M: Ein eigenwilliger Fund I

„Von hier aus muss ich wieder zurück. Tut mir leid, Junge“, murrte der Fahrer des LKWs.

„Schon gut. Ich komme schon klar“, entgegnete Johnny mit einem geübten Lächeln.

„Huh“, der Mann schüttelte jedoch den Kopf, „Wenn du meinst.“

Johnny ging nicht weiter auf den Fahrer ein. Er war nützlich gewesen, um ungesehen von den Straßen vor Merichaven zu verschwinden. Um keine direkten Spuren zu hinterlassen. Um von Niklas‘ Radar zu verschwinden …

Und nur das zählte.

Deswegen hatte er vorgegeben, auch nach Kriegsheim zu müssen. Es lag eh auf seinem Weg. Und durch Dörfer konnte er ungesehener reisen. Dort gab es weniger Kameras. Weniger Überwachung. Die Leute vertrauten eher auf die Augen ihrer Mitmenschen.

Sobald der alte Mann mit seiner Ladung beschäftigt war, schlüpfte Johnny fort. Seine Lieferungen interessierten ihn nicht. Es waren nur irgendwelche Spenden für die Kirche. Büroartikel, die in den kommenden Wochen verteilt werden sollten. Sein Fahrer gehörte einem Verein an, der die entlegensten Kirchen unterstützte. Damit die Pfarrer oder so alles verteilen könnten.

Johnny war nie sonderlich gläubig gewesen. Er respektierte den Glauben anderer, ja. Aber er konnte nicht viel zu den Gebeten seines Fahrers beisteuern, als dieser ihn mitgenommen hatte. Stattdessen hatte er nur genickt und so getan, als würde er dasselbe murmeln. Damit ihn der Mann nicht für jenen Kriminellen hielt, aus denen seine Familie eh gänzlich bestand.

Nun musste er nur noch aus diesem mickrigen Dorf irgendwie bis nach Havbolt kommen. Ob er sich dafür ein Auto stehlen sollte? Busse fuhren hier gewiss nicht. Dafür war der Ort zu klein. Es gab ja generell kaum Fahrzeuge. Ob es zu offensichtlich wäre, wenn er sich eines davon ausborgen würde?

Murrend zog Johnny eine Karte aus seinem Rucksack. Er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Er vermisste die Zeit, in der er einfach auf Radix und ihre Kinder achtgeben sollte. Als er noch in Raptioville Ausschau gehalten hatte. Einfach Beine in den Bauch stehen und abwarten.

Nun sollte er hingegen nach Havbolt und seine Schwester Jen sowie ihren Knaben abholen. Auch musste er danach nach Centy, um ein Gerücht zu überprüfen. Er hatte eine halbe Weltreise vor sich. Eine, bei der er ungesehen bleiben musste – aber bei der er sich dennoch beeilen sollte.

Die Leben seiner Familienmitglieder standen auf dem Spiel!

„Was habt ihr euch dabei gedacht?! Ma hat schon genug Stress!“, peitschte eine Stimme durch seine Gedanken, „Ihr wisst, dass ihr zum Mittag zurück sein sollt!“

Überrascht blickte Johnny auf den Rücken eines Jungens, der drei weitere Kinder zurechtwies. Sie sahen fast alle gleich groß aus. Um die zehn oder zwölf Jahre. Dennoch schienen die anderen drei zu ihm aufzusehen. Es erinnerte Johnny an Jory. Und wie sein älterer Bruder ihn früher immer zur Ordnung angehalten hatte. Selbst Billy hatte stets den Kopf eingezogen. Jory war der älteste gewesen. Er-

„Komm schon, Nik. Es war nur ein Streich“, behauptete das zweitgrößte Kind, „Und wir wollten eh gerade los …“

Johnnys Innerstes spannte sich bei dem Spitznamen an. Er musste an den Niklas aus Merichaven denken. Der Mann, der erst vor wenigen Wochen den Tod einer jungen Mutter zu verantworten hatte. Der ihre Tochter entführt hatte. Der den Vater des Kindes ins Koma geschickt hatte. Der so den Sohn um beide Eltern betrog …

Und der Johnnys großen Bruder – seinen Jory – einst über Jahre gefoltert hatte!

Stumm atmete Johnny durch, während er sich hinter der Karte versteckte. Es war nur ein Name. Ein gewöhnlicher Name. Einer, der nicht nur auf eine Person gemünzt war. Jeder konnte sich so nennen!

Von der neuen Erkenntnis gestärkt, faltete er das Papier zusammen und blickte erneut zu den Kindern herüber.

„Alles gut? Haben Sie sich verlaufen?“, fragte ihn der größte Junge vorsichtig.

Johnny setzte die Maske des Zigarettenverkäufers auf. Eine, die er jahrelang getragen hatte. Die ihm ins Blut überging. Denn nur so konnte er seine Züge kontrollieren!

„Nah! Jeht. Hab‘ meen‘n Mund nu zu voll jenomm’n“, er schüttelte lachend den Kopf, „Will ‘ne Wette jewinn’n und muss mojen eijendlich in Havbolt seen“, er wank mit der Karte.

„Du willst nach Havbolt? Zu … Fuß?“, fragte eines der anderen Kinder.

„Wenn ick keen’n find, de mich mitnimmt?“, erwiderte Johnny.

Doch waren seine Gedanken nicht bei dem Gespräch. Lieber studierte er die Züge dieses … Niks. Er sah fast genauso aus, wie der Niklas aus Merichaven! Nur … Ja. Die asiatischen Züge in seinem Gesicht erinnerten ihn an den alten Kyong. Oder eher an Danbi?

An die Frau, die Niklas geliebt hatte? Die Jory damals aus Merichaven fortschaffen sollte? Sie war ihm nach einigen Monaten entwicht, oder? Jory hatte sie Wochen lang gesucht, ehe er ihren Leichnam vor Merichaven gefunden hatte. Erst dann war er zurückgekehrt.

Das Kind unter ihrer Brust soll aber gefehlt haben. Sie hatte es irgendwo entbunden, ehe sie gestorben war. Das war vor … dreizehn Jahren, oder?

Das Alter konnte optisch mit dem Jungen übereinstimmen. Sein Gesicht auch. Sein Name … Es waren zu viele Zufälle!

„Wie bist du überhaupt hierher gekommen? Fast niemand verirrt sich nach Kriegsheim!“, bemerkte eines der jüngeren Kinder. Erst nun musterte Johnny es still. Es sah genauso aus, wie das zweite daneben. Ob sie Zwillinge waren?

Ob so auch die Zwillinge aus Merichaven in ein paar Jahren aussehen würden? Wenn sie sich je wiedersehen würden?

„Wa de beste Deal“, Johnny zuckte mit den Schultern, „Habta eene Karre für mich? Oda wo muss ick lang?“

„Ma hat kein Auto“, gab dieser Nik von sich, „Wenn du aber nach Havbolt laufen willst, musst du dort lang. Einmal durch den Wald und an den Feldern vorbei.“

„Zeegste den Wech?“, Johnny gab sich so ungefährlich, wie er nur konnte, dennoch schien der Junge sich unbehaglich zu fühlen.

„Wir müssen eh da lang. Wir wohnen da hinten. Im Waisenhaus“, mischte sich der eine Zwilling wieder ein, während sich der zweite hinter dem ersten versteckte.

Nickend ließ Johnny sich den Weg entlangführen. Er gab sich albern. Lässig. Dennoch schienen die Kinder ihm das nicht abzukaufen. Sie schienen vorsichtiger als gewöhnliche Kinder zu sein.

Das nervte.

An einem kleinen Holzkreuz wurden sie langsamer. Johnny beobachtete, wie sie kurz zu den Blumen hinüber schauten. Es war ein buntes Meer an Blüten. Wild durcheinander. Und irgendwie auch schief. So glaubte Johnny neben den Schneeglöckchen Tulpen und neben den Tulpen Mohn zu sehen. Als gäbe es für diese Pflanzen keine Jahreszeiten.

Kopfschüttelnd murmelte er, dass es fast magisch wirke. Er gab sich bei den Worten etwas benommen. Als ob er gerade etwas geraucht hätte. Das hatte in Raptioville immer geholfen, damit ihn die Leute nicht ernst nahmen. Damit sie sich sicher fühlten.

Die Kinder schienen jedoch nach jedem Wort schneller zu laufen.

„Einfach der Straße folgen“, erklärte dieser Nik plötzlich, als er die anderen Kinder zu einem größeren Haus lotste, das zwischen den Bäumen auftauchte, „Ma wartet schon auf uns. Man sieht sich.“

Kurz darauf waren alle vier verschwunden.

Johnny tat so, als ob er der Straße weiter folgte. Dann stoppte er und sah zu dem Waisenhaus zurück. Er runzelte die Stirn. Wog seine nächsten Schritte ab. Einfach weitergehen? Oder zurück schleichen? Wie hoch standen seine Chancen, dass der Junge wirklich Niklas‘ Sohn war? Oder spielte ihm sein Verstand nur Streiche? Weil dieser Mann, dieser Struwwelpeter, dieser Teufel persönlich, aktuell seine Familie in Fetzen riss?!

Seufzend lehnte er sich gegen einen Baum, während er seine Optionen durchging. Johnny wusste, dass er nicht weiter konnte. Nicht, solange ihn die Ungewissheit plagte, dass hier ein zweites Monster aufwachsen konnte. Eines, das seiner Mom nicht einmal bekannt war.

Warum haderte er also noch so mit sich?

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