
„Du bist ja so spät dran“, brummte ihr Vater viel zu leise.
Liane hielt kurz inne, um aufzusehen. Erst dann schlüpfte sie aus ihrem zweiten Schuh und stellte das Paar neben die Treppe. Sie mochte es nicht, wenn er so ungeduldig klang. Es verunsicherte sie. Zumal sie ihre verwundete Hand in der Hosentasche verbergen musste!
„Wir waren noch bei Oli … War ein langer Tag“, murmelte sie, „Viel passiert.“
Sie wollte nicht Bettys dummen Streich ansprechen. Nicht Tinas Verhalten. Nicht das Geschrei von Bettys Vater. Nicht die Sorgen ihrer Freunde … Aber würde ihr Vater das zulassen? Er stand viel zu ungehalten im Flur. Als hätte er seit Stunden auf ihre Ankunft gewartet!
„Dann hättest du mir ruhig mal schreiben können, was los war“, erklärte er, „Weißt du eigentlich, wie viele Sorgen ich mir mache, wenn du nicht da bist, wenn ich nach Hause komme?! Du weißt doch, dass du dich nicht rumtreiben sollst!“
Liane stockte. Ihr schlechtes Gewissen meldete sich. Ja. Bestimmt war das Warten eine reine Tortur für ihren Vater gewesen … Sie hätte-
Sie hätte …
Sie hatte ihm doch geschrieben, dass sie bei Oliver war. Er hatte es gewusst!
„Ich treibe mich nicht rum, wenn ich bei Oli bin. Oli ist mein Freund“, entgegnete sie ruhig, „Du kennst ihn. Er ist … ehrlich. Aufmerksam. Vielleicht ein bisschen verpeilt. Aber immerzu … Oli halt. Du brauchst dir keine Sorgen machen, wenn ich bei ihm bin.“
„Ach ja? Auch wenn ich seinen Vater kenne – pubertierende Jungs sind ein ganz anderes Thema, Liane!“
Ihr Name hallte wie ein Donnerschlag in ihren Ohren wider. Ihr Daumen schlüpfte in die Hosentasche. Zu ihrem Talisman. Strich darüber.
Sie besann sich.
„Shiloh war auch da. Das hatte ich dir doch geschrieben, oder? Und selbst wenn es zwischen mir und Oli ernst werden sollte – wir lassen es ruhig angehen, ja?“, damit machte sie auf dem Absatz kehrt und ging nach oben.
Sie musste in ihr Zimmer. Sie wollte Ruhe. Nein. Sie brauchte Ruhe. So lieb ihr Vater es auch meinte – seine Sorgen laugten sie aus. Die Art, wie er ihren Namen aussprach, wie er sie rief und dabei Gehorsam verlangte-
So war er früher nicht gewesen, oder? Wann war sein Verhalten so gekippt? Nach der Explosion? In der billigen Wohnung? Oder doch davor? Warum wurde ihr so schwindelig von den Gedanken? Sie wollte doch nur … nur-
„Nimmst du deine Tabletten noch regelmäßig?“
Die Frage traf Liane unvorbereitet. Unschlüssig blieb sie mitten auf der Treppe stehen. Ihre Gedanken rasten zu dem Medikament, das ihrer Schreibtischschublade verkam. Liane hatte es seit dem Umzug nicht mehr angerührt. Sie hatte nur die neuen Rezepte eingelöst, damit ihr Vater keinen Verdacht schöpfte. Damit er nicht nachfragen würde …
Ob er die Tabletten gesehen hatte?
„Eine morgens, eine abends?“, fragte sie unverbindlich.
Er schien es als Aussage hinzunehmen, denn er nickte nur bestätigend: „Ja. Hör mal, vielleicht nimmst du diesen Oliver und diese Shiloh auch nur freundlicher wahr, weil die Tabletten dein Urteilsvermögen trüben. Kann das sein?“
Er folgte ihr und sogleich setzte Liane ihren Weg fort. Sie hörte ihren Vater hinter sich. Lauschte seinen Schritten. Nickte kaum merklich.
„Meinst du?“
„Ja. Vielleicht solltest du es lieber vorsichtiger angehen, ja? Ich weiß nicht, ob die beiden dir guttun. Wie wäre es, wenn wir stattdessen am Wochenende mal campen fahren? Vielleicht in die Berge? Bestimmt wäre es-“
„Lass später drüber reden, ich habe noch Hausaufgaben“, lenkte Liane hastig ab und floh in ihr Zimmer.
Drinnen lehnte sie sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die Tür. Sie schloss die Augen. Atmete durch. Zitterte.
Weinte.
Von der anderen Seite klopfte es.
„Wir könnten auch-“
Das Telefon ihres Vaters unterbrach ihn. Schimpfend eilte er den Flur hinab, um das Gespräch entgegen zu nehmen. Liane lauschte, wie er etwas in das Gerät tuschelte. Wie er grummelte. Wie er zustimmte.
Sie schuldete dem Anrufendem ein Danke!
Erschöpft sackte sie an der Tür zusammen. Sie krallte sich an ihrem Talisman fest. Konnte nur noch die angesprochenen Berge vor ihrem inneren Auge sehen. Es waren so viele. So kahle. Aber sie waren mit Blumen übersäht. Und mit kleinen brauen Würfeln …
Der Anblick hatte sie mit Nostalgie erfüllt.
Aber die Worte ihres Vaters … Campen? Wieso klang das so falsch? Als wollte er eigentlich nicht campen gehen? Als wollte er weg? Warum? Und … auch wenn er nicht wusste, dass sie derzeit keine Tabletten einnahm – wieso sollte so etwas ihr Urteilsvermögen trüben? Wieso nur im Bezug auf Shiloh und Oliver?
Wieso nicht bei ihm?
Dabei benahm er sich doch immer übergriffiger …
Der Gedanke ließ sie innehalten. Ja. Shiloh hatte ihren Vater nicht grundlos als Helikopter beschimpft. Und seither …
Sein Verhalten hatte zugenommen. Wo ihr Vater einst ruhig und gelassen gewesen war, ihr Freiheiten zugestanden hatte und sie sich gemeinsam um das alte Haus oder die heruntergekommene Wohnung gekümmert hatten, waren sie nun kein Team mehr. Er … Er fühlte sich immer weniger wie ein Vater an.
Nicht so, wie Mr. Brume auf Oliver gewirkt hatte …
Zaghaft wischte sie ihre Tränen ab und lehnte sich zurück. Wann hatte sie sich auf dem Boden zusammengerollt? Wieso fühlte sie sich so leer? So-
Nein. Diese Gedanken halfen nicht.
Nicht nach so einem Tag.
Liane brauchte drei Anläufe, ehe sie die Nachricht an Shiloh tippen konnte. Sie war nur kurz. Erst ein Hinweis, dass ihr Vater den Helikopter immer näherkommen ließ. Dann, dass sie sich unwohl fühlte.
Als sie gestehen wollte, dass sie Angst hatte, stoppte sie jedoch abrupt. Nein. Das wäre unfair gegenüber ihrem Vater, oder? Er … Er wollte nur auf sie aufpassen. Wenn sie so etwas schrieb, könnte Shiloh es falsch verstehen …
Aber sie hatte Angst.
Soll ich rumkommen?
Ungläubig starrte Liane auf die Antwort ihrer Freundin. Sie war so schnell auf dem Display erschienen. Und so direkt. So-
Ich weiß nicht. Er denkt, du und Oli seid Teil des Problems.
Das Geständnis tat weh. Aber Shiloh musste Bescheid wissen, oder? Falls sie und Lianes Vater aneinander gerieten-
-wegen ihr.
Ja. Bestimmt war es ihrer Freundin klar. Deswegen antwortete sie ihr auch nicht so schnell. Sie konnte nicht-
Gerade, als sie ihr Handy weglegen wollte, vibrierte es sachte. Doch zu Lianes Überraschung öffnete sich Olivers Chat über dem ihrer Freundin.
Shiloh meint, dein Vater hebt ab. Magst du heute Nacht hier schlafen?
Ungläubig starrte Liane auf die Worte.
Bei ihrem Freund? Aber … Das würde ihren Vater noch wütender machen, oder? So wie er vorhin reagiert hatte …
Ich weiß nicht. Ich möchte dir keine Probleme bereiten.
Machst du nicht. Moment-
Ihre Augen beobachteten, wie die Zeit oben im Handy weiterlief. Sie starrte auf die rennenden Zahlen. War es ein Fehler gewesen, Shiloh anzuschreiben? Ja, oder? Aber diese Angst vor ihrem Vater … Nein! Das hatte sie sich nur eingebildet! Er war ja ihr-
Eine unbekannte Nummer erschien auf dem Display. Für einen Augenblick starrte sie auf die leuchtenden Zahlen. Sie schüttelte den Kopf. Wollte den Anruf wegdrücken. Hielt inne. Entschloss sich dann doch, ranzugehen.
Wortlos hob sie das Handy ans Ohr.
„Hallo, Liane. Ich bin’s. Bennett. Olivers Vater“, erklang es aus dem Gerät.
„Ehm … hi?“, flüsterte sie unschlüssig.
„Keine Sorge. Dein Vater sollte noch ein paar Minuten telefonieren. Unser Chef hat noch etwas mit ihm zu besprechen und klingt dabei gerade ziemlich ungehalten. Ich glaube, dein Vater wird heute noch einmal reinkommen müssen, um das in Ordnung zu bringen. Aber egal“, er lachte auf und im Hintergrund heulte eine Kaffeemaschine auf, „Oli hat gerade angerufen, weil er fragen wollte, ob du die Nacht bei uns schlafen darfst. Er meinte, dass dein Vater gerade zu überfürsorglich wäre. Nur wollte ich es erst mit dir abklären. Also – magst du?“
Vor Erleichterung hätte Liane fast gelacht. Sie nickte. Hielt inne. Wollte bescheiden ablehnen. Schüttelte sich. Nickte wieder.
Erst danach fiel ihr ein, dass Olivers Vater sie ja nicht sehen konnte.
„Ehm, liebend gern. Ja! Also euer … Chef spricht mit meinem … Dad?“
Stille. Diesmal klang die Zustimmung etwas schief. Dennoch passte sie.
Zitternd blickte sie auf ihre verwundete Hand. Zu ihrem Talisman. Chemys Brief, der sie anzulächeln schien.
„Ich würde gleich losgehen … Und … ehm … Danke. Es … Die Anrufe kamen genau richtig. Also, beide“, gab sie wieder leiser zu.
„Mach‘ dir keine Sorgen, ja? Wenn du magst, kann ich dich auch in einer halben Stunde abholen? Ich müsste nur meine Frau anrufen und ihr Bescheid geben. Sie könnte dir direkt das Gästezimmer fertig machen, weißt du?“
Mit einem letzten Dank beendete Liane das Gespräch. Sie würde jedoch lieber laufen. Dann würde sie nicht noch mehr Umstände bereiten. Anschließend schrieb sie ihrem Vater eine kurze Nachricht auf den nächsten Zettel. Es waren nur drei Zeilen. Dass sie etwas vergessen hatte. Dass sie wisse, dass er länger bräuchte und sie bei Freunden übernachte. Sie wäre am nächsten Tag wieder da. Dann packte sie ihre Wechselsachen ein. Stopfte alles in die Schultasche-
Starrte auf den Schreibtisch.
Eilig holte sie die Tabletten raus und ging ins Bad. Diesmal machte sie sich keine Gedanken über die Kosten der Medikamente. Entschlossen warf sie fast alle Tabletten in die Toilette und spülte sie runter. Die letzte Packung steckte sie in die Schultasche. Als Alibi. Falls ihr Vater fragen würde, hätte sie noch welche da. Das wäre glaubhafter, oder?
Liane schlüpfte in ihre Jacke. Sie warf sich ihre Schultasche über. Hastete die Treppe runter. Klopfte gegen die Stubentür und legte ihrem immer noch am Telefon argumentierenden Vater den Zettel auf den Tisch.
Als sie raus rannte, kam sie sich wie eine Flüchtende vor.
