
Schwerfällig setzte sich Tarek John in den Sand. Er blickte auf das gewaltige Meer. Fühlte sich so klein. Blickte dann zu Yuki, die noch kleiner war. Zu Maggie, die das Wasser gewiss ganz anders spürte als er. Zu ihrer Auxilius, die ihn mit ihren ernsten Augen auf mehr Abstand besinnen wollte.
Stattdessen schluckte TJ jedoch. Er ahmte die Fingerbewegung nach, mit der die Macian sonst die Winde lenkten, um Stimmen einzufangen. Um ihre Gespräche vor ungewollten Zuhörenden zu schützen.
Nickend kam Maggie der Aufforderung nach.
„Ich dachte, du vertraust SveA mittlerweile?“, ihr Lächeln war sanft und traurig zugleich, „Weil sie mich keinen Mist ausfressen lässt.“
Trotz der angespannten Situation huschte ihm ein Lächeln übers Gesicht.
„Nein. Es ist so nur sicherer. Es … Es hat sich etwas geändert. An dem Tag, an dem wir Kumohoshi herabgesenkt haben. Ich habe es seither für mich behalten, aber …“, er drehte sich mit dem Rücken zu ihrer Auxilius, damit diese nicht sehen konnte, was er in die Hände nahm, „Weder will ich mir derzeit dein Blut nehmen und dich in Gefahr bringen noch kann ich es …“
Er zeigte ihr sein Zentrip. Die Klinge mit seinem Familienwappen. Diesen kleinen Dolch, der ihn seit über einem Jahrzehnt begleitete. Mit welchem er die Akademie betreten und verlassen hatte.
Und welcher nun stumpfer als ein Brotmesser war.
„Es muss mit deinem Zentrip geschehen?“, fragte sie und drückte mit einem Finger gegen jenes Metall, das ihr ihre einzige Narbe beschert hatte.
„Traditionell? Ja. Es-“, er stockte, „Mag. Ganz zu schweigen von der Durchführung und meinem Zentrip und deiner Gefahr. Es … Es ist so falsch!“
„Genauso wie die Abgrenzung zu den Hutan. Und jene zwischen Hushen und Macian“, sie strich noch einmal über das Zentrip und eine dünne Eisschicht bildete sich darauf, „Es sei denn, wir machen es zusammen, oder?“
Unschlüssig betrachtete TJ die glitzernde Klinge. Er testete die Kante mit dem Daumen. Spürte die erneute Schärfe. Hielt inne.
„Bist du dir sicher? Ich kann nicht- Ich will dich nicht verletzt sehen.“
„Und wenn ich es mache?“, ihre Hände legten sich auf seine, „Gib dem Priester deine Zustimmung. Ich vertraue dir. Ich weiß, dass wir alles zusammen schaffen können. Und … Es ist nicht mal halb so verrückt, wie jene Traditionen, auf die die Generäle noch pochen, damit du der Lyx wirst und …“
Ihre Augen nahmen wieder einen entfernten Ausdruck an. Einen, der TJ bei dem Thema bereits bekannt war. Immer wenn es um den Lyxtitel ging, schien sie auszuweichen. Dass sie nun gar die Generäle erwähnte …
„Möchtest du mir sagen, was mich erwartet?“, fragte er sanft.
Schweigend schaute sie zum Meer. Dennoch tanzten ihre Finger weiter. TJ spürte, wie sich John in ihm anspannte. Weil seine andere Seele bemerkte, dass ihre Finger sich nun langsamer bewegten. Weil sie das Thema dennoch nicht abwürgte. Weil sie stattdessen nach den richtigen Worten suchte?
„Du erinnerst dich an meinen Cousin?“, fragte sie viel zu leise.
„Huh“, der Zorn pochte so rasant durch ihn hindurch, dass kleine Blitze über sein Zentrip tanzten und das Eis aufbrachen, „‘Tschuldige.“
Das Wort huschte ihm aus dem Mund, ehe er es aufhalten konnte. Es fühlte sich nur natürlich vor ihr an. Natürlich und sicher.
„Schon gut“, sie wank mit ihrer freien Hand SveA zurück, die wegen der Blitze näher zu ihnen aufgerückt war, „Er hatte es auf den Titel abgesehen, weißt du? Weil … Ein Macian, der sich erfolgreich an meinen Auxilius, den Generälen und Yuki vorbeikämpft, mich überwältigt und schwängert, wird der Lyx …“, sie atmete durch, „Weil …Er ja stark genug für die Floris ist.“
TJ‘s Gedanken setzten für einen Moment aus. Er konnte sie nur verdattert anstarren. Den Kopf schütteln. Endlich machte es für ihn Sinn, warum der Radix den Erklärungen dazu sonst immer ausgewichen war. Wahrscheinlich hatte er anfangs TJ selbst noch als potentielle Gefahr gesehen. Dennoch …
„Eine gewollte Vergewaltigung?!“, drang es aus ihm hervor.
„Ja. Nein. Es ist-“, sie schüttelte hektisch den Kopf und plötzlich saß Valerie vor ihm, „-kompliziert“, beendete sie Maggies Gedanken fließend, „Weil es die zweite Möglichkeit ist. Jene, in der die Floris noch das stärkste Mitspracherecht hat. Ansonsten muss der Lyx von einem General vorgeschlagen werden. Etwas, was Generälin VaVi letzte Woche für dich offiziell gemacht hat. Deswegen … Traditionell betrachtet, könnten wir nun auch den ersten Weg wählen. Dann dürftest du mich nun vor allen Generälen schwängern und dich danach Lyx nennen“, ihre Augen wurden grün und so führte Alice die Erklärung weiter aus, „Doch dürften sie dich auch bei dieser offenen Zeremonie jederzeit angreifen, wenn sie in dir eine Gefahr für mich sehen. Also … Vielleicht wäre der zweite Weg doch sicherer für dich und-“
Abrupt übernahm Maggie die Dominanz. Sie schaute nach ihrer Auxilius. Dann nach Yuki. Streichelte den Desson etwas zu zügig. Wich dabei seinem Blick aus.
„Aber ich muss dir wehtun, um mich Lyx schimpfen zu dürfen?“, murrte er.
„Es- Geschlechtsverkehr wird von den anderen Macian nicht als schmerzhaft empfunden. Es ist eher-“, sie haderte mit den Händen und senkte dabei erschöpft die Windbarriere.
Weil es zu dem Glauben von Zangasha gehört, erkannte Tarek.
Was meinst du? Wir würden sie penetrieren! Das muss doch schmerzen und-
Ja. Nein. Ich weiß nicht. Das wurde uns ja von der Akademie so beigebracht. Aber auf Kumohoshi herrschte die meiste Zeit Platzmangel, weswegen aktiv gegen Schwangerschaften vorgegangen wurde. Deswegen gab es ja auch die Kindergrenzen. Was, wenn das nur Propaganda von unserem Vater war?
Und was, wenn es wahr ist?
Johns Gegenstimme war so laut, dass Tarek sich lieber direkt an die Macian wandte.
Jene Macian, die ihn immer noch nicht ansehen konnte.
„Wünschst du es dir?“, fragte er, ehe John ihn aufhalten konnte.
„Dass du der Lyx bist?“, erkundigte sie sich leise.
„Ja. Nein. Also. Ein Kind. Ich meine … jetzt schon?“
Langsam blickte sie auf. Er glaubte in ihrem Blick ein Pflichtbewusstsein zu erkennen. Weil ein Kind halt von ihr erwartet wurde. Dass sie diesem jedoch nicht abgeneigt war. Dass sie sich dennoch wegen irgendetwas sorgte …
Viel zu langsam nickte sie.
„TJ. Du musst der Lyx werden, damit dieser Frieden funktioniert. Und laut SR haben wir nicht ewig Zeit, um das Fundament zu legen. Und … du bist einfach der einzige, dem ich blind vertraue. Deswegen habe ich kein Problem damit, dir mein Blut zu geben. Ich vertraue dir. Ich … Ich kann mir nur dich als Vater unserer Kinder vorstellen. Ich … ich weiß nicht mal, wie ich noch ohne dich morgens aufstehen könnte … Deswegen … Ja.“
Ehe er sich stoppen konnte, hatten sich seine Arme um sie geschlungen. Er hörte, wie SveA sich räusperte. Etwas, was sie immer tat, wenn er ihr zu intim mit der Floris erschien. Es war ja ein einziges Wunder, dass sie seine Fragen nicht mehr bemängelte.
„Ich will dir nicht wehtun. Niemals. Weder beim Blutritual noch … anders“, gestand er still.
„Das wirst du nicht“, Maggie erwiderte die Umarmung, ehe sie sich sanft aber bestimmt befreite und die stummen Proteste ihrer Auxilius entschieden abwies, „TJ. Ich vertraue dir. Ich kann dir nicht nicht vertrauen!“
Lachend nickte er. Dann holte ihn der Ernst der Lage ein. Also drehte sich TJ um. Er blickte auf die Stadt hinter ihnen. Kumohoshi. Die Insel, die nun wie ein riesiger Berg im Meer thronte.
„Wenn du es wirklich willst, nehme ich dein Blut an. Doch ich werde es zerstören, ehe die Priester es gar berühren können. Ich- Ich lasse nicht zu, dass auch nur ein Tropfen deines Blutes irgendeinem anderen Hushen in die Hände fallen kann. Nicht mal SR oder RT.“
Ehe er sich versah, schloss sie ihn erneut in die Arme. Ihr Mund verweilte kurz neben seinem Ohr. Sie hauchte ihm ein Versprechen entgegen. Dass sie auch auf ihn aufpassen wolle. Wenn er den Lyxtitel vor den Generälen einfordern würde, ließe sie nicht zu, dass auch nur einer ihn anrührte.
Erst auf das schockierte „Floris“ hin ließ sie zügig von ihm ab.
„Kannst du uns für heute wieder zurückbringen? Die drei Stunden müssten um sein und ich möchte nicht, dass OPa sich unnötig sorgt“, erklärte Maggie und wank ihre Auxilius näher.
„In Ordnung“, willigte er ein, obwohl ihm die vergangenen Stunden eher wie Minuten erschienen, „Ich werde dich vermissen.“
„Nur für ein paar Stunden“, erklärte sie lächelnd, „Ich muss noch einmal nach Ma sehen. Und du musst zu deinem Konziltreffen. Danach haben wir beide wieder etwas Luft und du kannst gern vorbeikommen. Was hältst du davon?“
Unwillkürlich stimmte er ihr zu. Damit blinzelte er seinen Besuch zurück nach Kriegsheim, wo Maggies anderer Auxilius bereits auf sie wartete. Zum ersten Mal ergab es für TJ Sinn, dass der Macian sie bei ihrer Ankunft immer kurz untersuchte. Dennoch ließ TJ sich nichts anmerken, als er sich verabschiedete. Er versuchte sich genauso entspannt und offen zu geben wie sonst.
Dafür schluckte er seinen Frust angespannt herunter, sobald er wieder in seinem Büro ankam.
Dieser OPa testet jedes Mal, ob Mag schwanger zurückkommt! Er-
Sie beschützen sie, unterbrach er Johns Zorneswelle, Besser so, als andersherum, oder?
„Da bist du ja endlich! Der Konzil wartet schon seit-“
„Er muss sich noch zehn Minuten gedulden“, unterbrach er RT mürrisch.
„Aber-“
„Zehn. Minuten.“, TJ glaubte, sich selbst knurren zu hören, „Oder wusstest du schon, warum Mags Cousin versucht hatte, sie vor ein paar Monaten zu vergewaltigen und hast es mir lieber verschwiegen?!“
„Ich … Keine Ahnung?“, RT schluckte, „Ich glaube, ich kriege den Konzil auch etwas länger beruhigt. Halbe Stunde. Stunde. Vielleicht auch drei. Du kommst einfach, wenn du dich danach fühlst, ja?“
Damit floh sein Freund regelrecht.
„Nun hat er wieder Angst vor dir“, murmelte Gakumon.
TJ nickte nur. Er musste John in sich beruhigen. Musste durchatmen. Musste später wieder nach Maggie sehen. Einfach, um sicherzugehen, dass ihr nichts in der Zwischenzeit passierte. Dass-
Vielleicht wäre es besser, wenn wir schon der Lyx wären, überlegte er.
Du willst ihr wehtun?!
Ich will die Zielscheibe auf ihrem Rücken abreißen. Ich will … Ich will sie in Sicherheit wissen. Vor Macian wie Hushen.
Er nahm sich einen Moment Zeit, um durchzuatmen. Um aus seinem Fenster zu sehen. Um das Meer zu betrachten.
Um sich zu sammeln.
Maggies Bruder war bei der Versammlung. Je früher er hinging, desto früher sah er diesen. Und solange es diesem gut ging, konnte er sich so auch ihrer Sicherheit vergewissern. Wegen der Duriaverbindung.
Er musste sich zusammenreißen. Er musste zum Treffen. Er musste funktionieren.
Später könnte er sich immer noch mit Maggie kurzschließen und an einer gemeinsamen Lösung arbeiten.
„Na komm schon, Gakumon. Auf zur Arbeit“, murrte er, obwohl er sich kaum danach fühlte.
