M: Stiefel für den Kater

„Er braucht Stiefel, Mom! Bitte!“

„Er ist ein Kater, Marie“

„Deswegen ja! Wie soll er sonst sprechen können? Oder auf zwei Beinen laufen?“

Sophie kicherte leise, während sie ihrem jüngeren Zwilling und ihrer Mutter lauschte. Mrs. Kleid hatte ihnen vorhin wieder das Märchen vom gestiefelten Kater aufgelegt und seitdem war Marie wiedermal davon überzeugt, dass man nur so den Zauber auf ihrem pummeligen Hauskater brechen könne.

„Warum tust du mir so etwas an?“, die Frage ihrer erschöpften Mom richtete sich an die ältere Frau, die die Schwestern immerzu betreute, wenn ihre Eltern arbeiten mussten.

Mrs. Kleid war eine herzensgute Großmutter, die noch dazu wundervoll backen konnte. Die Düfte, die durch ihr Haus strömten, waren einzigartige Wunder! Sophie liebte ihre Plätzchen und während Marie sich lieber in der Welt der Märchen verlor, die aus dem alten Plattenspieler drangen, ruinierte sie mit ihrer Backhilfe stets die Küche der guten Frau.

„Ach, was. Lass ihnen doch die Fantasie. Immerhin hatte sie dir so oft gefehlt, Jane“, mit diesem ewig freundlichen Lächeln goss die Dame ihrer Mutter Kaffee ein und Sophie lauschte den gepeinigten Geräuschen, die aus dem Mund ihrer Schwester drangen.

„Mom! Willst du Meowy denn nicht glücklich sehen? Außerdem müsste Dad bestimmt nicht so viel arbeiten, wenn Meowy Geld mit nach Hause bringen würd Und du könntest auch mehr Zeit mit uns verbringen. Dann musst du nicht mehr so häufig ins Gericht und-“

„Ich werde immerzu ins Gericht müssen, Marie. Viel zu lange, viel zu oft. Bis ich meine Schulden abbezahlt habe“, unterbrach die Erwachsene Sophies jüngere Schwester so fest, dass die Anderen zusammenzuckten.

„Aber du hast doch keine Schulden mehr, wenn wir sie abbezahlen“, trotzig verschränkte Marie die Arme, „Siehst du es denn nicht?“

Das Schweigen ihrer Mutter irritierte Sophie. Unsicher beobachtete sie die Frau, konnte jedoch aus der Mimik nicht schlau werden. Sie glaubte ein Seufzen zu vernehmen. Ein angestrengtes Ausatmen, das nur so von Erschöpfung sprach. Von Schuldgefühlen, die das kleine Mädchen nicht begreifen konnte. Die sie innerlich auszulaugen drohten.

„Ist alles in Ordnung, Mom?“

Das erste Mal seit Beginn der Diskussion traf sie der Blick der Rechtsanwältin. Es war, als würde die Frau sie ansehen und sie dennoch nicht sehen können. Ein Gefühl, das sie in letzter Zeit immer häufiger hatte und das-

„Sophie? Marie?“, mischte sich ihre ältere Babysitterin ein und überrascht sah sie zu Mrs. Kleid, „Ich habe bestimmt noch alte Stoffreste hinten in der Kammer. Könnt ihr sie bitte holen? Dann können wir ja mal gucken, ob sich daraus was für euren Meowy zaubern lässt“

„Wirklich? Super!“, aufgeregt zerrte Marie ihre ältere Schwester mit aus der Stube und weiter hinein in das alte Großmütterchenhaus.

Und Sophie? Sophie ließ sich mitzerren. Sie folgte ihrem Zwilling, wenngleich ihre Ohren trotzdem noch den nächsten Worten der alten Frau lauschten. Worte, die sie in ihrem kindlichen Alter gewiss viel zu früh vergessen würde…

„Sie sind kein Teil deiner Vergangenheit, Jane. So ähnlich sich ihre Augen auch sind – Gemma ist nicht hier“

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