M: Von Schuldgefühlen eingenommen

„Möchten Sie noch etwas Wasser?“, fragte die Bedienung lächelnd. Es war ein einladendes Lächeln. Eines, das in der Gastronomie als Einstellungskriterium verwendete. Dennoch kam Jane nicht umhin, es zu verachten.

Es war nur eine geschickte Lüge.

„Nein, danke“, erwiderte sie höflich und wies auf ihr noch volles Glas.

Erst als sie wieder allein war, schaute sie prüfend durch das Café: Zwei Gäste saßen am Tresen, ein weiterer am Fenster. Dazu noch die Bedienung und jemand in der Küche. Übersichtlich. Nun, es war immerhin ein ruhiger Samstagmorgen in Centy. Was hatte sie erwartet?

Und trotzdem war Jane gekommen.

Der Katzensprung war das Mindeste – selbst mit wachsendem Bauch. Sie musste ja nur die Treppen runterrutschen und über die Straße schlendern. Einzig, um die Angestellte zu treffen, die sich zu ihrer Schicht verspätete.

Mortes hatte seine Schwester doch immer aus allem rausgehalten!

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K: Die Kastanie

Risu betrachtete das Treiben auf der Straße unter ihm. Er saß auf einem der Bäume. Schräg über einem Obstverkäufer. Hier hielt er sich gern auf. Er genoss die Sonne, lauschte dem letzten Tratsch und wenn die Menschen nicht aufpassten, konnte er sich sogar ein paar Weintrauben oder eine Pflaume stibitzen. Die bekam er im Wald sonst nicht.

„Die Äpfel sind viel zu überteuert“, beschwerte sich eine Frau zeternd und neugierig betrachtete Risu sie.

Sie war groß. Blond. Muskulöse Oberarme. Neben ihr stand ein kleines Kind. Ein Mädchen. Vielleicht drei oder vier. Ebenso blond, aber ein viel schmaleres Gesicht. Ja! Sie wirkte geradezu hager!

„Angebot und Nachfrage, werte Frau“, erklärte der Verkäufer, „Es ist das Gesetz des Marktes.“

„Das Gesetz des Marktes? Wohl eher das Gesetz ihrer Gier!“

Empört schnappte der Mann nach Luft. Er fuchtelte mit den Händen herum. Beschwerte sich. Schimpfte.

Risu achtete nicht auf ihn. Das Kind war interessanter. Im Gegensatz zu den anderen Passanten waren ihre Augen wach. Sie sah sich die Waren an, sie betrachtete die anderen Menschen … und sie schaute hoch.

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M: Kollateralschaden

Erschrocken schnappte Matt nach Luft, als die kleine Flamme am Herd wirklich aufloderte. Er hätte sie eigentlich erwarten müssen. Sie hatten hier ja einen Gasherd und das leuchtende Feuerchen erschien jedes Mal, wenn seine Mutter kochte. Nur …

Seine Mutter schlief noch selig nebenan.

„Meinst du, das muss noch doller?“, fragte sein Bruder leise und drehte unruhig am Knauf herum.

„Hm … Je heißer es ist, desto schneller müsste das Essen fertig sein und desto früher können wir Mama wecken, oder?“, gab Matt zu bedenken.

Das schien Lucas zu überzeugen. Sicher drehte er den Knauf auf die höchste Stufe und warf Eier und Speck in die Pfanne.

„Du machst dafür Kaffee“, flüsterte der Ältere.

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K: Das Leben ist zu schön

„Bitte sei leise, Sissy“, murmelte Lisa flehentlich, während sie das gefundene Kätzchen unter ihrem Shirt transportierte. Dennoch wollte das Tier nicht hören. Immer wieder mauzte es und jagte dem Kind einen Schrecken nach dem anderen ein.

Ertappt sah sich das Mädchen um. Sie befand sich auf der einzigen Straße, die von Kriegsheim zum Waisenhaus führte. Auf der einzigen Straße, die sie nach Hause brachte. Es war eine einsame Fahrbahn mit diversen Schlaglöchern und Gräsern, die sich mühsam durch das Beton fraßen und da es keinen Gehweg gab, tat Lisa häufig so, als wäre sie eines der seltenen Autos. Warum auch nicht? Die einzigen, die diesen Weg benutzen, waren ihre anderen Geschwister und Sabine. Dieser Ort lag viel zu abgelegen!

Ihre Augen huschten zum Waldrand, der ihr so nah erschien, als würde er die Straße sein Eigen nennen. Sie glaubte jemanden zwischen den Bäumen zu erkennen, doch als sie blinzelte, war die Person verschwunden. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Augen ihr Streiche spielten. Die Schatten zwischen den Baumstämmen waren eigenartig verworren. Allerdings war das normal so. Sabine hatte es ihr beteuert.

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K: Lieber Niklas

Niklas beobachtete seine älteste Stiefschwester unsicher. Er hatte sie schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Viel zu selten kam sie ihr altes Waisenhaus besuchen! Aber heute, zum Geburtstag ihrer Betreuerin und einem seiner anderen Stiefbrüder, zum Jahrestag ihres Waisenhauses, war sie endlich wieder nach Hause zurückgekehrt.

Lachend saß sie mit all den anderen Kindern, den Freunden aus dem Dorf und einigen ehemaligen Waisen an einem riesigen Tisch. Links von ihr hockte das jüngere Geburtstagskind, Florian, auf einem kippelnden Stuhl und erzählte von all den Dingen, die sie verpasst hatte. Rechts von ihr lauschte der ebenfalls ausgezogene Tom den prachtvollen Erzählungen. Auf ihrem Schoß hüpfte die zweijährige Lisa glucksend auf und ab. Letztere verlangte Lieder. Musik. Aufmerksamkeit.

Und Janine gab sie dem Kind genauso herzlich, wie sie es einst bei Niklas getan hatte.

Viel zu lange lagen diese Erinnerungen zurück.

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