M: In der Sommerhitze II

Die Ungewissheit machte Johny fertig.

Er würde definitiv mit Angeline die Tage sprechen müssen. Wenn sie das nächste Mal mit einem Einbrecher ins obere Stockwerk verschwand, brauchte er freie Sicht! Die geschlossenen Vorhänge und Fensterläden ließen ja nicht einmal vermuten, wo sich die Schwangere derzeit befand. Er vermutete nur, dass es ihr noch gut ging. Immerhin schienen sich die Leute in der Stube wieder etwas entspannt zu haben.

Soweit es ihnen mit der bewaffneten Kim im Raum möglich war.

„Und? Wäre nun eine Wärmebildkamera hilfreich?“, murrte Sissy, die wieder zu ihm zurückgekehrt war, als die Schwangere mit Lucas hoch gegangen war.

„Klar, weil ich die auch jederzeit mit mir rumschleppen würde.“

„Ich habe dir deine Tasche gebracht“, korrigierte sie ihn und lehnte sich näher, „Scheint sich aber wieder entspannt zu haben. Ob sie es im Griff hat?“

„Hm“, mehr Vermutungen wagte er nicht zu äußern.

Schon jetzt machte er sich Sorgen, was ihre Mom zu dem Fiasko sagen würde. Hätte Johnny das Haus überprüfen müssen? Warum waren ihm die Einbrecher entgangen? Wegen der Hitze? Hätte er bereits eingreifen sollen? Oder war es gut, dass er Angeline freie Hand ließ? Obwohl er die Schwangere vor jeglichen Risiken bewahren sollte?

„Wenn du dir noch mehr Sorgen machst, platzt dein Kopf“, murrte Sissy ihm entgegen.

„Was soll ich sonst machen? Mit dir Pokern?“

„Nein“, sie klopfte ihm sachte auf die Schultern, „Durchatmen.“

Durchatmen. Das sagte sie immer, wenn er sich zu große Sorgen machte. Egal, ob er kurz vor einer Klausur oder einem Auftrag für ihre Mom stand. Immer hieß es: Durchatmen. Der Rest käme von alleine.

Als er das leise Brummen eines Fahrzeugs vernahm, schwank sein Blick zur Seitenstraße. Er wollte auflachen.

Wie konnte seine Schwester nur immerzu Recht behalten?

„Zieh dich zurück. Wirklich jetzt“, befahl er.

„Du willst Radius einweihen?“, hinterfragte sie mit Blick zur Straße.

„Sie wird so oder so ins Haus wollen. Wenn ich mich zu erkennen gebe, kann ich zumindest das Schlimmste verhindern. Zumal sie mich die letzten Wochen eh misstrauischer beäugt hatte“, er sicherte mürrisch das Gewehr.

Sissy nickte abgehackt. Dann drückte sie seine Waffe runter, um ihn in die Arme zu schließen.

„Ich hab‘ dich lieb, Kleiner.“

Obwohl Johnny schon lange nicht mehr kleiner als sie war, so nahm er die Worte bereitwillig an. Wenn sich Radius nicht mehr an ihn erinnerte, wäre er so gut wie tot. Man müsste sie nur auf dem falschen Fuß erwischen und ihre Reflexe würden die Oberhand gewinnen. Und dann wäre er kaum mehr eine Erinnerung.

Eine Erinnerung, die Sissy gerne ein letztes Mal als ihren Kleinen betiteln durfte.

Eilig schob er seinen Zigarettenbeutel über die Waffe, während er die Tasche mit der Munition und dem Stativ über seine Schulter schwang. So sähe er gewöhnlicher aus. Er musste nur zusehen, dass der Griff der Waffe zwischen seinem Arm und Oberkörper eingeklemmt blieb.

In dieser Kleinstadt achteten die Menschen eh nicht so genau auf andere.

Er huschte um die Ecke auf das neu eingeparkte Auto zu. Viel konnte er aus seinem Winkel nicht erkennen, da er sich zu stark in der Fensterscheibe des Wagens spiegelte. Doch konnte Radius noch nicht zu weit gekommen sein. Wenn sie gar schon ausgestiegen war.

Immerhin wusste sie ja noch nicht, was in ihrem Haus vor sich ging.

„Radius?“, er klopfte gegen den Türrahmen, „Ehm, hätten Sie einen-“

„Klappe und Zeug ablegen. Jetzt“, erklang es hinter ihm.

Johnny schluckte. Dennoch gehorchte er. In der Spiegelung erkannte er, dass sie etwas in der Hand hielt. War das eine Pistole? Oder ein Messer? Beides wäre auf die Entfernung verheerend!

„Ich weiß, es ist lange her, aber-“

„Klappe“, unterbrach sie ihn erneut, „Oder muss ich erst dafür sorgen, dass Ruhe herrscht?“

Das lief absolut nicht gut.

Unschlüssig beobachtete Johnny, wie sie seinen Beutel mit der Waffe musterte. Dann kickte sie diesen um und wies ihn stumm an, auch die andere Tasche fallen zu lassen, ehe sie ihm gestattete, sich umzudrehen.

Ihre Augen waren so kalt, als würden sie ihm seinen Tod prophezeien.

„Meine Tochter hat dich bezahlt, damit du auf sie aufpasst. Womit?“, fragte sie leise.

„Der Preis geht an Mona“, Johnny zwang ein Lächeln hervor, „Du kennst Mom ja. Deswegen sollte ich hier ein Auge auf deine Kleine haben. Nur die besten für die Jades.“

Er hatte sich bemüht, so viele Stichworte wie nur möglich in seine Antwort zu packen. Damit Radius erkannte, dass er kein kleiner Fisch war. Damit sie sein Gesicht einordnen würde. Damit sie ihm vertraute.

Und es schien zu funktionieren. Ihr Revolver senkte sich ein Stück. Dennoch blieben ihre Augen kalt. Ihr Blick starr.

„Und warum traust du dich dann auf meinen Grund und Boden?“

„Besucher“, Johnny verfiel bei ihrem Tonfall direkt in eine angespannte Haltung, „Zwei. Mann und Frau. Deine Tochter scheint sie zu kennen, doch sind beide bewaffnet ins Haus eingedrungen und-“

„In mein Haus?“, unterbrach Radius ihn.

„Ehm, ja. Aber ich glaube-“

„Mich kümmert nicht, was du glaubst, John.“

Er zuckte zusammen. Schon lange hatte ihn niemand mehr so genannt. John. Diesen Namen hatte Mona früher nur benutzt, wenn er Mist ausgefressen hatte!

„Gut. Aber … Ich würde ungern die Situation eskalieren lassen. Ihr Mann und die Polizistin sind gefesselt. Ihre Kinder wurden bereits allesamt bedroht. Ein falscher Schritt und-“

„Tyler auch?“, hauchte sie aus.

„Ja?“, Johnny schluckte den restlichen Bericht herunter, doch schien Radius zu bemerken, dass noch mehr vorgefallen sein musste.

„Dann wirst du dich jetzt auf deinem Posten positionieren und gehorchen“, befand sie kühl.

„Ich … habe meine Aufgaben?“

„Ja. Und nun bekommst du noch mehr. Immerhin bist du hier, um meine Tochter zu beschützen, oder? Und wie erfolgreich du nur bist!“

„Ich-“, Johnny bekam keine Chance zu antworten.

„Auf deinen Posten. Halt mir Mann oder Frau vom Hals, bis ich mit dem anderen fertig bin. Ich räume da drinnen auf. Und danach mache ich mit dir weiter, klar?“

„Ja“, entglitt ihm die Antwort fiepend.

„Was stehst du hier noch rum?“

Johnny stolperte fast über seine Füße, als er die Taschen und seine Waffe auflas. Er eilte wieder in die Nebenstraße. Überprüfte kurz die Zufahrten. Zog dann seine Waffe erneut heraus.

Auch wenn er Radius den Rücken freihalten sollte, so wollte er weder Kim noch Lucas umlegen. Beide waren seiner Mom zu wichtig. Aber sich mit Radius anzulegen, wäre sein Untergang …

Kurzerhand zog er einen Laserpointer aus seiner Tasche und klebte ihn am Gewehr fest. Dann richtete er den roten Punkt auf Kim.

Einen Moment später erstarrte die Rothaarige. Sie starrte in seine Richtung. Schien jedoch den Trick nicht zu bemerken. Oder hielt sie seine Waffe für entsichert? Was wusste er schon! Immerhin konnte er sie so in Schach halten, während Radius reinkam und ihre Kinder begrüßte.

Johnny beobachtete, wie sich die Situation in der Stube entspannte. Wie Radius rauseilte. Wie die Polizistin befreit wurde, ehe sie nach einigem Hin und Her Kim absuchten.

Als er dann noch erkannte, wie Angeline und Lucas runterkamen und sich mit Radius unterhielten, atmete Johnny auf. Er bekam kaum mit, wie die Polizistin umhereilte, ehe sie Dannis Ketten mit ein paar Büroklammern löste. Gerettet. Nun könnte nichts mehr schief-

Ehe er den Gedanken beenden konnte, zog Danni ein Messer aus dem Ärmel und warf sich auf Radius. Panisch riss Johnny das Gewehr herum. Er wollte schießen, doch war die Waffe noch gesichert. Seine Finger stießen gegen den Laserpointer. Er griff nach dem Abzug-

Doch ging Danni bereits zu Boden. Die Polizistin hatte ihn erschossen.

Unschlüssig betrachtete Johnny die Situation. Er schüttelte sich kurz. Begutachtete, wie Radius sich fing. Wie sie dennoch überrumpelt wirkte.

So, wie Danni sie angegriffen hatte, war es keine Tat im Affekt. Er hatte nach dem Messer gegriffen, dass er seit der Küche bei sich trug. Das er nicht einmal genutzt hatte, als Kim ihn überrumpelt hatte. Er hatte es extra für Radius aufgespart. Er …

Er war Niklas Schläfer gewesen. Und mit seinem Tod waren sie nun alle in Gefahr.

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