
Liane brauchte zwei Anläufe, ehe sie klingeln konnte. Es fühlte sich zu falsch an. Als würde sie ihren Vater verraten! Noch konnte sie umdrehen und zurück nach Hause eilen. Er würde später sicherlich schimpfen. Aber er würde es verstehen. Sie könnten sich aussprechen. Wenn er wieder da war. Wenn es sich beruhigt hatte?
Inmitten ihrer Überlegungen fiel ihr auf, dass sie genau das doch tat! Sie ging zu Oliver, damit er sich beruhigen konnte und sie sich anschließend entspannter unterhalten würden. Ob nun für ein paar Stunden oder eine ganze Nacht sollte eigentlich irrelevant sein. Sie war ja kein kleines Kind mehr!
Erst als Liane zu dieser Erkenntnis kam, verflogen ihre Sorgen. Kurz darauf öffnete Olivers Mutter die Tür. Sie lächelte herzlich. Herzlich aber angespannt.
„Guten Abend, Liane, oder?“, sie wank das Mädchen herein, „Mein Mann und Oli haben mir schon die Ohren über dich abgekaut.“
„Entschuldigung?“, unschlüssig zog sie ihre Schuhe aus, da schloss die Frau sie bereits in ihre Arme.
„Meine Güte! Du bist so dünn! Hast du schon zu Abend gegessen? Nein. Hast du überhaupt heute etwas gegessen?“, Mrs. Brumes Stimme wurde schrill.
„Das-“
„Oder gestern?“, unterbrach sie Liane.
Unschlüssig neigte das Mädchen den Kopf. Sie hatte das Gefühl, dass Olivers Mutter ihr eh wieder über den Mund fahren würde.
„Du bist doch eine Heranwachsende! Was macht dein Vater nur?!“, in Liane breitete sich das altbekannte unangenehme Gefühl aus und so ließ sie sich tiefer ins Haus führen.
Es war wieder dasselbe Wort gewesen. Vater. Nachdem es sich endlich richtig aus Mr. Brumes Mund angefühlt hatte, so klang es nun wieder falsch bei dessen Frau.
Warum?!
„MOM!“, endlich tauchte ihr Freund auf, „Was soll das?“, unterbrach er seine Mutter, als diese gerade an den Kühlschrank ging.
Liane blinzelte. Sie waren in der Küche? Wieso hatte sie den Weg nicht mitbekommen? Sie hatte doch nur kurz die Worte der Frau ausgeblendet, als sie wie ein Wasserfall auf sie herabprasselten. Warum war auch der Rest an ihr vorbeigegangen?
„Das arme Ding muss etwas essen!“, rief sie aus.
„Mom-“, seufzend wandte er sich Liane zu, „Entschuldige. Wenn du nicht magst, sag es ruhig. Meine Mutter kann ein wenig … exzentrisch sein. Du musst nix essen, wenn du nicht magst, ja? Lass dich ja nicht von ihr nötigen.“
Seine Worte fühlten sich warm an. Genauso wie die Beschwerden seiner Mutter, dass sie nicht exzentrisch wäre. Nur aktiv. Und überfürsorglich. Er solle sich lieber freuen, dass sie stets um andere bemüht wäre.
Das erste Mal seitdem Liane vorhin heimgekehrt war, entkam ihr ein Lachen.
„Verzeihung- Ich wollte nicht-“, sie atmete tief durch, „Ich habe derzeit keinen Hunger, Mrs. Brume. Sie müssen wirklich nicht-“
„Janet“, unterbrach die Frau erneut.
„Bitte?“
„Janet. Nicht Mrs. Brume“, sie lächelte, „Oder Mom, wenn du magst? Ich habe mir schon immer eine Tochter gewünscht. Nur hat mich der liebe Gott mit einem viel zu sanften Sohn gestraft.“
„Hey!“
„Stimmt doch!“, sie wandte sich wieder an Liane, „Janet oder Mom, bitte.“
Verdattert starrte sie die Frau an. Erst wollte Olivers Vater, dass sie ihn mit seinem Vornamen ansprach, nun bat seine Frau um das gleiche! Sie waren so offene Menschen. So freundlich. So herzlich.
Es fühlte sich wie ein zweites Zuhause an …
„In Ordnung … Janet“, sie nahm sich eine Nektarine aus dem Obstkorb am Tisch, „Das würde erstmal reichen, ja? Bitte. Machen Sie sich keine Umstände.“
„Mach dir keine Umstände“, korrigierte die Frau grinsend.
Liane schaute zu Oliver herüber, der geschlagen nickte. Also wiederholte sie den Satz und ließ sich dann von ihrem Freund die Treppe hoch führen.
„Entschuldige nochmal“, murmelte er, „Mom variiert immer zwischen hyperaktiven Hasen zum wandelnden Zombie. Heute hat sie einen sehr explosiven Tag. Das sollte sich aber bis zum Abendessen legen.“
„Schon gut“, sie betrachtete die vielen Fotos und Bilder an den Wänden, „Sie scheint es nur lieb zu meinen.“
„Hm“, damit deutete er auf die Türen im oberen Geschoss, „Das ist das Schlafzimmer meiner Eltern. Dahinter ist das Gästezimmer, das Mom dir vorbereitet hat. Hier mein Raum. Da drüben sind die Arbeitszimmer meiner Eltern und unsere kleine Bibliothek. Dort-“
Liane nickte stumm. Sie war verblüfft, wie viel Platz im oberen Teil des Hauses war. Sie hatte es bei ihren letzten Besuchen nie so groß wahrgenommen. Aber Oliver ging ja auf dieselbe Schule wie sie. Und das Schulgeld war nicht ohne. Gewiss mussten seine Eltern sehr viel verdienen. Nicht so wie ihr Vater vor seinem neuen Job, als er beinahe in Geldsorgen versunken war …
„Dankeschön“, offenbarte sie ihrem Freund, als sie endlich ihre Schultasche abstellen konnte, „Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn-“, sie stockte, als ihr Blick auf ein Foto der Brumes fiel.
Sie lächelten so glücklich miteinander.
„Dein Vater?“, erkundigte sich ihr Freund und setzte sich auf das Bett.
Nickend folgte sie ihm: „Er war so seltsam, dass ich- Also, vielleicht reagiere ich auch nur über, aber-“
Sie starrte auf die Nektarine in ihren Händen und legte sie auf den Nachttisch. Ihr Bauch kribbelte zu unruhig. Dazu noch die Sorgen, die sie nun wieder heimsuchten …
„Hey“, Oliver drückte ihre Hand und in seinen Augen drängelten sich eben jene Sorgen aneinander, „Du kannst mir alles sagen. Ich schwöre dir auch, dass ich alles für mich behalte, wenn dir das lieb ist. Hier bist du in Sicherheit.“
Die letzten Worte sprach er so überzeugend, dass etwas in ihr brach. Es fühlte sich wie eine Mauer an. Eine Mauer, die einstürzte und einen neuen Weg freigab. Die ihr einen Ausweg freimachte.
„Fu- Ich wollte dich nicht zum Weinen bringen! Warte-“
Sie fing seine Hand ein, als er aufsprang. Erst dann erkannte sie, dass er Recht hatte. Ihre Wangen waren feucht. Ihre Hose von den Tropfen bemalt.
„Nein. Bitte bleib“, langsam erzählte sie von ihrem Leben. Wie ihre Mutter sie verlassen hatte und wie sie früher auf ihren Unterlagen seltsame Geschöpfe gemalt hatte. Wie jemand sie aufgehalten hatte, als sie vor ein paar Monaten nach Hause wollte und wie er so vertraut mit ihr geredet hatte. Wie ihr altes Haus in die Luft geflogen war. Wie sie immerzu einen Stern malen wollte. Wie ihr Vater ihr deswegen Tabletten verschafft hatte. Wie sie dann im Rotlichtviertel wohnten, ehe sie das Haus ihrer Mom geerbt hatte. Wie sie dort aber ihre alten Skizzen gefunden hatte. Wie sie diese in der Bibliothek wieder gemalt hatte und die Bilder später verschwunden waren. Wie da diese Einbrecherin gewesen war, als Shiloh da war. Wie ihr Vater nun die Tabletten, die sie gar nicht nahm, für ihre Entscheidungen verantwortlich machte.
Nur Chemys Brief und den Namen Lilith behielt sie für sich. Der Rest war verrückt genug. Noch mehr musste nicht sein. Und außerdem fühlte es sich eh an, als wären das nur für sie bestimmt gewesen.
Als sie endete, brach ihre Stimme. Sie fühlte sich heiser. Heiser. Erschöpft. Kraftlos …
Und Oliver war so stark! Still strich er über ihren Rücken und drückte sie, als sie fertig war. Er hatte sie während ihrer Erzählungen nie in Frage gestellt. Nie kritisiert oder ihr gar Lügen vorgeworfen.
„Klingt nach einer ganz schönen Achterbahnfahrt“, flüsterte er sachte.
Liane nickte erleichtert: „Wem sagst du das … Shiloh – sie war sauer mit mir, weil ich dir nichts vom Einbruch erzählt hatte und- Ich glaube, sie hatte Recht.“
Sie hörte, wie unten die Haustür aufging und Janet freudig jemanden begrüßte. Olivers Vater antwortete glucksend. Es klang so natürlich. So herzlich!
Es fühlte sich heimisch an.
„Schon gut“, Oliver drückte sie nochmal, „Schon gut. Du … Wenn du magst, kannst du mit Mom über die Punkte reden. Sie kennt sich mit psychischem Druck aus, weil sie selber ein paar Dinger weghat, weißt du? Oder du kommst einfach nur her, sobald du dich daheim unwohl fühlst. Das Zimmer hier kann gerne deines bleiben. Es wäre für meine Eltern okay, weißt du?“
„Danke“, die Erleichterung fühlte sich immens an, „Danke.“
