
Es dauerte fast zwei Wochen, bis wir das Anwesen von Elisabeths Familie erreichten. Zwei Wochen, in denen ich Julie nicht von der Seite wich. Ich konnte nicht. Ich hatte Angst, dass ich sonst vergessen würde, warum ich bei ihr blieb. Warum ich sie seit Monaten begleitete. Warum diese Madam und Sir Stark eine Gefahr für das Mädchen darstellten!
Es war eine Tortur.
Doch nicht nur für mich. Da Julie eingewilligt hatte, mit nach Frankreich zu kommen, musste sie nun auch eine andere Sprache lernen. Ihr Lehrer war ein dürrer, alter Mann mit schwindendem Haar, der ihr für jeden Fehler mit einem Stock auf die Finger schlug. Und obwohl diese Elisabeth Julie anständig behandeln ließ, so verbat sie dem Lehrer seine Methoden nicht.
Ich hasste es.
Schweigend schwebte ich um Julie herum, während sie in einer Kutsche saß. Elisabeth hatte bereits angemerkt, dass sie das Anwesen schon vom Schiff aus gesehen hatte. Anschließend hatte sie sich an den Lehrer gewandt und ihn angewiesen, mit Sir Stark erst einmal bei Julie zu bleiben. Sie sollten abwarten, bis sie alles mit ihrem Vater geklärt hätte.
Da Julie nicht auf Elisabeths Worte reagierte, wusste ich, dass die Madam in einer anderen Sprache gesprochen hatte. Das war wohl das einzig interessante, was sich mir in den letzten Tagen eröffnet hatte: Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich Französisch verstand. Hatte ich es zu Lebzeiten gelernt? Konnte ich es, weil ich ein Geist war? Oder gab es einen anderen Grund? Kam ich vielleicht sogar ursprünglich aus diesem Land?
„Warte hier, ja?“, Elisabeth drückte Julies Hand und für einen Moment wollte ich sie dafür aus der Kutsche schleudern, „Ich lasse dich gleich holen.“
Damit stieg sie aus und sprach draußen mit der wartenden Dienerschaft. Ich musste mich zusammenreißen, ihr nicht zu folgen. Nein. Das durfte ich nicht. Sonst könnte ich Julie oder mich wieder vergessen. Sonst-
War Timmys Tod meine Schuld?
Der Gedanke suchte mich so plötzlich heim, dass ich erschauderte. Wind peitschte gegen die Kutsche. Sie wackelte. Der Lehrer schimpfte. Julie sah kurz auf. Sie schaute in meine Richtung. Sah mich jedoch nicht an.
Sie konnte mich nicht mehr sehen …
Sobald die Erkenntnis sich in mir verankert hatte, ließ der Wind nach. Ich sackte in mich zusammen. Verdrängte die Erinnerungen an Timmy. An Julies Bruder, der nur gestorben war, weil ich vergessen hatte, wer ich war und dass ich ihn ja beschützen wollte.
Und nun musste Julie den Mörder ihres Bruders, einen brutalen Lehrer und jenes Mädchen begleiten, das über Timmys Ableben gelogen hatte!
Es dauerte nicht lange, bis dieser Sir Stark in die Kutsche blickte und Julie abholte. Auch der Lehrer begleitete die beiden. Sie würden zu dem Herren des Hauses gehen. Dort würden sie alles Weitere besprechen.
Die Art, wie Sir Stark es sagte, ließ mein Innerstes brodeln. Ich wollte am liebsten alles niederbrennen! Ich wollte dafür Sorge tragen, dass keiner Julie vorschrieb, wo sie hin sollte. Ich wollte, dass er ihr die Wahrheit sagte!
Stattdessen schluckte ich meinen Frust herunter. Ich schwebte um Julie herum. Immer auf meine Umgebung bedacht. Immer in Reichweite. Immer für sie da, wenn sie mich brauchen sollte.
Ich musste sie doch beschützen …
Elisabeths Vater sah ihr alles andere als ähnlich. Er war klein. Mit einem üppigen Bart und schwabbelnden Bauch. Auch besaß er riesige Ohren, die weit von seinem Gesicht abstanden. Dafür wirkte seine Nase viel zu klein für sein Gesicht. Er hatte mehr Ähnlichkeit mit dem anderen Mädchen, das sich hinter Elisabeth versteckte. Das wie eine kleine Version von ihm aussah.
Ob das diese Maria war?
„Meine Tochter meinte, dass sie dich in der Nähe der Piratenstadt gefunden hat. Möchtest du uns erzählen, wie du dich dorthin verirrt hast?“, fragte er Julie sanft auf ihrer Sprache.
Nicht auf Französisch. Das überraschte mich. Generell wirkte er nicht wie ein normaler Adeliger. Eher … als wäre er noch in einem halben Traum gefangen? Als würde er nicht Julie oder den Lehrer oder diesen Sir Stark sehen. Als würde er seine Frage nur stellen, weil er darum gebeten wurde. Weil sie von ihm erwartet wurde …?
„Mein Bruder und ich haben unsere Familie verloren, wollten aber nicht von den Kinderheimen oder den Nonnen voneinander getrennt werden. Also sind wir aus unserem Heimatdorf geflohen“, erklärte Julie leise, „Wir hatten nur ans Meer gewollt und uns dort eine kleine Hütte aufgebaut. Wir … Wir hatten keine Ahnung. Tim-“
Julies Stimme brach, aber dennoch weinte sie nicht. Sie schüttelte nur kurz den Kopf. Umarmte sich selbst. Blickte zu dem Adeligen auf. Holte tief Luft.
„Timmy hat dann plötzlich alles einpacken wollen und mich in den Wald gebracht. Er meinte, dass jemand in der Stadt gefangen gehalten wird. Dass er helfen wolle. Ich sollte warten, damit wir zusammen fliehen könnten. Wir würden unser Leben woanders aufbauen müssen. Es wäre zu gefährlich, zu bleiben. Und dort bin ich geblieben, bis Sir Stark mich gefunden hat.“
Ich schwebte näher an sie heran. Wie sehr wollte ich Julie doch in die Arme schließen! Ich wollte ihr Wärme schenken. Hoffnung!
Aber meine Berührung würde sie nur mit Kälte und Kummer beglücken …
„Verstehe …“, murmelte der Adelige.
„Vater. Sie ist nur ein Kind. Genauso alt wie Maria. Mir wäre nicht wohl, sie leiden zu sehen. Nicht, nachdem ihr Bruder mich gerettet hat“, setzte Elisabeth hinzu, „Ohne ihn wäre ich gestorben.“
Der Mann schloss erschöpft die Augen. Ich kam nicht umhin, zu bemerken, wie sehr er dem Blick seiner Tochter auswich. Ob sie ihn für Timmys Ableben verantwortlich gemacht hatte? Nein. Das konnte es nicht sein. Dafür wirkte er zu erschöpft. Beinahe, als schleppte er seit Jahren eine unsichtbare Last mit sich. Als wolle er deswegen seine Tochter nicht ansehen.
Und dennoch ließ er eine ganze Hafenstadt für das Mädchen hinrichten.
„Elisa. Ich-“
„Bitte, Vater“, hartnäckig schob sie sich direkt vor ihren Vater, „Nur dank ihrem Bruder bin ich wieder Zuhause.“
Erstmalig sah ich, wie der Mann sie anschaute. Doch schien er dabei nicht seine Tochter zu sehen. Sein Blick glitt durch sie hindurch. Er nickte sanft.
Dann riss er das Mädchen abrupt an sich. Er schloss sie fest in seine Arme. Willigte ein. Schien dabei endlich aufzuatmen. Schien so erleichtert, dass ich perplex erschauderte. Ich schaute mich nach den anderen um. Nach den Reaktionen von Sir Stark und dem Lehrer. Und nach der des kleinen Mädchens. Doch alle schienen es erwartet zu haben.
Erst als ich das Gemälde hinter mir bemerkte, erkannte ich auch warum. Darauf war Elisabeths Vater mit einer Frau abgebildet. Er sah damals noch jünger aus. Dünner. Mit einem fein gestutzten Bart.
Die Frau daneben war hingegen Elisabeth wie aus dem Gesicht geschnitten.
Und sie fehlte in dieser Halle.
