
„Ich muss morgen mit Shiloh in die Kirche“, eröffnete Lilith ihrem Vater, als sie ihn morgens in der Küche vorfand, „Kannst du uns hinbringen?“
„Morgen?“, er schaute kaum von seinen Papieren auf, „In welche?“
„In die der alten Schule“, erklärte sie, „Das ist die von Tinas Vater. Am See der Tränen. Ich habe gehört, dass sie wirklich schöne Buntfenster haben und eine gewaltige Statur im See- Das möchte ich mir gerne ansehen und-“
„Nein.“
„Nein?“
„Nein“, wiederholte er und deutete auf seinen Papierkram, „Bitte. Lilith. Ich musste die halbe Nacht Kirchen recherchieren. Kirchen und Pfarrer und Prediger und was-weiß-ich-noch-alles. Davor hätte ich bestimmt ja gesagt und mich mit dir gefreut. Doch jetzt?“, er reichte ihr einen Zettel aus seinem Papierchaos, „Besonders die Kirche der alten Schule schließt Menschenopfer in ihren Glaubensgrundsätzen aktiv NICHT aus.“
„Das heißt nicht, dass sie sie auch durchführen. Vielleicht soll das nur der Abschreckung dienen, damit man sich dort auch benimmt? Immerhin wurde sie von Damus dem Gerechten gegründet“, bemerkte Lilith und überflog den ausgedruckten Bericht nur, „Warum heißt er wohl sonst der Gerechte?“
Auf den Zetteln ging es um gelistete Mitgliederanzahlen im Vergleich zu jenen, die zum Beten erschienen. Die Anzahl der Gläubigen nahm demnach entweder routiniert ab oder es gab regelmäßige Opferungen oder Abwanderungen. Nur las sich der Bericht so aufgeplustert, dass sie ihn kaum ernst nehmen konnte.
„Kann sein. Dennoch reichen mir die Gerüchte“, behauptete er, „Selbst wenn Oliver oder Mr. Belial persönlich dich begleiten wollen – du wirst auf keinen Fall diese oder irgendeine andere Kirche aufsuchen“, er schaute zur Uhr, ehe er die Papiere zügig wieder einsammelte, „Zwing mich nicht, dir Hausarrest zu verpassen, Liane.“
„Habe ich nicht vor“, murmelte sie abwesend.
Sie konnte sich nicht mehr auf seine Verabschiedungen konzentrieren. Nicht, solange ihr Innerstes schrie, dass er doch den falschen Namen für sie verwendete. Sie war Lilith! Lilith! Lilith …
Und Lilith war das Mädchen, das Betty reinlegen wollte. Deswegen hatte sie Tina in die Enge auch erpresst. Lilith und Shiloh hatten mitbekommen, wie das Mädchen sich anschließend zurückgezogen hatte …
Lilith war sich sicher, dass Philips Gerücht über Tina von Betty stammte. Dass Tinas Vater und all die anderen aus der Schule nur dank Betty von Tinas Neigungen erfahren hatten. Dass diese es nur getan hatte, weil Lilith ihren Plan vereitelte. Dass es also Liliths Schuld war. Und dass Tina nur wegen ihr litt …
Sie musste das in Ordnung bringen!
Als ihr Handy vibrierte schaute sie dankbar auf Shilohs aufleuchtenden Namen. Eilig nahm sie das Telefonat an.
„Und? Bringt dein Vater uns morgen hin?“
„Nein. Er musste für seinen Chef letzte Nacht Kirchen recherchieren und ist nun dagegen, dass ich ein Gotteshaus nun auch nur rieche“, gab sie zurück.
„Meine Alten werden uns auch nicht ohne weiteres dahin bringen. Irgendeine Idee, wie wir sonst hinkämen?“, erkundigte sich Shiloh.
Lilith ließ sich auf den Küchenboden sinken. Die kalten Fliesen unter ihr taten gut. Sie halfen, ihre Gedanken zu ordnen. Außerdem kam sie sich so kleiner vor. Das beruhigte sie. Beinahe so, als wäre sie sonst zu groß?
Eilig schob sie den Gedanken fort.
„Ich könnte Mr. Brume fragen. Er ist … sehr offen“, überlegte sie.
„Olis Dad? Sicher, dass du dann nicht mit deinem Freund hin magst?“
„Nein!“, Lilith schüttelte hastig den Kopf, „Das- Dad meinte, dass Oliver mich nicht begleiten solle und ich hatte … genickt. Ja. Ich glaube … deswegen hat er nicht weiter mit mir darüber diskutiert. Weil ich zugestimmt habe, nicht mit Oli hinzugehen und-“
„Weil du stattdessen mit mir hin wolltest?“, Shiloh lachte, „Das ist eine sehr graue Wahrheit, meine Liebe!“
„Ich habe nicht gelogen“, behauptete Lilith nur, „Wenn Mr. Brume uns beide hinbringen würde – oder nur in die Nähe – sollten deine Eltern auch nicht Nein sagen können, oder?“
„Und dann schleichen wir uns in ihre Veranstaltung und quasseln einmal mit Tina, ne?“, fasste Shiloh zusammen, „Was willst du danach eigentlich tun? Sie kidnappen? Hätte das nicht noch eine Woche warten können?“
„Nein!“, Lilith legte den Kopf in den Nacken und starrte auf die Lampe, die an ein altes Mobile erinnerte – es hatte sich gedreht und die Form einer Fledermaus angenommen, „Ich habe nur so ein ungutes Gefühl. Daher würde ich ihr gerne anbieten, dass wir etwas Zeit miteinander verbringen und sie dort rausholen.“
Lilith hatte es am Vorabend mit Shiloh grob besprochen: In der Schule kamen sie kaum an Tina heran, ohne dass andere Lehrkräfte oder Jugendliche um sie herumeilten. Auch gab es auf dem Gelände mehrere Überwachungskameras. Es wäre besser, Tina woanders anzusprechen. An einem Ort, an dem sie weder Lilith noch Shiloh erwartete, damit sie endlich den Mund aufmachen würde. Und an einem Ort, an dem die Gläubigen sonst eh kaum sprachen …
„Du weißt schon, dass ihr Alter euch dann schnell für ein Pärchen halten könnte. Da wäre es besser, wenn Oliver mit ihr sprechen würde.“
„Aber ich habe meinem Vater gesagt, dass ich nicht vorhabe, mit ihm hinzugehen“, widersprach sie.
„Weil du es da eben noch nicht vorhattest.“
Die anschließende Stille ließ Lilith erschaudern. Es stimmte. Auch würde Olivers Beteiligung Mr. Brume schneller überzeugen, sie zu fahren. Nur …
„Oliver war nicht dabei, als die Sache mit Betty war. Er kennt nur unsere Erzählungen. Was, wenn Tina ihn absolut nicht ernst nimmt?“
„Wieso sollte sie uns ernstnehmen?“, schoss Shiloh zurück, „Hör zu, Süße. Wir haben derzeit nur eine Theorie. Eine Theorie gegen einen Prediger, der vor zehn Jahren nicht einmal verhört wurde, als seine Frau verschwand. Ich habe die alten Zeitungen alle rausgesucht: Jeder der ihn verdächtigt hat, ist verschwunden. Entweder erkennt Tina, dass wir das Helfen ernstmeinen, weil wir wirklich da sind und sie weist uns trotzdem zurück oder sie kommt mit und wir können schauen, dass wir sie irgendwo unterbekommen, bis sich ein paar ehrliche Sozialarbeiter finden, die ihr ein Zeugenschutzprogramm ermöglichen.“
„Klingt ziemlich extrem …“, murmelte Lilith, als ihre Gedanken weiterliefen, „Meinst du, die Verschwundenen wurden in der Kirche geopfert?“
„Sehr schwarzmalerisch, aber kann schon sein“, entgegnete ihre Freundin, „Wie kommst du darauf?“
„Dad … Er hatte was in der Richtung erwähnt.“
Als sie das Gespräch beendeten, stand Lilith immer noch nicht auf. Sie blieb schräg unter dem Küchentresen sitzen. Starrte zur Lampe hinauf. Zu diesen Lamellen, die sich bereits weitergedreht hatten. Die nun nicht mehr wie Flügel aussahen, sondern nur noch wie verkantete Dreiecke.
„Was würdest du tun?“, fragte sie, ohne zu wissen, wen sie eigentlich meinte. Sie wusste nur, dass ihr Kopf noch an der Form einer Fledermaus hing. An einem Wesen, das sie vermisste. Es war groß gewesen. Mit Flügeln. Und Hörnern. Mit düsteren Augen.
Und einem warmen Herzen.
Ein warmes Herz würde nie jemanden in Not allein leiden lassen, oder?
Damit zog sie sich auf die Beine und rief ihren Freund an. Sie fragte, ob er ihr bei etwas helfen wolle. Ob er dafür auch seinen Vater mit einspannen würde. Shiloh würde auch mitkommen. Aber sie müssten am nächsten Tag los. Und sie müssten früh aufstehen.
Verwirrt sagte er zu.
