B: Aus der Zeit gerissen

„Bis nachher“, rief Liane hastig in die Küche, während sie in ihre Schuhe schlüpfte.

„Alles gut?“, verwundert eilte ihr Vater herüber, „Ich dachte, wir frühstücken zusammen?“

„Ich muss noch etwas vor dem Unterricht erledigen. Wir sehen uns später!“, sie versuchte normal zu klingen. Als hätte sie einfach nicht genug Zeit, um zu quatschen. Als wäre alles in Ordnung.

Erst dann sprang sie raus und rannte die Straßen entlang.

Wenn sie länger geblieben wäre, wären die Fragen über sie hergefallen. Dann hätte sie ihn anlügen müssen. Aber das fühlte sich falsch an. Sie wollte nicht lügen. Sie konnte nicht …

Erst als sie die anderen Teenager sah, verlangsamte sie ihr Tempo und schlüpfte zwischen die fremden Gesichter. Kaum eines kam ihr bekannt vor. Wie auch? Ihre Mitschüler lagen ja noch selig im Bett, um ihre Ausfallstunden zu verschlafen.

Sie war viel zu früh dran …

Und dennoch war es vielleicht schon zu spät.

Zielsicher lief Liane zur Bibliothek. Sie nickte dem Mann hinter dem Tresen zu und suchte sich einen abgelegenen Platz an den Arbeitstischen. Das musste man dieser Schule lassen. Wenn sie hier ihre Ruhe wollte, so bekam sie diese auch.

Obwohl sie fast zwei Stunden für sich hatte, riss sie alle Materialien hektisch aus ihrer Tasche. Papier. Stifte. Radiergummi als Fehlerkorrektur. Handy als Wecker. Eine Mappe mit ihren alten Zeichnungen als Vorlagen …

Ihre Augen blieben an den Zeichnungen hängen.

Die Linien sogen sie ein. Sie weckten vergesse Erinnerungen. Wieder erschien dieses sture Gesicht vor ihrem inneren Auge. Eines, ohne jede Mimik. Der Mund war leicht offen. Die Nase …

Stift!

Ehe ihre Gedanken verschwimmen konnten, hielt Liane sie fest. Sie ließ Striche über das Weiß rennen. Hier einen langen. Hier einen dicken. Da nur Punkte, damit es richtig schattiert wäre. Da drüben musste es weiß bleiben.

Der Radiergummi blieb vergessen auf dem Tisch liegen. Sie hatte keine Zeit, um danach zu greifen. Jeder Moment des Löschens würde ihre Konzentration brechen. Das durfte sie nicht zulassen! Stattdessen ließ sie kleinere Fehler zu und malte die richtigen Linien einfach stärker nach.

Als das Blatt voll war, riss sie wie gebannt das nächste an sich.

Es war, als würde sie in eine andere Welt gezogen werden. Es gab nur noch diese Stifte und die Blätter. Nur noch die Bilder in ihrem Kopf, die endlich raus konnten. Die endlich ins Leben-

Schmerzhaft presste sie ihren Arm in den Bauch, als sich der Hunger meldete. Liane blendete ihn sofort wieder aus. Sie durfte sich nicht davon einnehmen lassen. Sie musste weitermachen. Da waren immer noch diese anderen Wesen, die nun auf das Papier wollten. Erst war es eines, das an ein kleines Mädchen erinnerte. Dann ein Mann, der etwas von einer Kröte hatte. Aber sie waren allesamt nicht menschlich. Sie waren allesamt-

Verblüfft starrte sie auf den Krötenmann. Er kam ihr bekannt vor. Sie konnte nicht den Finger darauflegen. Vielleicht wirkte er etwas zu monströs? Wenn sie nur-

„Liane! Da bist du ja!“

Erschrocken sprang sie auf. Sie stellte sich vor die Zeichnungen. Verdeckte den Blick auf die fremdartigen Skizzen. Auf die wirren Erinnerungen.

„Oliver?“, sie musste dreimal blinzeln, ehe sie ihn einordnen konnte.

Was machte er hier? War sein Training ausgefallen? Mittwoch war er doch sonst immer schon vor der nullten Stunde auf dem Sportplatz! In der Bibliothek hätte er bis Schulschluss nichts zu suchen …

Mit einem unwohlen Gefühl im Magen dachte sie an die Zeichnungen auf dem Tisch. Wenn er sie sah … Würde er sie dann auch zu einer Therapie zwingen wollen? Zu Tabletten? Würde er ihrem Vater Bescheid sagen?

„Nicht so laut“, belehrte sie der Bibliothekar und Oliver drehte sich um, um sich zu entschuldigen.

Sofort nutzte Liane den Augenblick und schob alle Bilder mit den alten Vorlagen in die Mappe.

Nun konnte sie aufat-

Warum blinkte ihr Handy?

„Wo warst du?“, flüsterte Oliver direkt neben ihr, als sie nach dem Gerät griff.

„Wo soll ich gewesen sein? Meine ersten beiden Stunden fallen doch aus und Frühsport mache ich nicht“, entgegnete sie verwirrt, „Ich habe noch …“

Erschrocken hielt sie inne, als sie ihr Telefon entsperrte. Siebzehn verpasste Anrufe. Über fünfzig Nachrichten. Und warum war es gegen zwölf?

Hatte ihr Wecker nicht geklingelt?

„Ich habe dich in der letzten Pause vermisst und Shiloh meinte, dass eure Klassenlehrerin letzte Stunde deinen Vater angerufen hatte, weil du unentschuldigt fehlst. Sie war so besorgt und ich …“, er stoppte.

„Ich wollte niemanden Sorgen bereiten“, murmelte Liane, während sie die verängstigten Nachrichten ihres Vaters überflog.

Ehe sie mit denen von Oliver weitermachen konnte, hielt er ihr Handgelenk fest.

„Ich … Ich suche dich schon seit der dritten Stunde, weil du nicht geantwortet hattest. Es wirkte irgendwie so seltsam. Es passte nicht zu dir. Ich hatte … Ich dachte … Nicht, dass dir …“

Liane wollte sich schlagen. Sie fühlte sich so egoistisch. So dumm! Wie konnte sie Oliver nur so hängen lassen? Er und Shiloh waren ihre ersten und bislang einzigen Freunde! Sie hätte die beiden bestimmt mit einweihen können. Nicht komplett. Nur so weit, dass sie wussten, wo sie war.

„Entschuldige. Ich war so fokussiert, dass ich die Zeit wohl vergessen habe. Ich wollte mir eigentlich einen Wecker stellen und-“

„Verdammt, Liane! Letztes Jahr gab es Fälle von Lösegeldforderungen in der Gegend. Immer mit Mädchen in unserem Alter, die auf dem Schulweg mit Vans verschleppt wurden! Ich dachte …“, er atmete tief durch, „Ich möchte dich nicht verlieren, weil ich … weil ich … dich gern habe.“

Liane erstarrte. Ein Zittern rann durch ihren Körper. Sie fühlte sich, als würde etwas Verbotenes vor ihr stehen. Dennoch konnte sie sich nicht abwenden. Die letzte Aussage hatte sie zu sehr erschüttert. Zu sehr …

„Ich wusste nichts von den Verbrechen“, murmelte sie langsam, „Ich … Ich habe nicht einmal geahnt, dass du …“

„Ich habe dich damit überfallen, oder? Entschuldige! Das wollte ich nicht“, hastig wank Oliver ab.

Der Bibliothekar rief ihnen etwas entgegen.

Liane hörte es nicht.

„Ich sollte mich im Sekretariat melden. Und bei meinem Dad …“, damit packte sie ihre Sachen langsam ein.

In der Ferne erklang die Schulklingel.

„Ja. Natürlich. Wäre wohl das beste. Entschuldige. Ich muss dich echt überfallen haben. Ich … Dummkopf … Ich …“, er stammelte über seine Worte.

Erneut hielt Liane inne. Ihre Tasche fühlte sich so schwer an. So geladen. Und vor ihr …

Oliver …

„Vielleicht mag ich dich auch. Ich weiß es nicht. Ich habe bisher nicht darüber nachgedacht und das … das tut mir leid … Kannst du mir bitte etwas Zeit eingestehen? Ein oder zwei Tage? Ich … muss erstmal meine Gedanken ordnen“, erklärte sie.

„Ja. Selbstverständlich!“, sofort wirkte er wieder bester Dinge, „Klingt super! Wie es dir am liebsten ist. Wenn du willst, gebe ich dir auch die ganze Woche!“

Lächelnd verabschiedete sich Liane von ihm.

Dann eilte sie aus dem Schulgebäude und nach Hause. Wie sie ihren Vater kannte, würde er eh dort auf sie warten. Dann könnte sie sich das Telefonat sparen. Das wäre einfacher. Wenn er sie sah, sollte er sich schneller wieder fangen.

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