Alexander kam nur vier Tage später im Hof an. Er war mit dem Pferd bis kurz vor das Tor geritten. Den restlichen Weg hatte er jedoch zu Fuß beschritten. In Andenken an die verunglückte Elisabeth, wie er vor Maria und deren Vater kundtat.
Denn erstmalig hatte der Mann wieder die Gegenwart seiner Tochter geduldet.
Daniela und Robert Schuster waren ein älteres Ehepaar, das erst vor knapp zehn Jahren nach Kriegsheim gezogen war. Hier hatten sie sich ein ruhigeres Leben gewünscht. Ganz ohne ihre einst so neugierigen Nachbarn, die an ihren nervigen Vorurteilen festhielten. Außerdem gab es hier nur eine einzige Schule im gesamten Dorf und der Kinderlärm hielt sich auch in Grenzen.
Zumindest meistens.
„Diese Bengel sind über meine Chrysanthemen gelatscht! Meine Chrysanthemen, Robert!“, schimpfte Daniela.
„Ich weiß, das sagtest du bereits“, mürrisch hockte er vor seinem Kreuzworträtsel und weigerte sich, aufzusehen.
„Ich habe sie draußen angepflanzt, als wir hier eingezogen sind! Fast zehn Jahre haben sie unseren Vorgarten geschmückt. Und nun? Außerdem haben diese Knirpse die Holundersträuche zerrupft! Ganz zu schweigen von dem abgebrochenen Apfelbaumast. Diese Kinder sind kleine Teufel! Sie gehören in eine Anstalt!“
„Ja, ja. In eine abgesicherte Anstalt … mit Zwangswesten? Oh! Hast du eine Zierpflanze mit P für mich? Endet auf E“, murmelte ihr Mann und klopfte mit dem Kugelschreiber gegen die Lehne seines Sessels.
„Petunie“, spuckte sie ihm giftig entgegen und stürmte aus dem Zimmer.
Vieles musste der Kater bei seinen Zweibeinern ertragen. Von schiefen Stimmen über kratzige Schalplatten zu heulenden Radios. Wenn er konnte, suchte er das Weite. Der Krach peinigte seine Ohren einfach zu sehr. Wenn nicht …
Minki zuckte zusammen, als die Frau seines Retters ein Lied anstimmte.
Qualvoller Krähengesang! Das war eine Pein. Eine Tortur! Anders konnte man dieses Geheule nicht beschreiben!
Hastig floh der Kater ins Schlafzimmer. Er stemmte mit Kopf und Vorderpfoten eine Lücke zwischen Matratze und Bettzeug. Er musste einfach unter die dicken Kissen. Dort sollte es leiser sein. Dort sollte er verschont blei-
Beleidigt saß Minki im Garten. Sein Schwanz peitschte gegen den schattigen Boden und seine Ohren richteten sich auf die Zweibeiner. Auf seinen Retter und die anderen beiden Felllosen.
Verächtlich fuhr er mit den Krallen in den sandigen Boden.
Normalerweise genoss der Kater diese Idylle. Normalerweise spielte er liebend gerne in seinem Paradies. Normalerweise jagte er in seinem Königreich Nagetiere und Eichhörnchen. Aber nie Vögel. Nein. Bloß keine Flattermonster!
Doch normalerweise war gerade gestrichen.
Die junge Zweibeinerin lachte auf und rannte zu einigen Pflanzen mit roten Früchten herüber. Schnatternd pflückte sie drei Stück und machte sich damit auf den Rückweg, um sie mit den anderen zu teilen.