
Müde setzte Tarek John sein Siegel unter die letzten Papiere, ehe er diese mit einem mürrischen „für die Konzilmitglieder“ RT zuschob. Zu vieles hatte in den Abteilungen angepasst werden müssen, um ihren Frieden zu stärken. Und viel zu viele würden sich nun durch die neuen Richtlinien und Bestimmungen bedroht sehen.
Vor allem jene, deren Kinder oder Nachfolger an dem neuen Waisenhausprojekt teilnehmen mussten.
Damit fiel TJ‘s Blick auf einen Stapel Steckbriefe. Während er zwar auch Hushenwaisen und bekannte Ubride aufgelistet hatte, so hatte er auch jüngere Verwandte der Konzilmitglieder und der traditionellen Hushenfamilien zur Teilnahme verpflichtet. Eine Entscheidung, die er immer noch Maggie erklären musste, ehe das Projekt nächste Woche anlief …
„Ich sollte mit ihr sprechen“, flüsterte er sich selbst zu.
Fällt dir ja früh ein!, schimpfte John.
Wir mussten es tun. Um uns absichern. Mag versteht das, entgegnete Tarek.
Ja. Sie versteht das. Aber wenn wir diesen Frieden zusammen aufbauen wollen, dann müssen wir uns auch zusammen absprechen!
„Und wann willst du hin?“, rettete Gakumon ihn vor seinem ungehaltenen Ich.
TJ blickte aus dem Fenster. In die dunkle Nacht. Gewiss schlief sie schon. Es wäre falsch nun vorbei zu kommen. Dennoch schrie alles in ihm, dass er doch gerade jetzt vorbei sollte. So wie früher. Als er sich nachts an ihr Bett gesetzt hatte. Als er in der Dunkelheit auf sie einsprach, um ihr Eis zu beruhigen. Als er nur er und sie nur sie war. Zwei verfeindete Freunde, die sich noch nicht um das Schicksal ihrer Völker sorgen mussten …
Gedankenverloren zog er sein stumpfes Zentrip raus und strich über das Metall.
Damals war es noch scharf gewesen. Damals hatte er es immer hochgeworfen und beim Fangen nach ihrer Markierung getastet. Einzig, um es dann schnell wieder hochzuwerfen, weil er ansonsten sofort zu ihr blinzeln wollte …
Irritiert betrachtete er die Klinge. Er hatte nur an Maggie gedacht und schon war sie kühler geworden. Ganz so wie damals, als ihre Magie im Waisenhaus ausgebrochen war …
„Ist Yuki noch wach?“, fragte er seinen Vertrauten leise.
„Ich glaube …“, die Unsicherheit in Gakumons Stimme fuhr auch in TJ’s Knochen, „Sie blockt mich ab.“
Der Otou-san lehnte sich stumm in seinem Stuhl zurück. Er warf sein Zentrip hoch, ehe er nachdenken konnte. Dachte daran zurück, wie Maggie bei ihrem letzten Treffen ausgesehen hatte. Rief sich jeden Winkel ihres Gesichts in Erinnerung. Jede Falte. Jedes Lächeln.
Hatte er etwas übersehen? Stand sie zu sehr unter Druck? In Gefahr war sie nicht. Sonst wäre ihr Bruder bereits hier. Oder Yuki hätte anders reagiert. Oder-
Aus einem Reflex heraus fing er die Klinge wieder auf.
Unsere Gedanken rasen, murrte Tarek.
Dann lass uns doch jetzt hin blinzeln, mischte sich John ein.
Ja. Das war gesünder für alle Beteiligten. Wer wusste schon, wie viele Sorgen John noch in ihm aufbauen würde, wenn er das Zentrip erneut hochwarf?
Wortlos klopfte er gegen sein Bein, um Gakumon zu sich zu rufen. Er verschob einige Bannkreissteine mit einer Geste seines Zentrips. Sammelte zuletzt noch die Steckbriefe ein, um notfalls sein Erscheinen vor den Auxilius rechtfertigen zu können.
Dann stand er bereits im Stützpunkt der Macian. Direkt vor der schlafenden Floris. Neben einer zitternden Yuki.
Und er spürte etwas aus Metall an seiner Seite.
„Guten Abend, SveA“, sprach er die Macian an und wartete, bis diese langsam die Metallketten sinken ließ.
„Es schickt sich nicht, die Floris zu so später Stunde zu besuchen“, ihr Atem entstieg ihr in kleinen Wölkchen. Wölkchen, die TJ selbst zu gut kannte.
Dennoch hatte sie Maggie nicht geweckt oder die Kälte mit Feuer vertrieben.
„Wie lange?“, wandte er sich daher direkt an Yuki, die Gakumon bereits umarmte, um sich zu wärmen.
„Mag wollte nicht, dass du dich sorgst“, flüsterte der kleine Desson unschlüssig, „Sie wollte nicht, dass du wieder die ganze Nacht durchmachst …“
Wieder. Das Wort echote durch seinen Kopf. Er erinnerte sich zurück, wie er Maggie gestanden hatte, auch nachts auf sie aufgepasst zu haben. Ob das erneut Schuldgefühle in ihr ausgelöst hatte? So hatte er es doch gar nicht gemeint!
Er musterte die angespannte Auxilius, ehe sein Blick erneut auf Maggie fiel. Auf die Eiskristalle, die sich an ihren Wimpern gebildet hatten. Die glitzernden Muster, die sich über ihre Haut, Kleidung und Decke erstreckten.
Dennoch war Yuki bei ihr geblieben. Dennoch war die Auxilius direkt neben ihr und hatte sofort reagiert, als er aufgetaucht war. Er mochte sie vielleicht nicht besonders leiden, aber sie passte auf ihre Floris auf.
Und das war das einzige, was zählte.
Kurzerhand legte TJ die Steckbriefe auf dem Nachttisch ab und reichte sein Zentrip an Gakumon weiter, welcher zugleich zu Schatten zerfiel. So konnte er der anderen Macian seine leeren Hände präsentieren, um ihre Sorgen zu zerstreuen. Um sich zu Maggie aufs Bett zu setzen. Um ihren Kopf auf seinen Schoß zu parken. Die Empörung der Auxilius ignorierte er gekonnt. Wichtiger war es, dass Maggie sich entspannte.
„Diese roten Blumen sehen schön aus“, flüsterte er und strich über ihren Kopf, „Sie bedecken den Waldboden so friedlich. So herrlich. Und wenn die Sonne durch die Zweige scheint …“
Da er diesmal keine Illusion zu seinen Worten aufbauen konnte, konzentrierte er sich auf die Beschreibungen. Behielt diese bildlich. Detailliert. Prächtig.
Und im Nu zog sich der Eisteppich zurück. Die Atemwölkchen verschwanden. Die Kristalle an Maggies Wimpern schmolzen und liefen ihr wie Tränen herab.
Was hat ihren Magieschub nur ausgelöst?, fragte John ungehört.
Lass das, ich muss mich konzentrieren, wies Tarek ihn zurück.
Ja, aber … Es ging ihr doch wieder besser. Ich dachte, sie hatte das Massaker überwunden. Warum sucht sie der Alptraum nun wieder heim?
TJ betrachtete Maggies zusammengekauerte Form. Er strich ihr eine Haarsträhne aus den Augen. Musterte die Anspannung ihrer Brauen. Nein. Sie sah anders als damals aus. Bei ihrem üblichen Alptraum hatte sie nicht mehr geweint. Sie war steifer gewesen. Hatte ihre Fäuste so sehr geballt, dass ihre Hände schon mal bluteten.
Doch jetzt?
Feuchte Augen. Zusammengekauerte Form. Als wolle sie sich in sich selbst verkriechen. Dafür waren ihre Handflächen jedoch entspannt und befanden sich halb vor ihrem Mund. Als wolle sie ihn zu halten?
Sein Blick fiel auf Yuki, welche sich in Maggies Armen verkrochen hatte.
Ein Desson, der sofort wegblickte.
Dann verheimlichte sie ihm Maggies Zustand schon länger …
„Wann haben die neuen Alpträume begonnen?“, richtete er seine Worte lieber an SveA.
Die Auxilius hatte sich schräg vor ihm platziert. Die Metallketten an ihren Armen waren noch immer angespannt. Doch war ihm das um Welten lieber, als wenn sie ihn kampflos durchgehalten hätte.
Einzig an ihrer Offenheit konnte sie noch arbeiten …
„Dann lass mich halt bleiben, bis sie wieder wach ist“, seufzte er nach einigen Momenten der Stille, „Als Absicherung.“
„Gut“, stimmte sie zu, blieb jedoch weiterhin direkt vor ihm stehen – mit erhobenen Ketten.
