B: Drohendes Unheil

Chem Waks Träume waren schon immer anders gewesen. Sein Kopf suchte ferne Welten auf, wenn er in die Trance fiel. Welten, die einem Menschen zu sonderbar, zu seltsam erscheinen würden. Doch für ihn? Für ein Wesen, das verdammt wurde, da es nicht die Zukunft seiner eigenen Welt sehen konnte?

Dafür jedoch die Zukunft von Liliths Heimat?

Nachdenklich musterte er die Wesen, die durch seinen Traum wanderten. Wesen, die mit Gesten und Gerüchen kommunizierten. Die Lichter ausstrahlten, um sich Gehör zu verschaffen. Die schrien. Die ihre Gedanken übertrugen ….

Einst hatte er zwischen ihnen gelebt. Einst hatte er mit ihnen gelacht. Einst hatte er sich dazu zählen können. Damals war er-

Als eines der Wesen sich ruckartig nach ihm umdrehte, wachte Chem Wak auf. Er krallte sich an seinem Nachttisch fest. Schnappte nach Luft. Erinnerte sich nur an die Augen. An diese alten, wissenden Augen, die seinen früheren so ähnlich gewesen waren.

Ob man ihn bemerkt hatte? Warum waren seine Gedanken im Schlaf auch nur zurückgewandert? Zurück zu seinem einstigen Freund, den er betrogen hatte, um diese kaputte Welt zu retten?!

Würde man sie nun finden können?

Schaudernd griff Chem Wak nach einer Wasserflasche und leerte sie in zwei Zügen. Sie war fast leer gewesen. Na toll. Dann musste er auch noch aufstehen, um eine neue zu holen. Denn sein Durst würde ihn daran hindern, ordentlich nachzudenken.

Durst. Das Verlangen hatte er auch erst hier kennengelernt …

Damit schleppte er sich nach nebenan. Er ließ die Flasche jedoch zurück. Lieber trank er direkt aus dem Wasserhahn. Halb erwartete er, dass ihn sein wahres Gesicht aus dem Spiegel grüßte. Nicht diese Maske, die er hier brauchte.

Es schmerzte, sich nicht mehr sehen zu können.

„Konzentriere dich. Los“, murrte er und warf sich das Wasser ins Gesicht, „Na komm schon …“

Er musste wissen, was die Zukunft bereithielt – ob seine Unachtsamkeit die Dinge verändert hatte …

In seiner Aufregung sprang er erst ein paar hundert Jahre zu weit nach vorn. Er sah Chaos. Dann viel zu große Städte. Gefolgt von kaputten Fahrzeugen und … Raumschiffen oder so.

Schüttelnd zog sich Chem Wak in die Gegenwart zurück. Seine Konzentration war zu schwach. Seine Kräfte schwankten. Dabei brauchte er doch eine Antwort! Er musste vorsichtiger agieren. Ohne seine Gabe zu stark erstrahlen zu lassen. Das würde ihn nur angreifbar machen. Sanfter also. Sanfter und-

Die Zeitung lag in seinen Fingern. Er war in seinem Büro. Mr. Brume stand an der Tür. Sein Fahrer war am Telefon. Er zitterte. Presste seine Faust gegen die Wand. Doch sprach er zu leise, als dass Chem Wak die Worte ausmachen konnte. Und so starrte er nur auf das Papier vor sich.

Ein Foto von einem verstorbenen Mädchen war vorne abgedruckt. Darunter die Überschrift. Was ist schlimmer: Eine altmodische Sekte oder die Vertreter der alten Schule? Als Chem Wak sah, dass das Mädchen nicht seine Lilith war, legte er das Papier beiseite. Nur eine weitere tragische Geschichte der Menschen. Kaum der Rede wert.

„Das ist zu gefährlich, Oli. Diese Kirche hat sie bereits fast- Oli!“, zum ersten Mal hörte Chem Wak seinen Fahrer schreien.

„Was ist los?“, fragte er ruhig.

„Eure Schwester … Sie-“

Eine Autoalarmanlage riss ihn in die Gegenwart zurück. Chem Wak fluchte. Er war zu angeschlagen, um einen erneuten Sprung zu wagen. Zumal es schwierig war, in genau denselben Moment zu reisen!

Welches Datum hatte auf der Zeitung gestanden?! Es war ein Sonntag gewesen. Nur … Welcher?

Kopfschüttelnd eilte er durch seine Wohnung und verfluchte dabei die noch immer tütende Autoalarmanlage. Wieso hatte er auch das Fenster im Bad offen gelassen? Er hasste es! Den Krach der Stadt. Die Gier der Menschen. Den Verrat, den sein bester Freund durch ihn verspürt haben musste …

Endlich suchte Chem Wak eine bedrückende Ruhe ein. Sie deprimierte ihn. Erinnerte ihn daran, wie er sich einst als Teil von etwas gefühlt hatte. Als Teil … einer Familie.

Wie aus dem Nichts war das Bild der Zeitung wieder in seinem Kopf. Er konnte das Datum vom übernächsten Sonntag lesen. Auch die Namen der Opfer: S. Dunn. (16). und T. Tinte. (16). Auch war der Name ihrer Schule angegeben. Auf dem Foto war jedoch nur eines der Mädchen abgebildet …

Chem Wak notierte sich die Fakten mit seiner schmierigen Sauklaue. Ob Lilith die Mädchen kannte? Was hatte sein Fahrer in der Vision sagen wollen? Hatte Lilith zu dieser Kirche gewollt? Zu dem Vater, dieser T. Tinte, der trotz aller Verdächtigungen nicht von der Polizei eingesperrt wurde?

„Wo bist du da nur reingeraten?“, flüsterte er in die Nacht und wählte schon fast die Nummer von Mr. Brume, ehe er sich stoppte.

Wenn es um die Leute in Liliths direktem Umfeld ging … Vielleicht sollte er dann auf ihren Stiefvater zurückgreifen? Der Mann war eh dafür eingestellt, dass er Chem Waks Recherchen erledigte. Und wenn er sich nicht direkt nach dem Mädchen erkundigte …

Nach dem zweiten Klingeln antwortete ihm ein verschlafenes „Hallo?“.

„Guten Abend“, grüßte Chem Wak zurück, „Ich würde gerne etwas spenden. am besten an eine Kirche. Haben Sie schon einmal etwas von Mr. Tinte gehört?“

„Bitte …“, es raschelte, „Mr. Belial, es ist halb drei.“

„Und?“, gab er fordernde von sich, „Was hat das mit Mr. Tinte zu tun?“

„Ich-“, angestrengtes Atem begegnete ihm, „Gar nichts. Mein Fehler.“

„Gut. Mr. Tinte und andere seiner Art – Ich möchte alles über sie wissen. Ich erwarte Ihre Recherchen bis morgen früh um acht auf meinem Schreibtisch.“

Damit beendete Chem Wak das Gespräch. Er wusste, dass er Liliths Stiefvater überstrapazierte. Doch war es die einzige Möglichkeit, ihn bei Vernunft zu behalten. Zumindest, bis sie erkannte, was mit dem Mann nicht stimmte.

Seufzend ging er zurück ins Bett. Legte sich hinein. Lauschte der fernen Autoalarmanlage. Dachte an die Augen, die ihn angesehen hatten. Erinnerte sich an seine Vision …

„Das wird eine lange Nacht“, murrte er.

Denn einschlafen würde er nun nicht mehr können.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..