Als die Dunkelheit endlich von ihr abfiel, befand sich Cindy Lucy in ihrem Zimmer. Hier hatte sie den Großteil ihrer Kindheit verbracht. Der Raum war ihr so vertraut wie ihre eigenen Hände. Sie hatte hier ein riesiges Bett, gewaltige Schränke, hohe Decken, viel Platz um sich zu bewegen, zu tanzen, zu trainieren …
Und dennoch erschien ihr nun alles kleiner. Beengter. Erstickender.
Wie ein Käfig.
Zitternd streckte sie die Hand nach der Zimmerdecke aus. Diese Decke, die mit einem strahlenden Himmel bemalt war. Ein Himmel, der dem echten keine Konkurrenz machte. Der viel zu platt wirkte. Viel zu hohl. Er war nicht richtig. Nicht echt.
Die Bilder der Zukunft wurden mit jedem Mal verschwommener. Sie schwankten zu sehr zwischen verschiedenen Versionen: Versionen, in denen Leute starben. In denen sie überlebten. In denen sie depressiv wurden. In denen sie sich abwandten und sich wieder vertrugen …
Dabei hatte Chem Wak gehofft, dass sein Brief eine friedliche Zukunft stabilisieren würde!
Seufzend massierte er sich die Schläfen und wog alle Möglichkeiten erneut ab. In keiner schien Liliths Stiefvater noch gewaltsam sterben zu müssen. Gut. Damit konnte er ihr diese Trauer wohl ersparen. Aber als Kehrseite würde ihn der Mann daran hindern, mit ihr in Kontakt zu treten.
Eher würde ihr Stiefvater sie irgendwo einweisen lassen, als ihre Erinnerungen zu unterstützen.
Nachdenklich schaute er durch die getönten Scheiben zu dem großen Haus herüber. Er ignorierte, wie Mr. Brume ihn beobachtete. Stattdessen setzte sich Chem Wak ein neues Vorhaben in den Kopf. Eine Absicht, die er sich selbst einbrannte, ehe seine Welt ins Schwanken geriet. Alles drehte sich. Stimmen verdrehten sich. Gefühle purzelten durch ihn hindurch-
Ms. Flatfink liebte Geschichte. Seitdem sie zum ersten Mal die Friedenstaube gelesen hatte, ein Schriftstück, das ihr Land mit seinen Ansichten und Weisheiten in eine Demokratie formte, schlug ihr Herz für die Historie. Bereits als Grundschülerin konnte sie sich in den alten Texten verlieren und lernte sogar, die damaligen Handschriften einwandfrei zu lesen. Alles für die vergessenen Wünsche und Ansichten, die ihr Land prägten. Es war wundervoll von all diesen Schicksalen zu erfahren. Wie sie zueinander führten. Wie sie einander berührten. Wie sie sich verwebten. Es war geradezu wie ein Zauber, der ihre Gedanken umwob!
Ein Zauber, den sie an ihre Schüler weitergeben wollte.
Doch ihre derzeitigen Klassen zeigten leider nur wenig Interesse an der Vergangenheit: Zwei Mädchen kicherten in der hintersten Reihe miteinander, während sie sich Nachrichten schrieben. Ein weiteres schaute nur verträumt aus dem Fenster. Der Junge in der Mitte war auf seiner Federtasche eingeschlafen. Ein weiteres Kind spielte geistesabwesend mit einem Bleistift und noch eines hatte sich hinter einem umgedrehten Mathebuch versteckt.
„Es ist anzunehmen, dass Jones Kirk ermordet wurde“, beendete sie gerade die Erklärung zum Untergang ihrer einstigen Diktatur, „Jedoch wurde der Täter nie gefunden. Niemand weiß ob er dem Ruhm o-“
„Er oder sie“, unterbrach eine gelangweilte Stimme.
Cindy Lucy war fünf, als ihre Großmutter sie das erste Mal an die Oberfläche führte. Zuvor war die Welt über ihr nur ein Mythos gewesen. Eine weitere Etage in einem Anwesen, das sich fast gänzlich unter der Erde versteckte. Dass der Himmel nicht nur ein Bild an einer Zimmerdecke war, war ihr nie in den Sinn gekommen.
Bis sie hoch gebracht wurde, um das erste Mal reine Luft zu berühren. Ein Macian brauchte diese Berührung, wurde ihr gesagt. Damit sie den Wind spürten. Damit sie ihn bändigen konnten. Damit sie seine Wildheit verstanden.
Begeistert drehte Cindy sich im Kreis.
„Die Sonne ist so warm“, verlor sie ihre Worte in die Welt – denn heute echoten sie nicht zurück.
Es war bereits nach drei Uhr morgens, als Liane die Geräusche von unten vernahm: Klimpern. Leises Poltern. Schritte.
Vorsichtig setzte sie sich in ihrem Bett auf und blickte zu Shiloh herüber. Eigentlich hatte ihre Freundin erst nach Liane einschlafen wollen. Als sie jedoch nur noch gähnen konnte, hatten sie sich gemeinsam ins Bett gelegt.
Sofort war das andere Mädchen im Land der Träume versunken.
Knirschen.
Entschlossen stand Liane auf und entriegelte ihre Zimmertür. Sie musste schnell hindurch schlüpfen, damit das Licht von nebenan Shiloh nicht wecken würde. Und noch schneller musste sie die Tür wieder schließen, ehe ihr Vater bemerkte, dass sie Besuch hatten.