B: Ein Teil der Vergangenheit

„Aber du erinnerst dich nicht mehr richtig, oder?“

Sie ließ sich auf sein Bett fallen. Auf Lucas‘ Bett. Zum ersten Mal konnte sie die medizinischen Geräte richtig erblicken. Eines zeichnete verschiedene Werte auf. Ein anderes versorgte ihn mit einem Plastikschlauch. Daneben war noch eines mit einer Atemmaske. Eine, die er extra für sie abgesetzt hatte, wenn sie die schwingenden Schlaufen daran richtig einschätzte.

„Ich … Ich erinnere mich, Lilith Bach gewesen zu sein. Aber hier bin ich Liane Rivers. Nur fühlt sich der Name nicht richtig an. Er-“

„Weil du immer noch Lilith bist.“

Ja. Seine Worte waren so einfach. So echt. So … rein?

„Das kann nicht sein. Lilith ist vor Ihnen auf die Welt gekommen. Und Liane hier ist ein Teenager. Wie sollte sie Ihre Schwester sein?“, widersprach Oliver.

Ja. Es machte rechnerisch keinen Sinn. Der Mann vor ihr, der ihr Babybruder sein sollte, war ein Greis! Außerdem sollte sich Lucas doch eigentlich gar nicht an sie erinnern können sollen, oder? Er war ja noch so klein gewesen, als sie gegangen war … Nun. Nicht richtig gegangen. Sie …

Was war geschehen?

„Lilith ist um meinen ersten Geburtstag herum verschwunden. Unsere Eltern wollten sie verhungern lassen, doch hatte Martha das nicht zugelassen. Meine Hebamme war auch ihre gewesen, musst du wissen. Sie mochte Lilith. Sie schmuggelte Essen auf den Dachboden, wo unsere Eltern meine Schwester eingeschlossen hatten. Doch eines Tages wurde es nicht mehr angerührt. Martha hatte die Tür aufgebrochen und einen leeren Dachboden vorgefunden. Danach ging die Hexenjagd los: Erst wurden unsere Eltern verdächtigt, dann schmierten sie die Polizisten und ließen Martha als Sündenbock hinrichten. Sie hätte Lilith ermordet. Sie hätte sie verbrannt. Sie wäre eine Hexe. Nichts Ungewöhnliches in der damaligen Zeit. Immerhin konnte man es gut der Sekte anhängen, die sich frisch gebildet hatte. So wurden die Leute in den Norden der Stadt verbannt.“

Oliver keuchte leise auf. Ob er die Parallelen zu der Geschichte erkannte, die Liane ihm noch vor wenigen Stunden anvertraut hatte? Auch sie hatte gewusst, dass die Sekte damals stärker geworden war. Wer Martha wirklich war. Wer Lilith das Essen besorgt hatte …

Dennoch fehlte ein Puzzleteil. Eines, das sie selbst noch suchte.

„Du meintest, du weißt, was mit mir geschehen ist. Und du hast mich erkannt. Aber wir hatten uns doch kaum gesehen. Wir-“, sie hielt inne, „Du warst noch so klein gewesen. So tollpatschig.“

„Ja“, Lucas lächelte so zärtlich, dass sie das Baby in ihm wiedererkannte, „Vater starb im Krieg und ich stieß beim Ordnen der Papiere auf die Wahrheit. Seitdem Mutter ihre Taten bestätigt hatte, habe ich dich gesucht. Ich habe meine Tochter nach dir benannt. Ich habe wissen wollen, was wirklich geschehen war. Wie du verschwinden konntest. So habe ich vor ein paar Jahren jemanden getroffen. Er hat mir gesagt, dass du zurück wärst. Aber als Baby. Er meinte, du wärst hilflos, weil eure Materie für den Weg angepasst werden musste. Dass er dich suche. Und dass er wissen wolle, wo sich die alte Lilith am häufigsten aufgehalten hatte. Doch hatten Mutter und Vater dich wie eine Gefangene gehalten. Sie hatten dich einzig zur Kirche zitiert, um vor allen als gute Gläubige dazustehen. Um anerkannt zu bleiben. Ich konnte ihm kaum weiterhelfen. Ich-“

Lucas hustete so heftig, dass Lilith aufsprang. Sie fühlte sich mehr den je mit ihrem alten Namen verbunden. Wollte nur ihrem kleinen Brüderchen helfen. Ihm etwas Wasser reichen. Einen Becher, den sie auf dem Nachttisch fand und hastig in seine Hände drückte.

„Danke“, zwang Lucas hervor, als sich sein Körper wieder beruhigt hatte, „Ich hatte nicht dein Glück … Glaube ich.“

Etwas in seiner Stimme klang so traurig, dass Lilith innehielt. Sie starrte in seine Augen. In diesen verzweifelten Blick. Es wirkte, als würde er leiden. Aber nicht aus eigenen Schmerzen. Eher … mit ihr?

Warum? Sie war nicht an ein Krankenhausbett gefesselt! Sie hatte einen recht gesunden Körper. Sie konnte hüpfen, springen, singen, auf Berge klettern. Warum bemitleidete er sie?!

„Wieso so unsicher?“, fragte sie vorsichtig.

„Weil …“, er hielt inne, „Wir alle nutzen, was Gott uns geschenkt hat. Dem einen wird ein kluger Verstand verliehen. Einem anderen scharfe Augen. Dir wurde das Ohr der Wahrheit gereicht. Zumindest würde ich es nach den Erzählungen so bezeichnen. Doch kannst du dadurch nicht nur die Wahrheit hören. Du lauschst in die Seele eines Wesens, oder? Du erkennst, was jemand sagen möchte, auch wenn dieser keine Worte nutzt. Auch wenn dieser in einer gänzlich fremden Sprache spricht.“

„Das klingt nun wirklich voll nach der kranken Sekte“, Oliver ergriff ihre Hand, „Bitte. Lass uns gehen. Das-“

„Aber Lucas hat Recht“, murmelte sie leise.

Sie spürte, dass Oliver sie nur beschützen wollte. Dass er Lucas‘ Worte für Gift hielt. Er sorgte sich um sie. Er-

Er glaubte Lucas, wollte es jedoch nicht zugeben.

„Liane – niemand kann die Wahrheit hören. Vielleicht hat man eine gute Menschenkenntnis. Ja. Oder Intuition. Aber das? Das ist doch …“

„Ich habe es erst auch nicht geglaubt. Aber es gab wohl eine Möglichkeit, seine Gabe zu teilen. Mit einem besonderen Stern. Einem dreizehnzackigen. Jede Zacke muss richtig ausgerichtet sein. Und es braucht eine Lücke in der Mitte.

Eine Lücke für den Schlüssel.“

Etwas an den Worten kitzelte eine Erinnerung wach. Vor ihrem inneren Auge sah sie Ketten. Punkte. Zeichen. Federn. Blut!

Ehe sie sich versah, krallten sich ihre Finger in ihren Haaren fest. Das Blut war ihres gewesen. Ja. Ihr Rücken hatte geschmerzt und sie war damals fast gestorben. Aber sie hatte sich auch willentlich dieser Gefahr ausgesetzt. Um den anderen zu helfen. Um … um …

Wer hatte sie damals begleitet?!

„Lilith.“

Lucas‘ Stimme war fest. So fest, dass sie sich auf ihn konzentrieren konnte. Ganz anders als Oliver, der sie mit ihrem anderen Namen rief. Der immer wieder fragte, ob alles in Ordnung wäre. Der nicht zu verstehen schien …

„Es geht schon. Es-“, sie drückte Olivers Hand, „Es stimmt. Wie sonst könnte ich sonst deine Angst, deine Sorge spüren?“, sie schaute zu Lucas, „ Soll ich deswegen … die Vergangenheit ruhen lassen?“

Lilith beobachtete ihren kleinen Bruder genaustens. Sie wusste, dass der Brief, dass ihr Talisman nicht von ihm stammen konnte. Dass er nicht Chemy war. Dennoch verstand sie die Botschaft endlich:

Sie sollte die Vergangenheit, so lange sie konnte, ruhen lassen. Damit sie ein einziges Mal über sich selbst bestimmen konnte. Damit sie sich nicht immerzu aufopfern musste.

Damit sie frei leben konnte.

„Hat dir das jemand gesagt?“, fragte Lucas.

„Es stand in einem Brief“, gab sie zu, „Ich solle die Vergangenheit ruhen lassen und alles einem Chemy überlassen. Damit er sein Versprechen halten könne.  Damit ich mir mein Leben gönnen könne.“

Der alte Mann lachte beherzt auf. Dann klopfte er zweimal auf ihre Hand. Er lächelte so sanft. Viel sanfter als ihr einstiger Vater David, dessen Züge er so stark teilte. Es wirkte befremdlich. Aber auch herzlich. Sanft. Langersehnt!

„Ich glaube, darauf kannst du vertrauen. Hier bist du nur ein Mädchen, Lilith. Ein Mädchen, das ihr Leben genießen sollte. Etwas, was du noch nie zuvor tun konntest, oder?“, fragte er sachte.

Sie nickte gedankenverloren.

Dann brachen die Tränen aus ihr hervor und sie drückte Lucas ganz fest an sich. Er roch alt. Und nach Zigaretten. Auch fühlte er sich zerbrechlich mit der verschrumpelten Haut an. Fast, als wäre er aus Papier.

Die Zeit war nicht gnädig mit ihm umgegangen.

„Ich bin froh, dich getroffen zu haben. Wirklich. Ich … Ich habe mir immer Vorwürfe gemacht, dass ich dich damals nicht beschützen konnte. Dass ich nicht gesehen hatte, was unsere Eltern für Teufel waren, bis Vater endlich starb … Du hattest das nicht verdient“, hauchte er ihr entgegen.

„Und ich bin froh, dass du nicht wie sie geworden bist“, flüsterte sie, „Danke.“

Das Telefon neben seinem Bett unterbrach ihren ruhigen Moment. Seufzend blickte Lucas auf das Gerät. Dann zu ihr.

„Das ist meine Tochter. Sie ist ziemlich besitzergreifend. Mutters Gene.“

„Du musst rangehen?“, grinste Lilith.

„Wenn ich nicht will, dass sie innerhalb der nächsten Stunde vorbeikommt?“, er nickte, „Ihr solltet besser gehen. Und-“, er wandte sich an Oliver, „Ich hoffe, dass du meine Schwester nicht zum Weinen bringst, Junge.“

„Ehm, ich hoffe auch?“

Damit verabschiedeten sie sich von Lucas. Lilith fühlte sich entspannter. Wenngleich sie wieder nach der Hand ihres Freundes griff, so war sie nun diejenige, die ihn nach draußen führte. Die seine Finger drückte, um ihn zu beruhigen. Sie spürte, dass Oliver ihren Bruder noch skeptisch gegenüberstand. Dass er es noch nicht ganz glauben wollte. Dass er jedoch auch froh war, dass sie nun raus gingen. Dass er weg wollte, um seine Gedanken zu ordnen.

Und dass selbst Lucas sie fort haben wollte. Damit sie sich nicht unwohl fühlen würde. Damit er sich nicht schämen müsse.

Sie blieb einen Moment länger hinter der Tür stehen. Und sie lauschte, wie sich die Stimme ihres Bruders verschob. Wie sie immer noch kratzig und alt, jedoch auch schroff und zornig klang. Ein Tonfall, den er Lilith ersparen wollte.

„Ihr habt alles, oder? Können wir?“, fragte Mr. Brume.

Verwundert schaute Lilith ihn an. Sie bemerkte die Pflegerin hinter ihm. Dann Oliver, der meinte, dass sie sich kurz mit einem älteren Bewohnern ausgetauscht hätten. Dass es hilfreich gewesen wäre.

Kurz darauf gaben sie ihre Besuchersticker ab und befanden sich wieder in Mr. Brumes Auto.

„Das klang alles ziemlich … seltsam“, bemerkte Oliver nach einer Weile.

„Die Wahrheit ist immer seltsam“, verkündete Lilith, „Das liegt in ihrer Natur.“

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