K: Bitte sag nichts!

„Du musst es multiplizieren.“

„So?“

„Nein. Multiplizieren, nicht raten.“

„Ich rate nicht.“

Annika sah zu ihren älteren Stiefgeschwistern rüber. Sie gaben ein seltsames Bild ab. So verschoben! Dort saß Maggie – mit einem grauen Halstuch über den Schultern und einem ratlosen Blick auf ihrem Gesicht. Ungeduldig rollte sie den Stift in ihrer Hand hin und her, während Niklas ihr die Mathehausaufgaben erklärte.

„Wie multiplizierst du schriftlich?“, fragte er gerade seufzend.

Annika bedachte ihn nachdenklich. Sein Aussehen hatte etwas asiatisches an sich. Er war klein für seine neun Jahre. Und dünn. Aber das hatte nicht viel zu sagen, wenn es um seinen Intellekt ging. Immerhin hatte er bereits ein Schuljahr übersprungen und half nun Maggie, die eine Jahrgangstufe über ihm war dabei, nicht durch die nächste Prüfung zu fallen.

Bald könnte er Paul mit seinen Abschlussprüfungen helfen, pflegte ihre Betreuerin zu sagen. Und Annika bezweifelte es nicht.

Gelangweilt ließ sie ihren Stift über das Papier gleiten. Die Aufgaben waren so öde. Alles nur Fleißaufgaben. Sie musste Zeilen mit nichtssagenden Buchstaben füllen. Dann Seiten. Felder, die gewisse Zahlen ergaben, wollten ausgemalt werden. Vielleicht musste sie hin und wieder irgendetwas ankreuzen. Aber das wars.

Annika blickte zu ihrer Freundin Melanie herüber. Das ältere Mädchen kämpfte sich gerade durch ihre eigenen Aufgaben. Sie musste irgendeinen Text schreiben. Wahrscheinlich irgendetwas über das Wetter, wenn sie die Zeichnungen im Buch richtig deutete.

Aber außer ihnen vieren war niemand weiter da. Ihre anderen Stiefgeschwister hatten die Hausaufgabenstunde bereits beendet oder blieben noch von den Schulaufgaben erlöst. Vielleicht waren sie spielen gegangen? Oder halfen Sabine?

„Aber das macht doch 36. Warum schreibe ich das nicht hin?“

„Du behältst drei im Sinn.“

„Ja, aber was bedeutet das? Und warum im Sinn behalten? Warum nicht davor schreiben?“

„Weil du sie mit deiner nächsten Lösung addierst.“

Annika beobachtete, wie Niklas ihrer älteren Stiefschwester etwas aufschrieb. Sie waren vollkommen in die Aufgabe vertieft. Genauso wie Melanie. Keiner nahm sie mehr wahr. Keiner beachtete Anni-

Entschlossen verscheuchte sie die aufsteigenden Gedanken. Nein. Das hier hatte nichts mit früher zu tun. Ihre Stiefgeschwister liebten sie. Sie mussten sich nur kurz um ihre Aufgaben kümmern, damit sie keinen Ärger in der Schule bekommen würden. Oder noch schlimmer: Von Sabine. Sabine würde sicherlich an die Decke gehen, wenn auch nur einer seine Schulaufgaben vernachlässigte!

Ja. Sie waren nicht ihre Schwester. Sie waren nicht ihre Eltern. Denn im Gegensatz zu denen, waren hier alle immer für sie da!

Nachdenklich blätterte Annika durch ihre Fibel. Sie sah sich die Bilder von den abgebildeten Kindern an. Fina und Fino. Die beiden sollten Annika und ihren Klassenkameraden die Buchstaben näherbringen. Gemeinsam sollten sie so das Lesen und Schreiben erlernen…

Sie strich über die Abbildungen einiger Tiere weiter hinten im Buch. Da drunter bildeten die Buchstaben einige Verkettungen. Wahrscheinlich die Namen der Tiere. Dort war ein Tiger. Dort ein Löwe. Dort ein Elefant. Ein Nashorn. Eine Giraffe. Eine kleine Libelle.

Annika fokussierte sich auf die Wörter und formte mit den Lippen die Laute nach. Sogleich vergaß sie ihre Geschwister und arbeitete sich durch die Seite. Es ging um einen Zoo, so viel erkannte sie auf den ersten Blick. Fina wollte unbedingt ein Tier sehen, konnte es aber nicht finden. Fino hingegen schien zu wissen wo es war und gab immer wieder Tipps und Ratschläge. Am Ende zierte eine Frage die Seite:

Kannst du das Chamäleon finden?

Annika legte den Kopf schief. Ein Chamäleon. Wie sprach man das aus? Egal! Es klang bestimmt lustig! Und hatten die Tiere nicht ganz große Augen? Und einen leicht geringelten Schwanz? Sie konnten auf jeden Fall ihre Hautfarbe an den Hintergrund anpassen! Oder waren es nicht eher Schuppen?

Sie kämpfte sich erneut durch Finos Hinweise. Das Chamäleon ist so klein, dass es am Boden leicht zertrampelt werden könnte. Das Chamäleon passt sich an, ist aber nicht unsichtbar. Das Chamäleon guckt dich von inmitten der Punkte an.

Ihr Blick wanderte automatisch zur Giraffe.

Dort! Grinsend malte sie einen Kreis um ein paar merkwürdige Formen auf ihrem Fell, die Annika erst gar nicht aufgefallen waren. Aber so verzerrt, wie sie aussahen- Und der kleine Punkt weiter oben- Ja! Das war sicherlich eines der Augen. Also musste das das Chamäleon sein!

„Wow… Du bist gut“, bemerkte Melanie neben ihr plötzlich und erschrocken klappte Annika ihre Fibel zu.

„Bitte?“

Sie fühlte sich so ertappt.

„Wir haben damals eine ganze Unterrichtsstunde nach dem Vieh gesucht.“

Annika sah wieder auf ihr Buch. Sie schluckte. Dann hob sie den Blick auf ihre Stiefschwester, die bereits alle Schulsachen weggepackt hatte.

„Wovon sprichst du?“, fragte sie unschuldig.

„Vom Chamäleon. Ich habe gesehen, wie du es gesucht und gefunden hast.“

Sie wirkte nicht so, als ob Annikas Fragen sie verunsichern könnten. Es verängstigte die Jüngere ein wenig. Aber auf der anderen Seite…

Melanie war ihre Stiefschwester. Sie war nicht ihre Mom, die etwas von ihr erwartete, sobald sie der Überzeugung war, dass Annika es konnte. Melanie war einfach nur Melanie. Ihre Spielgefährtin. Ihre Bettnachbarin.

Ihre Freundin.

„Bitte sag nichts“, murmelte Annika daher nur, „Ich möchte nicht…“, ihre Augen sahen zu Niklas und Maggie, die immer noch an der Aufgabe klebten, „Ich möchte keine Klasse überspringen. Dann wollen bestimmt nur alle, dass ich immer klug bin. Aber das ist doof. Klug zu sein ist… es… es macht einsam.“

Annika dachte an ihren Bruder zurück. An diese Augen, die immer durch sie hindurchzusehen schienen. Ihre Mutter hatte Himmel und Hölle für den Knaben in Bewegung gesetzt. Sie hatte Annika zur Vorsicht angehalten. Ihr Vater hatte sie in die Küche gescheucht, damit sie sich um Milch und Mikrowellenessen kümmerte. Alles nur, weil sie gelernt hatte, zu helfen.

Aber jede Hilfe wurde mit einsamen Aufgaben belohnt, bis-

Ihr Blick richtete sich wieder auf Melanie. Zu Melanie, die sie nur irritiert anblinzelte. Dann blickte sie zu ihren Stiefgeschwistern herüber. Die Ältere schien jedes Wort gründlich abzuwiegen bis-

Unbekümmert zuckte sie mit den Schultern.

„Wie du magst. Wir alle haben unsere Laster zu schleppen. Warum noch zusätzliche aufbürden?“

Und damit war das Thema beendet.

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