M: Die Dinos

Philip wusste nicht mehr, wann die Tradition in ihrer Familie Fuß gefasst hatte. Sie war irgendwie schon immer Teil seines Lebens gewesen. Seit er gar denken konnte! Nur dafür verabschiedete er sich jeden Abend von seinen Plastikdinos und wünschte ihnen eine erfolgreiche Nacht. Anschließend holte er sich seine Gute-Nacht-Küsse ab und eilte ins Bett, damit die Dinos ihre eigenen Abenteuer erleben konnten.

Mittlerweile wusste Philip, dass die Spielzeuge nachts nicht lebendig wurden. Er wusste, dass sein Dad die Spielzeuge jeden Abend neu platzierte. Er wusste, dass sein Papa manchmal ganze Kulissen aufbaute. Er wusste, dass all die Reisen seiner kleinen Dinos nur Märchen waren. Fantasievolle Geschichten, die nichts mit der Realität gemein hatten. Er wusste es, seitdem er in die Schule ging. Seitdem er dort von den Wichtelmännern und Osterhasen gehört hatte. Das hatte ihm die Augen geöffnet.

Dennoch hatte er sich weiterhin jeden Morgen auf ihre Tradition gefreut.

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B: Ein nächtlicher Besucher I

Lachend öffnete Shiloh den Ofen, während Liane die Batterien aus dem schreienden Feuermelder riss. Sie hatten sich so sehr verquatscht, dass die Pizza eher den Bräunungsgrad von Holzkohle erreicht hatte.

„Davon“, ihre Freundin warf das Blech in die Spüle, „ess ich ni-“, das letzte Wort ging in einem Hustenanfall unter.

Eilig öffnete Liane die Fenster und wedelte mit einem Geschirrtuch herum: „Das ist mir noch nie passiert!“

Sonst hatte sie immer neben dem Ofen gewartet. Wieso auch nicht? Wenn ihr Vater da war, kochten sie eher. Und wenn sie allein war, gab es keinen Grund, die Küche zu verlassen.

„Echt?“, krächzend schüttete Shiloh sich etwas Limo in den Rachen, „Wurde mal Zeit!“

„Wurde Zeit?“

„Na, wann wolltest du sonst mal die Küche in die Luft jagen?“

Unwillkürlich zuckte Liane zusammen. Die Erinnerungen schlugen auf sie ein. Sie dachte wieder an den Abend zurück. An den fremden Mann. Wie er sie Lilith genannt hatte und ihr Haus-

„Das bekommt keiner mehr runter. Bestellen wir uns was? Dein Alter ist ja eh noch nicht zurück“, durchbrach ihre Freundin die lodernden Gedanken.

„Ja… Ja! Klar. Gern!“

Liane warf das Handtuch zur Seite und eilte nach nebenan, um ihr Telefon zu holen. Damit hätte sie eine Aufgabe. Dann könnte sie die Erinnerungen ausblenden. Ihr Tag war schon so lang genug gewesen – da konnte sie auf die verwirrenden Erinnerungen auch verzichten.

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Minki, die kleine Zweibeinerin und das Netz

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Es hatte nicht lange gedauert, bis das größere Wesen zu einer kleinen Zweibeinerin heranwuchs. Es tapste zwar immer noch ein wenig schwankend umher und verschüttete ständig irgendwelche Flüssigkeiten, aber es verwöhnte Minki regelmäßig mit einer Vielzahl an Leckerlies.

Und letzteres erfreute den Kater mehr, als er sich anmerken ließ.

Sobald sie sein Reich betrat, präsentierte er sich stets aus sicherer Entfernung. Er wusste, dass diese kleine Zweibeinerin ihn dann streicheln wollte. Und er wusste, dass sie dafür nach Leckerlies für ihn bitten würde. Es war ein einstudiertes Spiel, mit dem er sich die köstlichen Krümel hart verdiente.

Umso mehr irritierte es ihn, als sie kam … und nicht einmal in Minkis Richtung blickte!

Nein! Stattdessen plapperte sie wild vor sich rum. Malte große Bögen in die Luft. Jaulte. Quengelte!

Bis Minkis Retter nachgab.

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Minki und das Geheule

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Vieles musste der Kater bei seinen Zweibeinern ertragen. Von schiefen Stimmen über kratzige Schalplatten zu heulenden Radios. Wenn er konnte, suchte er das Weite. Der Krach peinigte seine Ohren einfach zu sehr. Wenn nicht …

Minki zuckte zusammen, als die Frau seines Retters ein Lied anstimmte.

Qualvoller Krähengesang! Das war eine Pein. Eine Tortur! Anders konnte man dieses Geheule nicht beschreiben!

Hastig floh der Kater ins Schlafzimmer. Er stemmte mit Kopf und Vorderpfoten eine Lücke zwischen Matratze und Bettzeug. Er musste einfach unter die dicken Kissen. Dort sollte es leiser sein. Dort sollte er verschont blei-

Er konnte es immer noch hören.

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Minki und das Versteckspiel

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Es klingelte. Dann donnerte es. Und nochmal lauter. Und lauter!

Minkis Ohren spitzten sich an. Sein restlicher Körper verschmolz mit dem Sofa. Erst sah er zu seinem lächelnden Retter. Dann lauschte er den Schritten seiner Frau. Die Zweibeinerin näherte sich der Geräuschkulisse. Sie klimperte mit den Metallstiften.

Und dann war das größere Wesen in seinem Reich.

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