M: In der Sommerhitze I

Johnny streckte die Arme auf dem Rückweg zu seinem Postengen Himmel. Das Tournier des Stromjungen war so langweilig gewesen! Daher waren ihm schon fast in der Turnhalle die Augen zugefallen. Hinzu kam das Mittagstief in der brütenden Julihitze, welches eine Pause des langen Tages verlangte. Was würde er nur dafür tun, mit Sissy zu tauschen! Sie hatte immerhin derzeit die Nachtschichten für die Überwachung der Stroms.

Erschöpft ließ er seinen Requisitenbeutel fallen, lehnte sich gegen seinen Laternenpfosten und starrte in das Blätterdach über ihn.

Es war so langweilig! Solange Radius‘ Mann nicht da war, hatte er sogar noch weniger Interesse daran, Babysitter zu spielen. Was sollte einer Schwangeren in einer Kleinstadt schon passieren? Zumal die Polizistin gerade bei ihr war. War seine Mom zu übervorsichtig? Oder er zu nachlässig? Immerhin wusste Johnny, dass die Lager in Merichaven angespannt waren. Es fehlte nur ein Funke, um den nächsten Bandenkrieg mit Franky anzufeuern. Ganz zu schweigen von den politischen Verschiebungen …

Gähnend lief Johnny ein paar Schritte in Richtung Straße, um wach zu bleiben. Dabei schüttelte er seine Arme aus. Dann machte er sich auf den Rückweg zu seinem Zigarettendepot. Das war immerhin sein Cover. Er durfte das Zeug nicht unbeaufsichtigt rumliegen lassen. Und er musste-

Sein Routineblick glitt über einen Schatten, hinter den Fensterscheiben des Stromhauses. Überrascht blieb er stehen und begutachtete den Mann, der sich in der Küche rumtrieb. Dieser wirkte unschlüssig. Suchend. Als würde ihm etwas fehlen. Als würde … Als würden ihm Anweisungen fehlen?

Johnny verschränkte die Arme, während er sich zwei Schritte von seinem Beutel entfernte, um einen besseren Blick auf Radius‘ Mann zu erhaschen.

Danni Strom pendelte zwischen Schrank, Kühlschrank und Tisch hin und her. Dabei schaute er auch unter den Tisch und hob jeden möglichen Zettel an. Briefe, wenn Johnny sich nicht irrte. Oder Fotos? Konnte sein. Suchte er irgendwelche Post? Warum fragte er nicht nebenan nach? Seine Kinder und die Polizistin saßen nur zwei Türen weiter in der Stube!

Allerdings schien Danni die Polizistin jedes Mal zu meiden …

Nachdenklich runzelte Johnny die Stirn, während sein Kopf mehrere Möglichkeiten durchspielte. War Danni ein Schläfer? Gehörte er zu Niklas‘ Leuten? Oder war er einfach nur kaputt? Immerhin hatte seine Mom ja der Eliminierung widersprochen. Obwohl die Indizien darauf deuteten, dass Danni kein Unschuldslamm war.

Oder hatte Johnnys Mom ihre Entscheidung nur wegen Radius so getroffen?

Plötzlich zuckte der Mann zusammen. Johnny beobachtete überrascht, wie er sich hastig ein Messer aus der Schublade holte und es in seinem Ärmel verschwinden ließ, nur um sich dann neben dem Kühlschrank zu verstecken. Ein Verhalten, dass dem stummen Beobachter nicht fremd war. Er hatte es schon häufiger erlebt. Immer, wenn sich dieser Danni ertappt zu fühlen schien.

Dennoch bekam Johnny Bauchweh, als Angeline die Küche betrat.

Auch die Schwangere schien sich vor ihrem Vater zu erschrecken. Ihre Augen wirkten verängstigt. Es war ein eingebrannter Blick, der sie seit ihrer Rückkehr aus Merichaven zu verfolgen schien. Dennoch befürchtete Johnny, dass er vor Danni gerechtfertigt war.

Wenn Mona ihm doch nur erlaubt hätte, seine Bedenken mit dem Mädchen zu teilen! Sollte sie denn nicht wissen, wie gefährlich ihr eigener Vater sein könnte? Unter Stress stand sie doch eh schon!

Angespannt tastete Johnny nach seinem Handy. Dann nach der Pistole mit den Leuchtkugeln. Zur Abschreckung oder Ablenkung hatten diese meist gereicht.

Es sei denn, ihm fiel etwas Besseres ein …

Zügig schaute er wieder nach Angeline, die an ihrem Vater vorbei geschlendert war. Die viel zu steif stehen geblieben war. Und Danni, der die Hand nach ihr sinken ließ …

Johnny brauchte eine Ablenkung! Er hatte schon mehrfach dafür gesorgt, dass ein Rasensprenger überraschend anging, um Personengruppen aufzulösen. Um ein mögliches Gespräch zu verhindern. Oder um eine Flucht zu ermöglichen. Zuletzt hatte er sich auch bei auf die Geburtstagsparty der Zwillinge gemischt. Er hatte etwas von Sissys zermahlenen Schlaftabletten in die Getränkte der wilden Gäste gestreut. So hatte sich die Schwangere früher zurückziehen können und der gehetzte Blick war aus ihren Augen verschwunden.

Deswegen hatte Sissy ihn am nächsten Morgen auseinander genommen, weil er das Pulver nach Lust und Laune verteilt hatte. Es wäre gefährlich gewesen, wenn jemand das Zeug nicht vertragen hätte oder zu viel abbekommen hätte. Doch dafür hätte man eh mehrere Becher auf einmal ausleeren müssen …

Zügig strich Johnny seine Möglichkeiten. Schlaftabletten hatte er nicht mehr. Der Wassersprenger lag seit Johnnys letztem Gebrauch in der Garage. Seine Leuchtkugeln würden seine Position zu schnell offenlegen. Er könnte vielleicht noch die Autoalarmanlage der Polizistin auslösen? Aber dann würde eine Armada von Polizisten ausschwärmen. Vielleicht sollte er einfach-

Er stockte. Angespannt griff er nach seinem Telefon. Blind flogen seine Finger über die Tasten. Der Rufton erklang wie ein alter Freund.

Nach dem zweiten Klingeln nahm Sissy mürrisch ab: „Was?!“

„Bring mein Notfallzeug“, wies er sie an und legte sofort wieder auf.

Zu lang durften ihre Telefonate nicht sein. Zumal er sie eh nicht weiter aufhalten wollte. Nicht, wenn noch mehrere andere Personen im Haus waren. Personen, die sich zu flüssig bewegten. Deren Schemen er nur verschwommen durch eines der Treppenfenster ausmachen konnte. Die nun in die Stube schossen-

Der Mann war als erstes im Zimmer. Mit einer zügigen Bewegung schlug er der Polizistin gegen den Hinterkopf, sodass sie zu Boden ging, ehe die Stromkinder gar aufgucken konnten. Dann drückte die Frau Marie ins Sofa, als diese aufstehen wollte und zeitgleich richtete der Mann den Lauf seiner Waffe auf Tyler, während sein Zeigefinger warnend auf seinen Lippen ruhte.

Die Geschwister erstarrten.

Johnny trommelte gegen seinen Oberschenkel, während er beobachtete, wie die Frau die Polizisten mit deren Handschellen an irgendetwas fesselte. Er hasste es, nichts tun zu können. Aber er brauchte Sissys Unterstützung, ehe er eingreifen konnte. Wo blieb seine Schwester nur?!

„Komm schon“, murmelte er vor sich hin.

Hastig flogen seine Augen zum Küchenfenster. Angeline und ihr Vater schienen bemerkt zu haben, dass etwas nicht stimmte. Wenn die Schwangere doch nur in seine Richtung blicken würde, könnte er sie warnen! Er musste sie da rausbekommen. Die Schwangere war seine Priorität. Die anderen Stromgeschwister könnte er später auch noch rauszerren. Aber Angeline durfte nichts passieren!

Ehe er sich versah, trat Danni in den Flur und wurde sogleich von der rothaarigen Frau gestoppt. Er war zu langsam gewesen. Einen Moment früher und sie wäre noch damit beschäftigt gewesen, die Polizistin zu fesseln. Verdammt!

„Nun geh schon. Hau ab“, flüsterte er, als seine Augen sich wieder auf Angeline richteten.

Nur schien diese sich wieder etwas entspannt zu haben. Wieso? Sie musste doch um die Gefahr wissen!

„Das kann nicht dein Ernst sein“, hauchte er aus, als die Schwangere sich mit in die Stube führen ließ.

Nun würde sie gewiss bei ihrem Brüderchen bleiben wollen. Wie sollte er diese Scheiße nur auflösen?!

„Ging nicht schneller“, keuchte Sissy, als sie neben ihm stoppte, „Was los?“

Ohne nach ihr zu schauen, nahm er ihr die schwarze Tasche ab: „Zwei bewaffnete Eindringlinge. Haben die Polizistin gefesselt und Tyler als Geisel genommen.“

„Und nun Danni angekettet“, beschrieb sie das Kunstwerk der rothaarigen Frau, „Wie greifen wir ein?“

„Ich, ja. Du kannst gerne Däumchen drehen“, schimpfte Johnny, als er das Zielrohr ans Gewehr schraubte.

Die Zielkünste seiner Schwester waren schlimmer als seine, weil die Rückkopplung der Waffen ihr meist das Gleichgewicht raubte. Und solange er allein vorging, konnte sie immer noch als Backup dienen.

„Liebevoll! Du hast schon gesehen, dass der Kerl wie Lucas aussieht, oder? Und die Frau … Das war doch Moms Informantin, oder? Diese Kim?“

Johnny stockte. Blieb Angeline deswegen so ruhig? Aber … Seitdem sie in der Stube war, schien sie einzig Augen für Tyler zu haben.

Tyler, dem eine Waffe an den Hinterkopf gedrückt wurde.

„Sicher mir die Straße dahinten ab, damit mich kein Zivilist sieht“, entschied Johnny und nickte zur Seite, um Sissy endlich weg zu lotsen.

„Falls du dich nicht einmischst, sie dich aber trotzdem bemerken …“

„… dann platzt nur mein Cover“, wank er ab, „Ich krieg‘ das schon hin.“

Dennoch legte er die große Waffe erst an, als seine Schwester sich abgewandt hatte. Entschieden schob er die Munition ein und entsicherte das Gewehr. Dann zuckte sein Finger um den Abzug.

Es kostete ihn jegliche Kraft, nicht abzudrücken, als Lucas den kleinen Tyler vom Sofa riss, um ihn hinzurichten. Doch die Art, wie Angeline sitzen blieb, stoppte ihn. Sie wirkte so ängstlich. Aber auch irgendwie … gefasst.

Als sorgte sie sich auch um die Einbrechenden.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..