M: Nur ein dummer Streit

Sophie sammelte das verstreute Werkzeug auf. Hammer. Schraubenzieher. Nägel. Eine Säge. Cuttermesser. Schleifpapier. Nieten. Bleistifte. Muttern. Einen Knochen. Und diverse Gegenstände, von denen sie nicht wusste, wofür sie jemals gut sein könnten.

Es überraschte sie nicht mehr, dass ihr Dad so viel rumliegen ließ. Er war immer so geistesabwesend. Vielleicht würde er eines Tages seinen Kopf vergessen, wenn er nicht angewachsen wäre? Wer konnte das schon sagen.

Meowy meldete sich aus der Küche und Sophie bat ihn noch um etwas Geduld. Er hatte Hunger und sie musste ihn füttern.

Zuvor sortierte sie die Hilfsmittel noch in den großen Werkzeugkasten, der sich unter der Treppe versteckt hatte. Als das Chaos auf dem Flurboden sie begrüßt hatte, hatte sie sich erst erschrocken. Immerhin wäre sie beinahe in eine Hand voll Nägel gelaufen. Jedoch war der Schreck so zügig abgeklungen, wie er sich angeschlichen hatte.

Alles klang in letzter Zeit so zügig wieder ab. Es war ein beruhigendes Gefühl. Als könnte ihr nichts mehr etwas anhaben. Jegliche Gefühle schlichen sich von ihr fort, als würden sie nicht existieren. Anfangs hatte es sie noch verunsichert und so hatte Sophie ihre fehlende Gefühlswelt in ihrem Tagebuch festgehalten. Sie hatte überlegt, ob sie vielleicht eine Psychopathin oder so war. Ob sie kaputt war. Nur …

Es war ja nicht so, als würde sie gar nichts fühlen. Sie hatte sich ja immerhin erschrocken, als sie heimkam. Genau! Es war nur so, dass jeglicher Schrecken nicht wirklich anhalten wollte. Angst. Trauer. Leid. Verzweiflung. Einsamkeit. All das verschwand viel zu schnell und hinterließ dann diese trockene Logik, die Sophie weitertrieb.

Vielleicht ein Schutzmechanismus wegen dem Mo-

Meowy schoss in dem Augenblick aus der Küche, als sie hineingehen wollte. Sophie stolperte über den flüchtenden Kater und fing sich im letzten Augenblick an dem Türrahmen ab. Ein paar der Obstmesser lagen auf dem Boden vor ihr. Allesamt zur Küchentür gerichtet. Allesamt auf sie gerichtet.

Sie seufzte nicht einmal, als sie ihren Dad vor dem Fenster erblickte. In letzter Zeit hinterließ er ein gefährliches Durcheinander nach dem nächsten und solange sie als Erste heimkäme, kümmerte es sie nicht. Selbst wenn sie sich verletzten sollte, dann wäre es doch nur eine mickrige Wunde. Na und?

„Tag“, grüßte sie ihn nebenbei und begann die Klingen wegzuräumen. Sie sollten weg sein, ehe ihr Bruder durch die Tür gepoltert käme. Nie wieder sollte er sich in ihrer Gegenwart verletzen.

Ihr Dad sagte nichts.

Stattdessen starrte er aus dem Fenster. Zuerst glaubte sie, dass er sie durch die Spiegelung beobachten würde, doch schob sie den Gedanken sofort wieder beiseite. Ihr Vater war häufig etwas abwesend. Dann tat er manchmal die seltsamsten Dinge. Er baute Dinge auseinander, andere zusammen, versuchte sich am Kochen, begann auf Papieren herum zu kritzeln, nur um sie dann zu verbrennen.

Ihre Mom nannte es Dannis übliche Verpeilheit. Die Frau hatte es für normal befunden und Marie einmal erklärt, dass jeder eine Bürde durchs Leben zu schleppen hätte.

Sophie hatte damals nebenan gestanden und gelauscht. Sie hatte die Worte in sich aufgesogen. Sie hatte ihren Dad kurz darauf umarmt und ihm all seine seltsamen Macken verziehen. Wegen ihrer sollte er bleiben, wie er war. Sie hatte ihn zu lieben gelernt. Und nur das zählte.

Außerdem genoss Sophie seine Verschwiegenheit. Sie hatte keine Lust auf eine Unterhaltung. Selbst objektiv gesehen, war der Tag bescheuert gelaufen. Sie musste erneut ihr Sportshirt flicken, gucken, wie sie ihr Geschichtslehrbuch retten könnte, Hausaufgaben erledigen und irgendwie noch pünktlich das Abendbrot auf den Tisch bekommen.

Sie lief an ihrem Dad vorbei und legte die Klingen in die  dafür vorgesehene Schublade. Jedoch klemmte der Mechanismus beim Zuschieben und plötzlich fiel der Boden heraus.

Die Messer sausten mit einem Zischen nach unten und nur im letzten Augenblick schaffte Sophie es, ihre Füße darunter wegzuziehen.

„Was zum-“

„Dann hat sie ja noch ganz schön lange gehalten“, murmelte Danni vor sich hin und schnalzte leise mit der Zunge.

Die Neugier kam schneller, als Sophie sie hätte fortschicken können.

„Was meinst du?“

„Eigentlich hätte sie schon beim Aufziehen letzte Woche kaputtgehen sollen. Aber irgendwie war das Holz zu stabil“, erklärte er nonchalant.

Ein ungutes Gefühl kam in Sophie auf.

Letzte Woche. Letzte Woche. Letzte Woche hatte sie gemeinsam mit ihrem Bruder hier gekocht! Er hatte ihr geholfen das Abendbrot vorzubereiten! Und er half ihr sehr oft beim Frühstück! Er. ER. ER!

Tyler.

Sophie zwang die Gefühle so schlagartig zurück, wie sie in ihr aufgestiegen waren. Sie nickte nur, als hätte sie alles verstanden und begann, die Klingen erneut aufzulesen.

„Bitte tu so etwas nicht. Es hätte sich jemand verletzen können“, bat sie.

Die Worte kamen einfach so aus ihr raus. Sie schienen keine Bedeutung zu besitzen. Nur einen Klang, der donnernd durch ihren Kopf klackte.

„Und dann?“, er schnalzte wieder mit der Zunge.

Sophie musste plötzlich wieder an ihren Bruder denken. An seinen gebrochenen Arm. An seine Schmerzensschreie. An diese pure Agonie in seiner Stimme.

Die Gefühle verschwanden diesmal nur stockend. Entschieden legte sie die Messer auf die Anrichte und entspannte ihre Hände.

„Nun mach dich nicht lächerlich.“

Sophie wollte sich umdrehen und gehen, doch hielt sie etwas zurück. Eine Ahnung? Eine Angst? Sie wusste es nicht zu benennen. Dabei sollten ihre Gefühle doch eigentlich weg sein. So oft, wie Sophie ihre Emotionen schon verdrängen musste … Warum kamen sie immer zurück?

„Lächerlich … Lächerlich ist doch, dass du nichts sagst. Du erträgst es einfach nur“, die Worte ihres Dads wirkten auf einmal so viel klarer und tiefgründiger, als sie es gewohnt war, „Du weist es von dir … Das habe ich schon viel zu oft gesehen, Sophie.“

Sie beobachtete ihn einen Augenblick. So, wie seine Augen ihre aufsuchten, erschien er ihr zum ersten Mal so klar, nein, so hilfsbereit.

Aber er musste ihr nicht helfen. Nein. Das wäre zu albern. Außerdem hatte er nichts damit zu tun. Seit jeher musste sie ihre Probleme allein bewältigen. Warum sollte sich plötzlich etwas daran ändern?

„Nicht weiter wicht-“

Seine Hand umschlang ihren Arm so blitzartig, dass sie beinahe aufgeschrien hätte. Er schnalzte mit der Zunge. Seine Augen verengten sich. Sie sahen so ernst wie nie zuvor aus.

„Wage es nicht. Wage es nicht, so etwas als ‚nicht so wichtig‘ zu betiteln! Verstanden?“

Sophie nickte langsam.

„Was, wenn ich dir sagen würde, dass ich die Klingen absichtlich verteilt hätte? Was, wenn ich dir sagen würde, dass es mich nach Blut lechzt? Was, wenn ich dir sagen würde, dass ich am liebsten jeden Menschen auf diesem kranken Planeten Tod sehen möchte? Einschließlich dir, deiner Mutter, Marie … Einschließlich Tyler-“

Sophies Augen weiteten sich. Sie hörte ihren Puls in ihren Ohren widerhallen. Nackte Angst kroch ihr über den Körper und hinterließ eine picklige Gänsehaut. Ihre Beine schwankten. Ihr Blick irrte umher.

Dann fokussierte sich alles.

Als wäre die Angst ein Magnet, so sog sie jegliche Empfindung ein. Plötzlich konnte Sophie wieder durchatmen. Sie erblickte die bebende Ader am Hals ihres Vaters. Sie bemerkte, dass ihre freie Hand irgendwie wieder auf einer der Klingen lag. Der Name ihres Bruders hallte unentwegt durch ihren Kopf.

Tyler.

Tyler.

Tyler.

Tyler.

Tyler.

Tyler.

Tyler!

TYLER!

„Autsch! VERDAMMTER! DAD! RÄUM DEINEN SCHEISS WEG!“

Maries Stimme riss sie aus ihrem Mantra. Das Messer glitt aus Sophies Fingern. Sie konnte Verwirrung in den Augen ihres Vaters erblicken. Irritation schlich sich auf seine Züge und sofort riss sie sich von ihm los und sputete in ihr Zimmer.

Erst auf ihrem Bett bemerkte sie, dass sie weinte. Die Tränen strömten in Wasserbächen aus ihren Augen und nahmen ihr die Sicht. Sie schluchzte unkontrolliert. Bebte. Hustete. Schniefte.

Und dennoch tat es irgendwie gut, das Salzwasser rauszulassen.

Mit zittrigen Fingern zog Sophie ihr Tagebuch hervor und starrte auf den letzten Eintrag. Ihre Hände umklammerten das Buch. Schienen nichts mehr mit sich anfangen zu können. Schienen sich zu schämen. Schienen fort zu wollen!

„Nur ein dummer Streit mit Dad“, flüsterte sie vor sich hin, „Nur ein dummer Streit. Nur ein dummer Streit. Nur ein dummer-“

Nein. Es war kein dummer Streit. Es gehörte in dieses Buch. Es gehörte zu den anderen Erlebnissen, die sie aufgeschrieben hatte, weil sie befürchtete, sich selbst zu verlieren.

Und dennoch wollte sie kein einziges Wort von diesem Tag auf die leeren Seiten kritzeln.

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