K: JM’s geheimer Verbündeter II

Nach der Schule musste Lian seinen Vater gar nicht suchen. Seine Eltern befanden sich zur Abwechslung mal beide daheim in der Küche und sprachen in gedämpften Stimmen miteinander. Canopy daneben.

Leise stellte er seine Schulsachen ab und gesellte sich zuerst zu dem Naturgeist. Er grüßte sie still. Ließ sich einmal von ihr umarmen und kramte dann seinen neuen Atlas aus dem Ranzen.

„Du wolltest doch die Welt sehen“, erklärte er ihr, während er das Buch öffnete, „Das ist unsere Erde. Also. Aufgemalt. Und mit den Ländergrenzen der Hutan. Und hier-“, er blätterte zu einer Weltkarte, die die Gebirge und Flüsse zeigte, „So sieht die Welt richtig aus. Da ist der Amazonas. Da diese komischen Berge, die du letztes Jahr so mochtest.“

„Wunderschön!“, Canopy fiepte aufgeregt, „Darf ich das behalten?“

„Er braucht es morgen für die Schule zurück“, mischte sich seine Mom ein.

„Aber bis dahin?!“

„Bis dahin“, bestätigte sein Pa lächelnd.

Sofort versank der Desson in das Buch.

„Ich habe nichts unterbrochen, oder?“

Lian wollte mit der Frage eigentlich nur die angespannte Luft etwas auflockern. Da seine Eltern jedoch beide erstarrten, schien er direkt ins Schwarze getroffen zu haben.

„Was ist los?“

„Deine Ma denkt, dass du ein Jahr überspringen oder wiederholen solltest. Damit du nicht mehr mit Janine in einer Klasse bist“, erklärte sein Vater.

„Weil ihre Magie so instabil ist?“

Abrupt riss seine Mom den Kopf hoch: „Ist sie ausgebrochen?“

„Nein. Also, nur ein bisschen. Zu ihrer Verteidigung: Sie scheint es nicht steuern zu können. Warum hat sie auch keinen Vertrauten?“

Die Frage richtete er insbesondere an seinen Vater, doch als seine Mutter die Brauen rümpfte, war Lian klar, dass sie sich bislang keine Gedanken dazu gemacht hatte.

Als halbe Macian ist ihr das Konzept suspekt, mischte sich Lewis ein.

„Ich glaube, ihre Ma hielt es für zu gefährlich. Und jetzt … Ich weiß nicht. Der Tempel listet alle vertrauten Desson mitsamt ihren Familienstammbäumen. Wenn ein Wesen dort von den Listen verschwindet, fällt es auf. Und einen freien Desson zu überzeugen, sich mit ihr zu verbinden … Nein. Das würde zu viel Aufmerksamkeit auf sie lenken.“

„Und wenn es Verwandte Vertraute sind, die sich damit auskennen, keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken?“, fragte Lians Ma still, „Wie der, mit dem ihre Mom verbunden war. Dieser …“

Sie wedelte mit der Hand durch die Luft, als könne sie sich so besser erinnern, doch schien ihr der Name dennoch nicht einzufallen. Auch Lian konnte sich nur verschwommen entsinnen. Das hatte irgendwie mit dessen Magie zu tun. So viel hatte sein Vater ihnen erklären können.

Denn dieser war der einzige gewesen, der sich immerzu an das Wesen erinnern konnte, seitdem er diesen aktiv recherchiert hatte.

„Oni war mit ihrer Mutter verbunden. Er kann sich nicht noch mit JM verbinden“, sein Vater seufzte, „Auch wenn seine Fähigkeiten gerade für sie sehr hilfreich wären …“

„Weißt du, wo er ist? Vielleicht kennt er ja jemanden mit einer ähnlichen Kraft wie seiner, weißt du?“, fragte Lian weiter.

Diesmal schien sein Vater länger zu überlegen. Er nickte still. Dann wies er zu Canopy, die immer noch den Atlas bestaunte: „Sie könnte ihn finden und fragen. Aber uns darf er nicht sehen. Nicht, solange das Gerüst zu wackelig ist.“

Das Gerüst. So nannte sein Vater ihre Zukunft in letzter Zeit immer häufiger. Als befürchtete er, dass alles bei der kleinsten Böe einstürzen könne …

„Bist du deswegen hier?“, fragte Lian vorsichtig.

„Ja und nein“, sein Vater lächelte sachte, „Ich habe einen alten Bannkreis rausgesucht. Gegen Lauscher. Den müssen wir zeitnah am Naarhaus anbringen, damit er im Gemäuer oder Holz natürlicher wirkt.“

„Bitte?“, Lewis schob sich vor und schaute zu seiner Mom, „Aber deine Mutter ist doch gerade erst ausgezogen. Ist das jetzt nicht etwas sinnfrei? Niemand sollte sich gar für die alten Naars interessieren. Ist es das Risiko wirklich wert?“

„Ja“, sie seufzte, „Wir wollen meine jüngere Version in ein paar Jahren in das Dorf locken. Und … Dein Vater möchte nur sichergehen, dass es einen geeigneten Rückzugsort gibt.“

Obwohl es logisch klang, so traute Lian ihren Worten nicht ganz. Dafür schaute sie ihm bewusst nicht in die Augen. Als hatten sie bereits etwas geplant, wovor sie ihn beschützen wollten …

Angespannt übernahm Lian die Dominanz und brummte seine Zustimmung.

„Soll ich dann nur aufpassen, dass keiner guckt?“

„Es sei denn, du traust dir eine tüchtige Illusion zu“, konterte sein Pa.

Grinsend rieb sich Lian die Hände. Diese Art Herausforderung nahm er gerne an. Immerhin trainierte er nun schon seit über einem Jahr seine Chakren. Und das Ajnachakra war das einzige, das greifbar und verschwommen zugleich war.

„Ich kann es versuchen, ja? Jetzt? Brechen wir jetzt auf?!“

„In vier Stunden“, bremste seine Mom ihn, „Dann sind die meisten beim Abendessen. Das ist ungefährlicher, falls deine Illusion nicht klappt.“

Gegen ihre strenge Stimme traute sich Lian nicht zu widersprechen. Also stimmte er erneut zu und ließ sich alles weitere von seinem Vater erklären, ehe dieser auch Canopy mit ihrer ganz eigenen Aufgabe betraute.

Sie sollte einen Oni finden. Einen Namen, den Lian sofort wieder vergaß. Den Canopy sich jedoch erstaunlicher Weise merken konnte. Für diesen verfasste sein blinder Vater sogar noch einen kleinen Brief. Drei knappe Zeilen, die versprachen, sich um JM zu kümmern. Die jedoch nach einem Desson mit ähnlichen Fähigkeiten fragten. Und die darum baten, sich beim Hüter der Wälder zu treffen.

„Sicher, dass Shizen nicht sauer wird?“

„Er weiß, dass es für eine bessere Zukunft ist. Außerdem ist ein neutraler Ort am besten, solange wir nicht ausschließen können, dass Oni uns in den Rücken fallen könnte.“

„Dann darf er Poppa nicht sehen?“, erkundigte sich Canopy mit großen Augen.

„Oni darf Poppa nicht sehen. Oni darf Jackie und Lian nicht treffen. Deswegen wirst du mit ihm allein reden müssen. Und du wirst herausfinden müssen, ob er JM hasst oder sie beschützen will. Alles andere ist nicht verhandelbar.“

„Hassen oder beschützen. Hassen oder beschützen. Hassen oder beschützen“, wiederholte sie, dann grinste sie, „Ich finde ihn!“

Ehe sich Lian versah, tanzte sie aus der Küche in den Flur und war im Nu im Wald. Er hörte, wie seine Mom schimpfte. Lauschte, wie sein Vater lachte. Bemerkte, wie er selbst lächelte.

Canopy war die älteste und kindlichste von ihnen allen.

„Essen wir zusammen zu Abend, ehe ich mit Pa losmuss? Also, zu dritt?“, fragte er, ehe die Euphorie verfliegen konnte.

„Wünschst du es dir?“, erkundigte sich seine Mom still.

„Immer.“

Im Nu fanden sie sich zusammen. Der Tisch wirkte voll. Herzlich. Lachend. Und wie Lian seine Eltern so musterte, wurde ihm bewusst, dass Janine derzeit nur die Betreuerin und drei Stiefgeschwister mit im Waisenhaus hatte. Dass ihre Mutter tot war. Dass sie dennoch funktionieren musste.

Und irgendwie wünschte er sie sich mit an seinen an den Tisch.

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