
Johnny wartete einige Minuten im Verborgenen. Erst danach ging er in die Richtung des Hauses zurück. Er hielt sich dabei an die Straße. Blieb immer direkt neben dem Sandweg: Weit genug weg, um seine Umgebung zu überblicken, allerdings auch nah genug am Wald, um notfalls darin abzutauchen. Als er das Gebäude wieder mustern konnte, hielt er inne. Er beäugte die Fenster nachdenklich. Dann den kleinen Garten und die Treppe, die zum Haus führte.
Zu diesem Waisenhaus
Als er sich sicher war, dass niemand ihn beobachtete, lief er zügig auf das Haus zu. Trotz aller Vorsicht fühlte er sich dabei beobachtet. Also achtete er darauf, sich normal zu geben. Als würde er hier wohnen. Als wäre er jeden Tag hier.
Dennoch ließ dieses unbehagliche Gefühl nicht von ihm ab.
Vorsichtig drückte Johnny die Klinke der Haustür herunter. Nicht, weil er erwartete, dass die Tür aufging. Es war viel eher eine routinierte Bewegung. Eine, mit der er leichter nach dem Dietrich in seinem Ärmel greifen konnte. Dass die Pforte jedoch nachgab, war unerwartet.
So unerwartet, dass er fast hineinstürzte.
Angespannt atmete er durch. Er schloss die Tür hinter sich. Lauschte in das Haus hinein. Vernahm das Geräusch von Metall auf Geschirr. Dann aßen die Bewohnenden wohl gerade zu Mittag? Wenigstens einmal wäre ihm damit das Glück hold!
Er beäugte den Flur. Links stand die Tür zu einem Zimmer offen. Ein kleines Bett konnte er von seiner Position aus erblicken. Die Tür daneben war zu, doch befand sie sich direkt vor jenem Durchgang, aus dem er die Essensgeräusche vernahm. Dann also erstmal nach rechts. Dort befand sich ein Bad und ein … Büro?
Lautlos trat Johnny durch die offene Tür in den kleinen Raum. Er blickte über seine Schulter. Dann wieder durch das Zimmer. Vorsichtig schloss er die Tür hinter sich. Dabei kroch ihm ein Schauer über den Rücken.
Stur schüttelte er ihn ab. Stattdessen griff er nach seiner Waffe. Er strich zweimal über das Metall. Eine simple Geste, die ihn wieder beruhigte. Die ihm half, seine Gedanken zu ordnen. Die ihn daran erinnerte, dass er immer einen Notfallplan in der Tasche trug.
Denn seitdem er das Büro betreten hatte, fühlte er sich erst recht beobachtet. Als würde etwas ihn verfolgen. Als würde es-
Sein Blick fiel auf die Fotos. Sie hingen an der Wand und waren mit verschiedenen Jahreszahlen versehen. Nachdenklich musterte er sie rückwärts. Um herauszufinden, wann dieser Nik hierhergekommen war. Ob er wirklich der Sohn des Struwwelpeters sein konnte …
Als sein Finger so über einem Baby verharrte, das eine der früheren Waisen in den Armen hielt, stockte er. Er überprüfte die Jahreszahl. Spannte sich an. Rieb sich fluchend die Stirn.
„Das ist ein schlechter Witz“, murrend wandte er sich den Akten zu, die am anderen Ende des Büros standen, „Nik … Nik … Niklas … Louis?“, las er ab, ehe er den Ordner auf den Tisch hievte.
Als erstes starrte ihn ein Zeugnis voller Einsen an. Der Junge war bereits in der neunten Klasse. Obwohl er erst dreizehn war! Er hatte zwei Klassen übersprungen. Und er hatte über die Jahre Belobigungen und Siegerehrungen in fast jeder Naturwissenschaft gesammelt!
Kopfschüttelnd übersprang Johnny den Lobgesang. Er blätterte nach hinten. Um etwas über die Herkunft des Jungen zu erfahren und-
Danbis Brief rutschte heraus.
Lieber Niklas,
leider schaffe ich es nicht mehr zurück. Meine Schmerzen nehmen mich ein und selbst wenn ich es wieder nach Hause schaffen würde, würden Vater und Jongdae mich verstoßen. Ganz zu schweigen von Monas Leuten oder Gemma. Ich würde noch unterwegs sterben und dann würden sie dich ins Verderben reißen. Sie würden alles vernichten …
Das ist nicht fair. Das ist Jae gegenüber nicht fair. Das ist alles nicht fair!
Ich will das nicht mehr. Ich will Frieden. Ich will diese sinnlosen Kämpfe hinter mir lassen! Das wollte ich schon immer. Deswegen war ich einst unverheiratet ausgezogen. Deswegen wollte ich dich damals in Sicherheit wissen.
Ein Leben Nahe bei der Natur. Das war früher mein Wunsch gewesen.
Ich liebe dich und hoffe, dass du eine Zukunft in dieser Welt findest, denn meine scheint zerstört.
Danbi Kyong
Johnny schüttelte benommen den Kopf. Dieser Brief passte nicht. Er wusste, dass Niklas einen Brief erhalten hatte, ehe er gegen Gemma aktiv vorgegangen war. Aber wenn dieser Brief an Niklas adressiert war …
„Sie wurden vertauscht“, murmelte er vor sich hin, als er wieder über den zweiten Absatz stolperte, „Jae … Der Junge sollte eigentlich Jae heißen, oder? Aber sie-“
Er lehnte sich gegen den nächsten Schrank und atmete durch. Ja. Danbi musste die Briefe vertauscht haben! In Merichaven gab es keinen Jae in ihren Kreisen. Zumindest keinen, der Johnny bekannt wäre. Und dieser hier schien ihr ja viel zu bedeuten. Die Leute vom Waisenhaus hatten ihr Baby jedoch Niklas genannt, weil sie wahrscheinlich dachten, dass der Brief für ihn wäre. Weil sie nie mit Danbi gesprochen hatten und-
Schritte.
Eilig schob Johnny die Akte zurück ins Regal, ehe er sich hinter die Türangel stellte. Er umklammerte seine Waffe. Wartete.
„Was ist denn?“, vernahm er die Stimme des jungen Niklas‘.
„Es war vorhin zu stressig. Ich wollte mich nur bedanken. Du musst gerade so viel stemmen, Nik. Das ist nicht fair“, entgegnete eine ältere Frauenstimme, „Es tut mir leid. Du hast das nicht verdient und-“
„Schon gut, Ma“, unterbrach er sie jedoch, „Du brauchst auch mal eine Pause. Und du hast mit Trish genug zu tun, oder? Hat sie schon was gesagt?“
„Nur Mags Namen“, die Frau seufzte, „Das Kind trägt Spuren eines Krieges mit sich. Ich glaube, sie wird noch Zeit brauchen. Keine lauten Geräusche und kein Aufspringen, ja?“
„Schaffen wir schon, Ma“, etwas raschelte, „Alles gut, ja?“
Johnny lauschte, wie sich ein paar Schritte entfernten.
Allerdings nicht die zweiten.
Eilig wog er seine Chancen ab, aus dem Fenster zu verschwinden. Das Holz wirkte altmodisch. Ohne Verstärkungen oder Schlösser. Auch befand er sich immer noch im Erdgeschoss. Wenn er hinaussprang, würde er nur etwas über dem Gehweg landen. Dann bis zur Straße und er wäre im Nu über alle Berge.
Sein Blick landete auf dem Brief, den er noch immer in seinen Händen hielt. Den er irgendwie nicht zurückgepackt hatte, als er die Akte weggestopft hatte.
Er hatte ihn angefasst. Seine Fingerabdrücke waren darauf. Aber … Wenn der Junge hier so viel Gutes tat und der alte Niklas sich hier nie blicken gelassen hatte … Wusste der Vater von seinem Sohn?
Sein Blick machte plötzlich etwas Rotes aus. Etwas Rotes, das direkt wieder verschwand. Das …Waren das Augen gewesen? Schwebend vor ihm?!
Zittrig faltete er den Brief zusammen und schob ihn von oben in jene Akte, die er gerade erst beiseite geräumt hatte. Dann eilte er zum Fenster und schob den Sicherheitsriegel beiseite, um hinaus zu springen. Er schüttelte sich. Eilte die Waldstraße hinab. Sein Innerstes hatte sich verkrampft. Adrenalin rauschte durch seinen Körper.
Ihm war, als hätte er ein Monster gesehen. Ein Ungeheuer, an das sein Verstand nicht glaubte. Das er jedoch auch nicht wegerklären konnte!
Nach einer gefühlten Ewigkeit blieb er schnaufend stehen. Er schüttelte sich. Starrte zu den Baumkronen hinauf. Dann in das Unterholz.
Noch immer fühlte er sich beobachtet.
„Horrorwald“, hauchte er aus, ehe er weiter eilte.
Irgendwann würde er nochmal nach dem Jungen recherchieren müssen. Nach diesem Niklas Louis. Vielleicht konnte man mit ihm den alten Niklas in die Enge treiben? Aber … So wie er sich um seine Geschwister gekümmert hatte und mit dieser Ma gesprochen hatte … Es hatte Johnny an seine eigene Familie erinnert. Es war, als wäre in dem Jungen nur Platz für Danbis Güte. Nicht für Niklas‘ Kaltherzigkeit. Und sie hatte sich doch Frieden gewünscht, oder?
Frieden und ein Leben Nahe der Natur …
Johnny würde ihr diesen Wunsch für ihren Sohn nicht verwehren, solange dieser ihm keinen Grund dafür gab.
