Timothy – Ehearrangements

Einen Tag nach Marias und Elisabeths Auseinandersetzung, stand die ältere  Schwester vor Julias Tür. Sie war in den Morgenstunden gekommen. In tiefster Dunkelheit und noch ehe das Haus erwachte. Nur sie und eine kleine Kerze, mit der sie ihren Weg beleuchtete.

Also durfte ich nicht die Beherrschung verlieren. Ich musste mein Gemüt zurückhalten. Keinen Zorn zulassen. Damit die Flamme ruhig blieb.

Damit Julia sicher war.

„In ein paar Stunden wird Vater meinen Tod verkünden“, eröffnete Elisabeth das Gespräch, „Du wirst dann bei meiner Schwester sein. Du wirst für sie da sein. Du wirst sie trösten. Vater wird daraufhin bekanntgeben, dass er Maria nicht mehr sehen könne, ohne an mich und Mutter zu denken. Er wird sie unseren Cousin Alexander heiraten lassen. Ihr werdet in sein Anwesen ziehen, wo du nach dem Ehevollzug seinen jüngeren Bruder heiraten kannst, um weiterhin für sie da zu sein. Allerdings nur, solange ihr nie wieder zurückkommt. Vor allem Maria. Sie muss sich von Vater und mir abwenden.“

„Dann wirst du nicht tot sein“, vermutete Julia still.

Zu meiner Überraschung huschte ein trauriger Blick über Elisabeths Gesicht. Sie starrte in die Kerze. Erschauderte.

„Seitdem ich von den Piraten entführt wurde, hat Vater mich nur noch Elisa genannt. Nicht, weil das mein Spitzname war. Es war der meiner Mutter. Er hatte mir verboten, mich mit anderen zu treffen, weil ich ja seine Frau wäre. Weil ich ja Mutter sein müsse, sonst wäre Maria nicht mehr am Leben. Er würde immerhin niemals die Mörderin seiner Frau am Leben lassen …“

Als ihre Stimme brach, zerbrach auch etwas in mir. Ich erschauderte. Erinnerte mich daran, wie ich Elisabeths Vater zum ersten Mal getroffen hatte. Wie ich schon damals das Gefühl hatte, dass er nicht seine Tochter gesehen hatte. Dass er durch sie hindurch zu blicken schien.

Doch hatte ich es damals nicht weiter beachtet. Ich war zu wütend gewesen. Weil sie Julie angelogen hatte. Weil wegen ihr Timmy tot war. Weil sie Julie nur für ihre eigene Schwester mitnehmen wollte. Weil sie selbst Timmys Mörder vor Julie als einen edlen Ritter vorstellte!

Hätte ich sie mehr verstehen sollen? Vielleicht hätte ich ihr helfen können? Vielleicht-

Nein. Niemand konnte mich derzeit sehen. Ich war nur ein Geist. Nur ein Zuhörer. Nur jemand, der die Flammen lenken oder ein Schaudern auslösen konnte. Selbst den Wind konnte ich ja nur bedingt lenken!

„Das ist nicht richtig, Elisabeth. Das-“

„Das ist mein Schicksal“, unterbrach die Madam, „Sobald mein leerer Sarg beerdigt wurde und ihr fort seid, wird Vater die Dienerschaft austauschen. Ich werde unter einen anderen Namen an den Altar treten und ihn heiraten. Nur so dürft ihr zwei hier fort. Und nur so kann Maria glücklich werden. Bei unseren Cousins seid ihr in Sicherheit, Julia.“

„Aber-“, sie seufzte, „Maria wünscht sich ein echtes Leben. Eine echte Liebe. Ihr den Mann zuzusprechen, der seit Jahren um deine Hand wirbt, ist-“

„Echte Liebe gibt es nicht“, unterbrach Elisabeth scharf, „Auch nicht bei Alexander. Er will mich nur haben, um Vaters Gunst zu erlangen und unsere Familien zu vereinigen. Sobald ich tot bin, werden sich seine Werbungen eh an Maria richten.“

Ich musste Julia nicht ansehen, um zu erkennen, dass auch sie die Worte bezweifelte. Elisabeth war wunderschön. Sie wurde als Engel gepriesen. Doch war es, als wäre ihr die Anmut von zwei Kindern vergönnt worden, während Maria nur ein sanftes Lächeln in die Wiege gelegt bekommen hatte. Über Jahre hatten daher die Lehrer gelästert, dass niemand Marias hässlichen Züge haben wolle. Dass selbst Julia – ein Kind aus der Gosse, wie die Mutigen sich zu sagen trauten – engelsgleicher erschien.

„Ich weiß nicht. Die meisten Männer gehen sehr nach dem Äußeren. Sie-“

„Nicht Alexander. Das hat Vater geschworen. Daher werde ich Vater auch erst ehelichen, sobald mein Cousin mit Maria verbunden ist.“

„Elisabeth, es-“

„Und Sir Stark wird euch begleiten.“

Ich war so überrascht, dass die Kerze flackerte. Eilig lenkte ich meine Gefühle um. Ich ermahnte mich zur Ruhe. Ich ermahnte mich dazu, nicht an Timmy zu denken.

„Aber du wirst Schutz brauchen. Sir Stark ist für dich verantwortlich. Er soll dich doch beschützen, seitdem …“

„Er würde sonst eh ausgetauscht werden“, murmelte Elisabeth und setzte sich auf das Bett, „Niemand darf wissen, dass ich noch lebe. Und ich vertraue ihm. Er wird Maria und dich beschützen. Das ist sicherer für euch. So braucht ihr euch um nichts zu sorgen.“

„Und warum …“, Julia setzte sich zu der Madam, „Warum vertraust du mir den Plan an, den du nicht einmal mit deiner Leibwache teilst?“

Stolz erfüllte mich, als ich ihr lauschte. Meine kleine Julie war so erwachsen geworden! Sie bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie stellte die Fragen, die auch mir durch den Kopf schwirrten. Hielt sich jedoch auch bedeckt. Unsichtbar.

„Ich habe dich nicht lesen und schreiben lernen lassen, damit diese Fähigkeiten in Vergessenheit geraten“, erklärte Elisabeth, „Ich werde mich bei euch melden, um mich nach eurem Wohl zu erkundigen. Und ich möchte, dass du mir antwortest. Ich brauche ehrliche Antworten. Zügige. Ich muss wissen …“, sie drückte Julias Hand, „Maria war für mich nie meine kleine Schwester. Sie war mir stets eine gute Tochter. Ich muss wissen, ob es ihr gut geht. Bitte. Ich ersuche dich inständig, mein Geheimnis zu bewahren und mir keine zu langen Antwortzeiten zuzumuten. Bitte, Julia.“

Ich lauschte der Zustimmung kaum. Beachtete das Gespräch nicht weiter. Meine Gedanken wanderten durch die letzten Jahre, während sich mein Blick nicht von Julia abwandte.

Als Elisabeth endlich das Zimmer verließ, war meine einstige Julie ein Wrack. Sie zitterte. Rutschte an der Tür hinab. Kauerte sich am Boden zusammen.

Sie schluchzte.

Ich blickte mich nach der Kerze um, die Elisabeth beim Rausgehen entzündet hatte, damit Julia nicht im Dunkeln ausharren musste. Dumpf erinnerte ich mich daran, wie Julia meinen Namen im Garten geflüstert hatte. Wie sie mich immer noch nicht vergessen hatte …

Sie war kein kleines Kind mehr. Sie würde sich keine Vorwürfe mehr darüber machen, mich nicht mehr sehen zu können. Sie … Sie brauchte mich, oder?

Sanft ließ ich die Flamme tanzen.

Vorsichtig sah Julia auf. Sie rieb sich die Augen. Trat näher an die Kerze heran. Blies-

Ich nährte das Feuer kurzzeitig. Nur für einen Augenblick. Nur solange, wie sie pustete. Damit die Flamme nicht erlosch. Damit Julia, nein, damit meine einstige Julie die Wärme spürte.

Sie runzelte die Stirn.

„Timothy?“

Wieder ließ ich das Element aufleuchten.

Ein Lachen entfloh ihr. Jedoch war ich mir unschlüssig, ob es aus Erleichterung oder Verzweiflung erklang. Ob sie ihrer eigenen Vermutung nicht trauen konnte? Ob sie mich für ein Irrgespenst hielt?

Aber war ich das nicht auch irgendwie?

Ehe ich mir einen Reim daraus bilden konnte, pustete sie noch einmal und verdunkelte das Zimmer schlagartig. Ich beobachtete, wie sie sich kopfschüttelnd auf ihr Bett setzte. Wie sie sich darauf zusammenrollte.

„Es wird Maria das Herz brechen, weißt du?“, murmelte sie.

Dann schlief sie unter Tränen wieder ein.

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