
Erschöpft kam Maggie wieder im Stützpunkt an. Sie grüßte die Macian stumm. Sah zu, wie die Wachen das Fahrzeug kontrollierten. Wartete, bis SveA sie in ihre Räume zurückgeleitete. Bis Yuki von ihren Schultern sprang und sich auf der Sofalehne ausstreckte.
Sobald die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, nahm sie die Hand von ihrer Narbe. Maggie hatte unterwegs bereits das Kribbeln bemerkt. Es hatte sie überrascht, dass TJ sich erst gemeldet hatte, nachdem sie das Gruselhaus verließ. Und nicht schon vorher, als sie noch mit SR und Jessi gesprochen hatte.
Wortlos tauchte ihr Verlobter schräg vor ihr auf. Er musterte ihr Gesicht, ehe er sie sanft an sich drückte.
Erschöpft lehnte Maggie sich an ihn.
„Pass auf, sonst überarbeitest du dich noch“, hauchte er ihr zu.
„Floris, Ihr-“, SveA brach ab, als sie den Hushen erkannte, „Es ist unschicklich, die Floris im Verborgenen aufzusuchen“, belehrte sie ihn, „Ihr seid noch nicht der offizielle Lyx.“
„SveA, bitte.“
„Sie hat schon Recht“, wandte TJ ein, „Beim nächsten Mal blinzle ich mich zur Säule oder sag dir zuerst offen hallo, in Ordnung?“
Dankbar ließ Maggie das Thema fallen. Sie hatte sich immer noch nicht dazu durchringen können, ihrem Verlobten zu erklären, wie der Lyxtitel vergeben wurde. Und obwohl sie wusste, dass es eigentlich TriSte’s Aufgabe als Diplomat war, so ging sie sehr davon aus, dass ihr Bruder dieses bestimmte Thema wohl für die allerletzte Unterrichtsstunde aufsparen wollte.
„Ich … Du weißt, dass ich bei SR war?“, erkundigte sie sich daher.
„Du wolltest es allein machen, also habe ich mich rausgehalten.“
So wie er es sagte, schwang jedoch ein wissender Unterton mit. Nicht, als ob er nur durch Gakumon Bescheid wusste, welcher ihn nun eh nicht begleitet hatte. Eher, als hätte er es selbst erlebt?
Von der Ahnung geleitet, trat sie einen Schritt zurück. Sie runzelte die Stirn. Verschränkte die Arme. Legte den Kopf schief.
„Ich war in der Küche. Habe wohl den Großteil selbst mitbekommen“, gestand der Otou-san.
„Ihr-“, SveA wirbelte herum, „Ihr habt Euch nicht gezeigt.“
„Weil es Mags Vorhaben ist und …“, TJ musterte sie, „Ich vertraue deinen Entscheidungen. Ich weiß, dass du deine Gründe für alles hast. Außerdem … Mir war nicht bewusst gewesen, dass du dich schuldig gefühlt hast, weil ich dich damals beschützt habe.“
„Wie nicht?“, sie schüttelte sich, „Obwohl ihr euch Freunde nanntet, war die Anspannung an den ersten Tagen so greifbar. Nur, weil er mich bemerkt hat. Er hatte sich damals neben mich geblinzelt. Direkt neben meinen Arm“, sie wies auf ihre Narbe, „Ich hatte ihn erst für dich gehalten. Und dann hatte sich alles in mir angespannt. Valerie war am Durchdrehen. Alice konnte nur noch an eure Freundschaft denken. Ich wollte da nur weg. Es war meine Schuld, dass er-“
Ein Finger auf ihren Lippen stoppte sie. TJ starrte in ihre Augen. Strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Lächelte.
„Schon gut. So etwas passiert nie wieder“, erklärte er sicher.
„Nein. Wir wollen, dass so etwas nie wieder passiert“, korrigierte sie ihn, „Verhindern können wir es aber nicht. Wir können nur allen anderen helfen, damit sie in so einer Situation einen Ausweg finden. Und ein Ausweg ist erst dann gefunden, wenn man dem anderen auch verzeiht.“
„Und deswegen ist SR nun dein Stiefbruder?“, fragte er.
Maggie erlaubte sich ein zaghaftes Nicken. Eines, das ihr eine erhobene Augenbraue von SveA einfing. Dennoch wollte sie TJ nicht mit seiner Frage hängen lassen.
Macianregelungen hin oder her.
„Er gehört mit zur Familie. Zu meiner wie deiner. Damit die Macian von hier ihn nicht anrühren. Damit er auch mit mir schimpfen kann. Damit er sich nicht so verkrampfen muss. Weder vor mir noch vor dir. Und damit du ihm auch wieder vertrauen kannst“, gestand sie.
„Ich vertraue ihm.“
„Nein. Nicht ganz“, Maggie lief zu ihrem Scrapbook, „Sonst wärst du entspannter gewesen, als er mich zu RT gebracht hat. Oder als er mich zur Einweihung brachte. Und weißt du noch? Als dich der Phönix verwundet hat? Er hat vor Gakumon und Yuki extra noch einmal betont, dass es nicht seine Idee wäre, mich erneut mitzunehmen“, sie öffnete die Seite mit ihrem Abschiedsbrief an die anderen Waisenkinder und hielt diese TJ hin, „Bitte sei ehrlich: Ist das der Grund?“
Viel zu langsam nahm er ihr das Buch ab. Maggie sah aus den Augenwinkeln, wie SveA die Stirn runzelte. Doch musste sie die Erklärungen für ihre Auxilius auf später verschieben. TJ’s Augen waren wichtiger. Wie sie über die Zeilen glitten. Gelegentlich schienen sie an einigen Stellen stehen zu bleiben.
Dann schloss er die Papiersammlung so hastig, dass SveA zurückwich.
Du hast ins Schwarze getroffen. Gratuliere, murrte Valerie aus.
Es war die einzig plausible Erklärung, gab Maggie zurück, Wir haben diese Abschiedsworte vor dem ersten geplanten Treffen mit SR geschrieben. TJ hat uns damals abgeholt. Ich hatte damit eigentlich nur meiner Stieffamilie einen Abschluss schenken wollen. Aber ich glaube, dass er dadurch SR vielleicht als ein neues Monster gesehen hatte?
Monster …, Alice wiederholte das Wort nachdenklich, Dabei sind wir eben nur wir. Wir drei genauso wie RS damals. Wie SR heute.
„Du warst so ängstlich“, hauchte er aus.
„Jetzt nicht mehr, John“, Maggie legte all ihre Sicherheit in die Worte.
„Ja …“, er lachte, „Jetzt …“
Langsam reichte er ihr das Buch zurück und ließ sich auf das Sofa fallen. Er strich über sein Zentrip. Eine Geste, die Maggie so vertraut war, als würde sie es selber tun. Als wären es ihre Finger, die über den magischen Gegenstand strichen und so ihr Innerstes beruhigten.
Langsam verschoben sich seine Züge und Tarek saß wieder vor ihr.
„SR hat seine Vorurteile überwunden. Und so, wie ich Jessi kenne und wie sie auch zur Anklage mitkam – ich bin mir sicher, dass sie an dem neuen Frieden auch mitwirken würde. Daher möchte ich, dass du und SR wieder zueinander findet. Und wenn SR hierbleibt und auf meine Hutanfamilie aufpasst, vielleicht kann Jessi dann bei dem Waisenhausprojekt mitwirken? Oder vielleicht auf euren Inseln? Ich glaube, dass es enorm helfen könnte, wenn wir beide jemanden bei uns hätten, der uns auch mal die Meinung sagt, weißt du?“
„Du willst … dass ich deine Schülerin mit nach oben nehme?“, fragte TJ langsam.
„Vielleicht?“, sie legte ihr Scrapbook ab, setzte sich neben ihn und sogleich sprang Yuki auf ihren Schoß, „Deine Mutter hat mir erzählt, wie einsam das Leben als Otou-san wirklich ist. Viel Arbeit. Starre Strukturen. Nur Gegenstimmen im Konzil, die meist sachlich bleiben, da kleinliche Kritik schnell verboten werden kann …“, sie suchte seinen Blick, „Dabei brauchen wir beide auch Leute, die uns die ungeschminkte Wahrheit sagen. So wie es Jessi immer macht. Ich glaube, sie könnte dir helfen. Vielleicht noch nicht heute. Vielleicht nicht auf den fliegenden Inseln. Aber eines Tages?“
„So hätte ich dieses ganze Durcheinander nie betrachtet …“
„Ich weiß“, Maggie erlaubte sich ein Grinsen, „Und da sie und SR zusammen-sind-kommen-werden, wäre sie eh meine Schwägerin. Und die Frau-Freundin von dem Cousin deiner Cousine und-“
„Mag. Mein Kopf raucht schon“, unterbrach er sie gutmütig.
Und unserer erst!, schimpfte Valerie aus, Ich habe schon bei deinem Aufzeichnen nicht mehr durchgesehen!
„Dann lasst es uns abkürzen“, erklärte sie beiden, „Wir. Sind. Eine. Familie.“
„Eine Familie“, bestätigte er, „Und SR ist darin wirklich dein Bruder?“
„TJ …?“
„Schon gut“, er zog sie an sich und schloss sie in die Arme, „Schon gut. Ich schaue, dass ich nicht mehr so nachtragend mit ihm bin, ja?“
„In Ordnung“, Maggie suchte seinen Blick, „Denn es muss klappen. Nicht nur unser Frieden. Auch diese Zeitsache. Auch-“
„Sie hat geklappt, sonst würden wir jetzt nicht hier zusammensitzen und über deinen komischen Bruder reden“, wandte TJ mürrisch ein.
„Und was, wenn sich alles in Luft auflöst oder miteinander vermischt, weil dieses Leben hier ein Ablaufdatum hat?“, hinterfragte sie.
Stirnrunzelnd starrte er sie an: „Das wäre doch-“
„TJ, bitte. Vor ein paar Monaten hättest du noch behauptet, dass das siebte Chakra nichts könne. Wie wollen wir da die Grenzen dieses Zeitprojektes kennen?“, sie drückte sich in seine Brust, „Ich will dich nicht verlieren …“
„Das wirst du nicht“, murmelte er zurück, „Niemals …“
„Und deswegen wird SR auch unsere Unterstützung benötigen“, schloss sie.
Eine nagende Stille breitete sich in ihren Räumen aus. Sie glaubte, TJ’s Gedanken hören zu können. Wie Tarek ihr zustimmte. Wie John noch mit sich rang. Wie beide jedoch die Wichtigkeit in dem Vorhaben erkannten.
„Er wird alles bekommen, was er dafür braucht. Er und wegen meiner auch Jessica … Wenn du wirklich willst, dass sie dich Mag nennen und SR dir gegenüber ehrlich und offen ist, in Ordnung. Meinetwegen. Sobald dein neuer Bruder dich jedoch in irgendeiner Weise verletzt, will ich zuerst mit ihm reden“, verkündete John plötzlich.
„TJ, du brauchst nicht-“
„Nein. Ich möchte zuerst mit ihm reden. Nur reden. Keine Magie. Das ist meine einzige Bedingung“, die Endgültigkeit in seiner Stimme fühlte sich erdrückend an.
So erdrückend, dass Maggie einwilligte, damit John sich wieder zurückzog und sie sich alle entspannen konnten.
