M: Ein böser Traum

Marie ließ ihre Füße den Weg wählen. Sie wusste eh nicht, wo sie war, wo sie hin sollte, wo sie hin konnte. In Merichaven sah alles so grau aus. So grau und trist und dreckig und verloren. Wie sollte sie da den richtigen Weg finden? Der, der sie in Sicherheit brachte. Nach Hause …?

Tyler hätte es gekonnt.

Schnell verdrängte Marie die kleine Stimme in ihrem Kopf. Sie schaute lieber gen Himmel. Zu den Seemöwen, die dort ihre Runden drehten. Sie segelten im Wind. Tanzten. Kreisten. Es sah so majestätisch aus. So anders als die kleinen Vögelchen, die sie aus Raptioville kannte.

„Pass doch auf!“, schrie jemand sie an.

Der Mann war direkt vor aufgetaucht. Oder war er ihr die ganze Zeit entgegen gelaufen? Marie wusste es nicht. Sie hatte nicht nach vorn gesehen. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie sich im abgelegenen Teil des Hafens befand. Fort von den anderen Menschen. Bei den letzten Booten, ehe das nahe Riff jedes Andocken verbot.

Sie öffnete den Mund, um zu antworten, nur kam kein Ton raus. Ihre Stimme kam ihr wie ein Geist vor. Wie etwas Verlorenes?

„Kannst nicht mal reden, oder was?!“, er spuckte ihr die Worte so harsch entgegen, dass sie die kleinen Tröpfchen sehen konnte, die sich mit jeder Silbe an seinen Lippen sammelten oder gar in ihr Gesicht sprangen.

Marie schluckte. Sie zog den Kopf ein. Sah auf ihre Schuhe. Abgetragene Sneaker. Eigentlich waren es Sophies. Sie hatten die Schuhe getauscht, um sich für den jeweils anderen auszugeben. Ein Zwillingstausch, den sie letztes Jahr nie in Erwägung gezogen hätten. Der nicht zu ihnen passte. Erst recht nicht zu Marie, die-

„Ich rede mit dir!“, eine Hand griff nach ihrem Kragen und zog sie heran.

Erschrocken riss Marie den Kopf hoch Ihre Gedanken sprangen wild umher. Keiner greifbar. Alle in Bewegung. Keiner-

„Hey! Charlie!“

Die fremde Stimme rettete sie. Sofort ließ der Mann von ihr ab, um zu einer Frau auf einem Hausboot zu gehen. Er beschwerte sich über Marie. Schimpfte über die Jugend. Über fehlende Manieren.

Marie starrte ihm stumm hinterher. Sie konnte nicht anders. Ihre Augen sprangen immer noch wild über alle Details: Blaues Boot. Abgeplatzter Lack. Grüne Löwengestalt darauf. Die Frau stand direkt darüber. Sie hatte blone Haare. Aber einen braunen Haaransatz. Fünf Ohrringe auf der linken Seite. Und ein Nasenpiercing. Ihre Hose bedeckte kaum die Oberschenkel. Aber sie trug eine Jacke. Eine Jacke, die an den Achseln aufgerissen war. Und entweder waren ihre Brüste unförmig oder sie trug etwas darunter.

Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Die Frau runzelte die Stirn.

Langsam nickte Marie. Sie hoffte, dass es wie ein Danke aussah. Dass sie nicht weiter aufgehalten werden würde. Dass sie endlich wegkäme. Ja. Weg!

Sie musste weiter.

Nur um ein paar Schritte später gegen eine Bank zu prallen. Sie hielt sich die Seite. Schaute auf das zersplitterte Holz. Auf den Vogelkot, der sich daran zu sammeln schien. Dann zu ihrer schmerzenden Hüfte.

Nichts zu sehen.

Sie musste nach Hause.

Sie wusste nicht, wo ihr Zuhause war.

Sie hatte kein Zuhause mehr.

Sie war allein …

Erschöpft schloss sie die Augen und brach auf der Bank zusammen.

Ihre Mutter hatte dafür gesorgt, dass sie nicht mehr zurück konnten. Sie hatte das Haus niedergebrannt. Es gab kein Zurück mehr. Sie hatte ja nicht einmal zum Abschied in ihr Zimmer gedurft! Es war alles so schnell gegangen. Zumal sie auf Tyler aufpassen musste. Und dann war da die Rothaarige gewesen. Sie hatte Marie so viel Angst eingejagt. Aber Marie hatte es nicht zeigen dürfen. Sie hatte ihrer Mom vertrauen müssen. Ihre Mom, die sonst immer einen Plan hatte. Die immer wusste, was zu tun war. Die immer-

Hätte sie sich nicht auf ihrer Mom eingelassen, wäre sie in Panik verfallen.

Es war ihre einzige Chance gewesen.

Eine Seemöwe landete vor ihr. Sie bewegte den Schnabel, doch kam kein Ton heraus. Ja. Die ganze Welt kam Marie so stumm vor. Der Geruch des Meeres war verschwunden. Ja, selbst der kühle Wind kam ihr nicht mehr real vor. Sie spürte die feinen Wassertropfen kaum, die immer wieder gegen ihr Gesicht flogen. Sie spürte nicht einmal, wie sie diese wegwischte. Sie bemerkte nur, wie ihre Sicht dann kurz verschwand. Wie sie gänzlich verschwand …

Es war wie ein Traum. Ein guter Traum. Denn aus Träumen konnte man aufwachen. Aus Träumen-

Ihre Augen blieben wieder am Hausboot hängen. Der Mann gestikulierte wild mit den Armen rum. Dann holte er aus und schlug die Frau. Er trat sie. Spuckte auf sie herab. Holte wieder aus-

Dann sackte sein Körper zusammen. Er erstarrte. Streckte den Arm nach dem Boden des Bootes aus.

Die Frau stand mehrere Schritte von ihm entfernt aus. Sie sah atemlos aus. Und sie hielt eine Waffe in der linken Hand. Sie feuerte das schwarze Ding noch zweimal ab. Stieß den Mann dann über ihre Reling in ein dort angebundenes Motorboot. Für einen Moment schaute sie in Maries Richtung. Ihre Lippen bewegten sich wortlos.

Dann sprang sie hinterher.

Marie beobachtete, wie die Frau die Leiche abdeckte und davonfuhr. Sie wusste nicht, warum niemand sonst eingegriffen hatte. Hatte niemand gesehen, was gerade passiert war? Kümmerte sich denn keiner darum, wenn hier jemand starb? Das war Mord! Irgendwer musste doch etwas tu-

Sie hatte auch nix getan.

Endlich konnte sie den Blick abwenden. Sie schaute die Straße herab. Konnte die anderen Personen kaum erkennen. Doch ihre Bewegungen stachen klar hervor: Eine zerrte ein Kind mit sich. Eine weitere gestikulierte wild auf ein Motorrad. Eine andere antwortete darauf mit eigenen Armbewegungen … Marie konnte erkennen, wie viel Frust, Zorn und vor allem Ungeduld in den Gestiken lagen. Sie konnte erkennen, wie viel Hass diese Leute mit sich schleppten – wie viel sie ihren Mitmenschen entgegen warfen …

Träumte sie wirklich?

Angestrengt wandte sie sich von den Menschen ab. Ihre Augen folgten den Seemöwen. Seemöwen, die in der Luft zu tanzen schienen. Die nicht so falsch und hinterhältig und-

Als einer der Vögel an den nächsten Häusern vorbeiflog, stockte Marie. Sie schaute sich das Fenster genauer an. Erkannte, dass etwas daran falsch aussah. Dass etwas-

Ein Baseballschläger zerbrach das Glas. Die Scherben splitterten auf den Boden. Sie glitzerten im schwachen Licht. Wie ein kleiner Regenbogen! Marie schaute langsam wieder hoch. Erkannte nun, wie eine Frau gegen das kaputte Fenster gedrängt wurde. Sie hob bettelnd die Arme. Verschränkte die Finger ineinander. Schüttelte immer wieder den Kopf.

Dennoch wurde sie von dem Baseballschläger weiter zurück gedrängt. Es sah beinahe wie dieses Limbospiel aus. Nur ohne die obere Latte. Dafür mit einem scharfen Rahmen im Rücken. Mit-

Schaudernd schloss Marie die Augen.

Ja. Das hier war ein Traum. Merichaven war ein Traum! Aber er war kein guter …

Merichaven war ein Alptraum.

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