisabeths Kerze nicht mehr tanzen lassen würde.
Wo war mein Zorn nur hergekommen? Ich musste es verstehen! Wenn ich nicht aufpasste, würde ich sonst noch ein Feuer ausbrechen lassen. Und das könnte im schlimmsten Fall Julies Leben einfordern!
Mein Blick fiel wieder auf Julie, die sich so geduldig um diese Maria kümmerte. Sie war ihr eine Freundin und ein Dienstmädchen geworden. Nur weil Elisabeth sie mitgenommen hatte, nachdem sie zugelassen hatte, dass Timmy …
Machte ich Elisabeth für Timmys Tod verantwortlich? Dabei war der Befehl eigentlich von ihrem Vater gekommen. Und Sir Stark hatte das Schwert geschwungen … Wäre also nicht der Lord schuldig?
Etwas in mir fühlte sich kribbelig an, als ich zu dem Mann schaute. Er lachte zu Alexanders Worten. Lobte seine Tochter. Lächelte Maria dabei viel zu herzlich an. Hätte ich ihn nun kennengelernt, hätte ich dieses Verhalten vielleicht sogar für echt gehalten.
Vielleicht.
Mein Zorn flammte so rabiat auf, dass der Kamin aufleuchtete. Flammen schlugen heraus und eilig kamen zwei Dienstboten angerannt, um das Feuer einzudämmen. Sir Stark schob sich zwischen die Flammen und Maria. Ich hörte, wie Marias Vater irgendetwas Beschwichtigendes sagte. Wie er anbot, den nächsten Raum zu besichtigen.
Und ich hörte Julies leises: „Timothy!“
Erschrocken ließ ich von meinem Zorn ab. Er hatte mich überfallen. Warum? Ich war seit Jahren in diesen Hallen unterwegs. Seit Jahren kannte ich die Wahrheit und diesen widerlichen Lord. Warum kam meine Wut also so plötzlich? Weil unsere Abreise so greifbar war? Weil es Julie endlich gutging?
Und Timmy vergessen wurde?
Entschuldigend strich ich durch Julies leere Finger. Am liebsten würde ich mit ihr darüber sprechen. Am liebsten würde ich ihr die Wahrheit sagen. Vielleicht würde sie dann auch dieses Haus niederbrennen wollen?
Genauso wie ich …
Während der restlichen Führung schluckte ich meine Gefühle herunter. Ich tanzte um die Menschen herum. Lauschte den ersten Eheverhandlungen. Wartete, bis Marias Vater sich endlich zurückzog. Beobachtete, wie die anderen sich zum Tee niederließen. Wie Julie mit Sir Stark etwas Abstand suchte, damit die hoffentlich-bald Verheirateten etwas Zweisamkeit genießen konnten …
„Was hast du dir dabei gedacht?“, hauchte Julie aus.
Irritiert schüttelte ich mich. Sie durfte nicht so offensichtlich mit mir sprechen. Das war gefährlich! Was, wenn Sir Stark bemerkte, dass sie mit einem Geist sprach?!
Entschlossen verharrte ich mit etwas Abstand vor ihr.
„Timothy …“, machte sie jedoch weiter, „Warum-“
Ich hörte nicht weiter zu, als sich Sir Stark nach ihr umdrehte. Hastig schwebte ich diesmal nicht durch Julie hindurch, sondern verweilte in ihr. Mein Blick verschwamm. Mir war, als würde ich erst auf Sir Stark, dann auf Maria und Alexander sehen. Als würde ich gefragt werden, ob alles in Ordnung wäre. Als würde Maria zu mir herantreten.
Und so antwortete ich plötzlich auch mit Julies Stimme: „Nur ein kühler Windhauch.“
Als ich verwirrt gemustert wurde, huschte ich eilig weiter. Plötzlich sah ich wieder auf Julie. Auf Julie, die sich gepeinigt die Schläfen massierte. Auf Julie, die Schmerzen zu haben schien. Auf Julie, die schwerfällig abwank.
„Du siehst ganz blass aus“, Maria wank Sir Stark beiseite und strich über ihren Rücken, „Du solltest dich ausruhen, Julia.“
„Jul-“, was auch immer Julie antworten wollte, sie brach ab. Stattdessen nickte sie und entschuldigte sich bei ihrer Freundin.
Dennoch bestand diese darauf, sie auf ihr Zimmer zu geleiten. Sie entschuldigte sich bei Alexander und verschob die gemeinsame Teezeit auf den nächsten Tag, ehe sie Sir Stark anwies, ihren Gast zu seinem Zimmer zu führen.
Sie wollte sich selbst um ihre Freundin kümmern.
