B: Suche: Bezugsperson. Biete: Familie?

Chem Wak wartete, bis Mr. Brume ihn mehrere Straßen weiter gefahren hatte, ehe er das Wort an ihn richtete. Er gab sich dabei desinteressiert. Abwesend. Vollkommen auf die Papiere in seinen Händen fokussiert.

Dennoch hing er seinem Fahrer an den Lippen.

„Irgendetwas Neues?“

Stille legte sich über das Fahrzeug. Draußen raste ein Taxi an vorbei. Dann lenkte sein Chauffeur den Wagen in eine Seitenstraße und parkte. Sie hatten noch genügend Zeit, ehe der nächste Termin anstand.  

„Sie sah kleiner aus“, murmelte Mr. Brume, „Erschöpft. Als hätte sie mit sich zu kämpfen … Ich glaube-“, er schluckte, „Mr. Belial, Ihre Schwester braucht mehr Unterstützung. Das Mädchen ist mit den Nerven am Ende. Ich weiß nicht, was in der Schule vorgefallen ist, aber es ist offensichtlich, dass es ihr zu viel wird. Dass ihr alles zu viel wird. Sie ist ein Teenager. Mit einem überfürsorglichen Vater, den Ihr durch die vielen Extraaufgaben auslaugt. Sie hat keine gesunde Bezugsperson, also, ich meine kein richtiges Elternteil oder … Sie …“

Unschlüssig schaute der Fahrer in den Spiegel. Chem Wak sah es aus den Augenwinkeln. Und er spürte den Blick auf sich ruhen! Er wusste, dass er etwas sagen sollte. Vielleicht erklären sollte, warum er sich seiner Schwester wirklich nicht zeigte. Dass der Mann Zweifel hegte.

Aber die Wahrheit durfte nicht ans Licht.

Er wollte ihr doch nur dieses eine Mal ein normales, ein typisches Leben ermöglichen. Frei von den alten Ketten …

Ehe der Traum zerplatzte.

„Ich wäre keine gesunde Bezugsperson“, offenbarte er leise.

„Mr. Belial, bitte. Ich habe erlebt, wie sehr Sie sich um das Mädchen sorgen und wie sehr Sie geholfen haben, damit das Erbe an sie und nicht an ihren Vater geht. Damit sie auf die neue Schule konnte. Selbst als Lianes Vater noch nicht für Sie gearbeitet hatte – Sie hatten der Polizei mehrere Spenden zukommen lassen. Immer unter der Bedingung, dass sie eine stärkere Präsenz in den ärmeren Vierteln zeigten. Und sie haben genau einen Monat nach dem Auszug Ihrer Schwester aus genau einem dieser Viertel die Spenden eingestellt. Damals hatte ich es noch nicht verstanden – aber nun? Wer wäre eine bessere Bezugsperson für das Mädchen als ihr Bruder?“

Chem Wak schloss die Augen. Ja. Er konnte sehen, wie Mr. Brume ihn sah. Aber eigentlich … Er war Lilith noch nie ein richtiger Bruder gewesen. Das war sein bester Freund gewesen. Jener, dem sie den Rücken kehren mussten. Jener, der ihn nun gewiss verfluchte …

„Wenn ich in ihr Leben treten würde, müsste ich ihr erklären, dass ich ihr Bruder bin. Dass ihr Vater nicht ihr Vater ist. Dass sie eine Lüge lebte … und immer noch lebt. Es würde sie noch mehr auslaugen. Und das … es ist nicht richtig, Mr. Brume“, er schüttelte den Kopf und legte die Papiere beiseite, die er eh nicht gelesen hatte, „Ich darf sie erst treffen, wenn sie bereit dafür ist. Wenn ich nicht Gefahr laufe, mit meiner Anwesenheit ihr Glück zu zertrampeln.“

„Bei allem Respekt, Mr. Belial: Wenn Sie so an die Sache rangehen, dürften Sie das Mädchen nie treffen. Sie würden Liane sich selbst überlassen. Sie würd-“

„Ich überlasse sie nie sich selbst“, widersprach Chem Wak sofort, „Das könnte ich nicht. Genauso wenig wie sie mittlerweile, oder?“

Argwohn schlich sich in den Blick seines Fahrers. Dennoch nickte er.

„Sie haben neue Anweisungen?“

„Ja und nein“, Chem Waks Hand schob sich zwischen die Knopfleiste seines Hemdes. Er tastete nach der Sternenkette. Nach diesem alten Andenken. Nach jenem Wunder, das ihr Schicksal vor so langer Zeit besiegelt hatte.

Erst dann konnte er wieder sprechen.

„Sie sorgen sich auch um meine Schwester. Ich sehe es Ihnen an. Jedes Mal, wenn Oliver Ihnen eine Nachricht schreibt, lesen Sie diese zweimal. Erst danach sagen Sie mir, worum es ging. Ihr Sohn mag in eine Beziehung getreten sein. Aber Sie haben das Mädchen akzeptiert. Sie können leichter an Sie herantreten. Offener mit ihr umgehen. Sie können Oliver ermutigen, seine Freunde häufiger mit nach Hause zu bringen. Ich kann Lianes Adoptivvater nachmittags verstärkt mit wichtigen Aufgaben betrauen. Und Sie? Sie dürften Ihre Mittagspause gerne etwas verspätet abhalten und ein offenes Ohr anbieten. Sie könnten zuhören. Vertrauen aufbauen. Probleme an mich weiterleiten. Und wenn jemand den Bogen überspannt, kümmere ich mich um den Rest.“

„Sie wollen …“, verdattert schüttelte sein Fahrer den Kopf, „Sie wollen noch keinen Kontakt zu Ihrer eigenen Schwester aufbauen, um sie nicht zu überfordern, aber ich – ein vollkommen Fremder – soll ihr Vertrauen gewinnen und sie wie ein Creep aushorchen?“

Nun gut, das war vielleicht etwas härter als intendiert verstanden worden.

Lachend schüttelte Chem Wak den Kopf, um die Ernsthaftigkeit zu vertreiben: „Sie? Ein vollkommener Fremder? Ich bitte Sie, Mr. Brume. Auch wenn Sie keinen persönlichen Draht zu meiner Schwester haben, so kann sie schnell Ihre Schwiegertochter werden, oder nicht? Junge Leute entscheiden sich heutzutage immer hastiger. Sie würde dann auch zu Ihrer Familie gehören, oder nicht?“

Nun hielt sein Fahrer inne. Er runzelte die Stirn. Schüttelte erneut den Kopf.

„Mr. Belial, ich weiß nicht, ob ich-“

„Ich verlange keine sofortige Entscheidung“, blockte Chem Wak den Einwand ab, „Ich würde Sie anfangs nur darum bitten, Liane aus nächster Nähe kennenzulernen. Sie könnten ein paar Mal hallo sagen, dann wird sie gewiss auch von allein mit Ihnen reden. Außerdem würde ich mich wohler fühlen, wenn ein vernünftiger Erwachsener auf sie aufpassen würde, wissen Sie?“

„Sie halten Lianes … Adoptivvater also für unvernünftig?“

„Für übervernünftig, wenn man das so sagen kann“, Chem Wak bemühte sich zu grinsen. Es war das erste Mal, dass er so viel Mimik zuließ. Und es schmerzte seine Gesichtsmuskulatur!

Nickend schaute Mr. Brume auf die Uhr im Armaturenbrett. Dann setzte er den Blinker, legte einen Gang ein und fädelte sich wieder in den Verkehr.

„Ich kann nicht sagen, dass ich mich damit wohl fühle“, bemerkte er nach ein paar Straßen.

„Offiziell lernen Sie nur die Freundin Ihres Sohnes kennen. Keine Hintergedanken. Seinen Sie einfach Sie selbst und sagen Sie mir Bescheid, wenn ich etwas tun kann. Solange Sie es sind, brauche ich mir keine Sorgen machen“, gab Chem Wak zurück.

Es war nicht gelogen. Als er seinen Fahrer eingestellt und auch nachdem er von der Beziehung seines Sohnes erfahren hatte, hatte er die gesamte Familie unter die Lupe nehmen lassen. Er hatte sichergehen müssen, dass seine Lilith, ihre Liane, in guten Händen war. Er hatte Blicke riskiert – in unterschiedliche Zeiten, Welten, Perspektiven …

Und er hatte sich gefürchtet.

Erschöpft zog er die Hand unter seinem Hemd hervor. Die Abdrücke des Sternes hatten sich darauf eingeprägt. Der Schatten eines Traumes. Der Schatten einer anderen Welt. Und der Schatten, in dem so viele Tränen vergossen wurden.

Schweigsam schaute er aus dem Autofenster und suchte das erste Mal seit über einem Jahrzehnt die zweite Sonne seiner Heimat, die es hier nicht gab.

Wie konnte er nur etwas vermissen, dass ihn so in Ketten gelegt hatte?

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