K: Ein neuer Bruder II

„Nicht so wichtig“, hallten SR’s Worte in ihren Ohren nach.

„Nein. Warte“, Maggie trat auf ihn zu, „Sag mir bitte, was du meinst.“

„Es- Wusstest du, dass TJ danach noch einmal herkam?“

Überrascht schüttelte sie den Kopf. Aus den Augenwinkeln bekam sie mit, wie Jessica wieder in den Flur trat. Wie sie den Phönix mitgebracht hatte und irritiert zwischen ihnen hin und her sah.

„Er war nur dezent sauer, dass ich dich zu RT geblinzelt hatte. Deswegen mussten Ryan und ich für deinen zweiten Besuch auch so sehr auf die Anwesenheit von Plüschnase achten. Und auf ordentliche Kleidung. Wenn du mich als deinen Bruder bezeichnest, würde TJ mir jedes Mal einen Vorwurf machen, wenn du dir auch nur den großen Zeh stößt – egal, ob ich dabei bin oder nicht. Und er ist eh schon minimal stinkig mit mir, weil ich ihm nichts von den schiefen Briefen gesagt habe. Ich kann es mir nicht leisten, meinen Hintern in noch mehr Probleme zu reiten.“

Maggie schloss die Augen und lehnte sich an die nächste Wand. Sie dachte daran zurück, wie sie sich hier mit dem Hushen zum ersten Mal unterhalten hatte. Damals war er noch RS gewesen. Und schon damals hatte TJ sie über seinen Freund gestellt. Dabei hatte sie sich nie zwischen den beiden befinden wollen! Wenn Sven nun also meinte, dass TJ dezent sauer gewesen wäre …

Ob TJ ihn damals sehr angemeckert hat? Oder hatte er ihm wirklich gedroht?

So wie er uns beim ersten Mal rausgeblinzelt hatte, als SR ihn Musuko genannt hat?, mischte sich Valerie ein.

Musuko. Ja. Das Wort war ihr damals kein Begriff gewesen. Erst TJ‘s Mutter hatte sie darüber aufgeklärt. Sie hatte erklärt, dass es der Titel jener Hushen war, die als nächstes die Rolle des Otou-sans ausfüllen würden. Eine Musume wäre die Versprochene des Musukos. Und die Kodomo die Schwester des Musuko …

Angespannt dachte sie über die erlernten Regelungen nach. Normalerweise war eine Musume ein Einzelkind, da ihre Brüder sie ja befehligen konnten und somit den Otou-san beeinflussen würden. Aber die Kodomo hatte ja meist den Musuko als Bruder. Wie waren die Regelungen da? Wie-

Eheverträge, murrte Valerie, als sie die Gedanken bemerkte, Etwas, was die Macian nicht so schnell mitmachen werden, weil es zu viel Bürokratie ist.

Hast du irgendeine Alternative?, erkundigte sie sich.

Gegen wen genau? TJ weiß, dass unsere jetzige Zeit soweit gut ist. Obwohl er nicht sehr glücklich über SR’s Geheimnistuerei erschien, so wird er SR vor den anderen Hushen schon beschützen wollen, damit unser jetziges Miteinander nicht zerstört werden kann. Daher glaube ich nicht, dass irgendein Hushen uns etwas durch SR befehlen wollen würde.

In deiner Stimme klingt ein Aber mit, murmelte Maggie.

Natürlich! TJ selbst wirkte so wütend, als wir das letzte Mal über SR gesprochen haben. Beinahe verraten! Ich verstehe vollkommen, dass SR sich da sorgt.

Aber SR gehört mit zu unserer Familie, mischte sich Alice ein, Ich glaube, TJ versteht das, wenn wir es ihm erklären.

Ist nur mir aufgefallen, dass – seitdem Mag SR vor dieser alten Senfbrösel als Bruder bezeichnet hat – TJ minimal sauer wirkte?!

Maggie ging die letzten Tage noch einmal im Kopf durch. Sie dachte an den angespannten Otou-san zurück. Wie er kaum über SR sprechen wollte. Wie er nach seiner Einweihung so schroff zu SR gewesen war. Wie SR damals auf jedes ihrer Worte hörte …

Wie hatte sie es damals nur übersehen können? TJ war ihr Wohl wichtiger gewesen als seine Freundschaft zu SR. Wenn sie also nicht mehr zwischen den beiden stehen wollte, musste sie erst für neutralen Boden sorgen, oder?

„Dann nutze mich als Schutzschild“, flüsterte sie aus.

„Bitte WAS?“, platzte es aus dem Hushen aus.

Auch Jessica und SveA hatten etwas ausgerufen. Nur wank Maggie entschieden ab: „Diese neue Zukunft, die deine andere Version mit Frau Semmelbeck und eurem Sohn aufgebaut hat – sie darf auf keinen Fall zerstört werden. Sprich also weiterhin mit mir, als wäre ich eben nur Mag. Wie ein Bruder unter Hutan. Als wären wir Hutan! Wir haben dieselbe Ma. Eine Frau, die unter den Unmagischen lebt. Es wäre also nur angebracht, wenn wir auch ihre Lebensweisen mit einbeziehen. Und … Du musst dich nur darauf konzentrieren, dass unser Frieden real bleibt. Dann kannst du dich wegen meiner so schroff und verrückt verhalten, wie du nur willst. Auch Jessi. Ich … Ich will nur, dass wir es schaffen. Wir alle gemeinsam.“

Bist. Du. Wahnsinnig?! Das werden die Generäle nie zulassen!

Das ist nicht ihre Entscheidung, bestand Maggie, Ma lebt als Hutan. Wenn SR sich auch wie ein Hutan mir gegenüber benimmt, wird TJ bestimmt-

„Willst du, dass der Otou-san mich umbringt?“, fragte der Hushen leise.

„Nein!“, hastig schüttelte Maggie den Kopf, „Es-“

„So eine Art Respektlosigkeit würde er nie-“

„Sven Ryan“, sie trat direkt vor ihn, „Es. Ist. In. Ordnung. Wirklich. Ich kann es TJ erklären. Flo, Paul, Nik, selbst Janine – TJ hat meine Geschwister nie angerührt, weil sie zu meiner Hutanfamilie gehören. Genau wie du. Bitte. Seitdem ich das erste Mal in diesem Haus zwischen euch stand, habe ich ein schlechtes Gewissen. Ihr wart Freunde. Das haben mir du, RT, Yuki und auch TJ selbst erzählt! Doch als du von mir erfahren und Jessica geholfen hast, hat eure Freundschaft gelitten, oder?“

Stumm starrte der Hushen sie an. Dabei bemerkte Maggie, dass Yuki nichts mehr sagte. Dann war sie wohl vor Gakumon aufgeflogen. Sie mussten sich beeilen!

„Moment. Hat der Typ deswegen gemeint, dass er deine Menükarte auswendig kennt?“, mischte sich Jessica ein.

„Meine was?“, verwirrt wandte sich SR ab.

„Na, er wollte wissen, ob ich irgendwas zu Essen oder so benötigen würde. Dass er deine Vorzüge kennen würde oder so. Klang, als hätte er irgendwo eine Liste“, erklärte sie.

„Du bist TJ wichtig“, erklärte Maggie eilig, als sie die überraschten Augen bemerkte, „Natürlich weiß er, was du magst.“

„Ja. Nein. Es ist nur“, der Hushen musterte sie, „Ich weiß nicht.“

„Warum?“, fragte sie sachte nach.

„Ich will TJ und dir helfen. Und ja, du bist irgendwie meine Schwester. Aber wenn ich dich so entspannt behandele – oder gar wie eine Hutan …“, er atmete tief durch, „Schon dich mit deinem Namen anzusprechen, könnte zu viel sein. Es könnte-“

„Es würde helfen, dass weder TJ noch ich den Boden unter den Füßen verlieren“, widersprach sie.

Sie schaute zu SveA, die sie neugierig musterte. Dann zu Jessica. Und zu dem kleinen Phönix, der sie neugierig musterte. Seine Augen waren so blau, verspielt und voller Verständnis.

Sie seufzte still, als Yuki an ihr hochkletterte und sich auf ihren Schultern niederließ.

Ob TJ nun herkommt?, überlegte Alice.

Ich glaube nicht direkt. Dafür ist Yuki zu entspannt.

„Bist du deswegen gekommen? Weil ich dich … wie eine Schwester behandeln soll?“, SR’s Stimme hatte sich verschoben, doch ging Maggie nicht darauf ein, „Damit ich mich wieder mehr mit TJ vertrage, obwohl er mich erstmal in Stücke reißen wollen wird?“

„Ja und nein. Es ist auch noch … für Ma“, gestand Maggie, „Ich habe sie lieb. Sie ist mir wie eine wahre Mama gewesen. Ich würde sie um nichts in der Welt eintauschen wollen. Deswegen konnte ich nicht verstehen, wie jemand seine eigene Mutterliebe für jemand anderen eintauschen konnte. Jemanden, den er in der anderen Zeit als Tyrannin kennengelernt hat …“

Schweigen antwortete ihr. Sie sah, wie Jessica die Stirn runzelte. Wie sie zu wissen schien, wovon sie alle sprachen. Wie sie aber dennoch näher zu SR trat. Als wolle sie diesen unterstützen.

Diesen einen Hushen, der sie einst ermorden sollte. Jener Hushen, dem sie nun vertraute. Mit dem sie in der Zukunft einen Sohn haben würde?

„Ich kann nicht für mein verkorkstes altes Ich sprechen“, begann SR langsam, „Aber ich weiß, dass der TJ aus der anderen Zeit wohl mit deiner Version aus der anderen Zeit sprechen wollte. Das stand in einem der Briefe für Ma. Du hättest wohl gezögert, ihn anzugreifen. Genauso, wie er. Deswegen …“

Eine innere Wärme erfasste Maggie. Das hatte sie nicht gewusst. Dass TJ selbst in dieser anderen Zukunft vor ihr innegehalten hätte. Ob es so ähnlich gewesen war, wie nach dem Massaker? Oder-

Aber dass der andere SR da mitgemacht hat …

Was meinst du?, fragte sie Valerie.

Nun, würdest du die komplette Zukunft über den Haufen werfen, weil jemand gezögert hat, seinen Feind umzubringen? Vielleicht hatte derjenige nur eine schlechte Sicht? Oder es war eine Verwechslung?

Maggie musste der anderen Seele unwillkürlich Recht geben. Der andere SR war ein viel zu großes Risiko bei dem Ganzen eingegangen …

„Ma und deine ältere Version haben an uns geglaubt“, überlegte sie langsam, „Können wir da nicht auch an uns selber glauben? Ich … Ich möchte mal wieder nach Hause gehen können. Zu Ma und Nik und all den anderen. Ich möchte dich mitbringen können, wenn Paul uns Elias vorstellt. Oder schon früher. Damit du dich nicht vor den anderen Waisen verstecken musst. Damit sie dich für einen Teil von uns sehen. Du … Du bist unser Stiefbruder, Sven Ryan. Der Stiefbruder der Waisen. Damit gehören du und auch Jessi dazu. Denn eine Familie gehört zusammen.“

„Stopp, willst du ihn nun damit vor deinem Lover schützen oder willst du uns zu Kaffee und Kuchen einladen?“, fragte Jessica mit wedelnden Händen.

Wedelnde Hände, die dennoch keine Funken versprühten.

„Wieso ginge nicht beides?“, Maggie legte den Kopf schief, „Ich möchte, dass du nicht mehr einsam bist oder auf Ma verzichten musst. Ich möchte, dass du dieses Zeitkonzept aufrechterhältst. Aber vor allem möchte ich dich Bruder nennen können. Ich möchte, dass du mit Jessi mit zur Familie gehörst. Ob ihr das zusammen wie Geschwister oder anders angeht, ist eure Entscheidung. Aber ich möchte euch nicht mehr missen.“

Sie wandte sich SR erneut zu. Dabei sah sie, wie SveA sich schräg zwischen sie geschoben hatte. Wie sie unschlüssig aussah. Wie sie genauso unschlüssig aussah, als TJ ihr von SR’s Zeitreise erzählt hatte…

TJ vertraute seinem Freund nur noch bedingt. Aber wenn sie eine bessere Zukunft erreichen wollten, mussten sie zusammenarbeiten. Sie mussten darauf vertrauen, dass SR schon das richtige aus den richtigen Beweggründen tat.

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