
Gedankenverloren beobachtete sie ihren Lehrer. Es ging um Mathematik. Funktionen und Schnittpunkte. Themen, die nur bedingt ihre Aufmerksamkeit halten konnten. Dennoch schrieb sie artig das Tafelbild ab und tat so, als würde sie sich auf ihre Aufgaben konzentrieren.
„-ne? Liane?“
„Ja?“, sie unterdrückte den Drang ihn zu korrigieren und sich Lilith zu nennen.
„Kannst du deine Lösung für 3b mit uns teilen?“, fragte der Lehrer genervt.
„Das …“, erfolglos suchte sie die Aufgabe, ehe sie bemerkte, dass sie auf der falschen Seite war, „Die habe ich leider noch nicht.“
„Du lässt nach“, bemängelte er, ehe er sich an Tina wandte.
Doch wirkte die andere genauso überrumpelt wie Lilith.
„Das kann doch nicht euer Ernst sein!“, genervt schlug der Lehrer die Hände auf sein Pult, „Hat irgendwer hier zugehört?“
Da niemand sich meldete, folgte eine zornige Rede über Anstand und Respekt. Eine, die Lilith kaum wahrnahm. Stattdessen nickte sie nur artig und murmelte eine Entschuldigung mit der restlichen Klasse.
„Ich dachte schon, der hört gar nicht mehr auf“, murrte Shiloh, als sie endlich flüchten konnten.
„Er hat ja schon irgendwie Recht“, entgegnete sie.
„Pff. Dann soll er mal was Interessantes durchnehmen. Es gibt Internetseiten, die mir diese Schnittpunkte berechnen“, flüsterte ihre Freundin zurück.
Lilith nickte nur. Sie konnte nicht anders. Seitdem sie ihren Bruder getroffen hatte, waren ihre Gedanken vollkommen zerstreut. Sie konnte sich nur konzentrieren, wenn sie sich mit den Ereignissen des letzten Jahrhunderts befasste. Dinge, die sie erlebt oder irgendwie verpasst hatte. Die sie nur verpassen konnte, weil sie irgendwo anders gewesen war. An einem Ort, der nie dunkel gewesen war, weil …
Ihre Gedanken wanderten zum Himmel. Und wie ihr von dort zwei Sonnen entgegen strahlen sollten. Wie sie es jedoch nicht konnten. Wie das nicht möglich sein sollte!
„Lilith?“, riss Olivers Stimme sie aus ihren Gedanken.
Blinzelnd starrte sie ihn an. Dann Shiloh, die stumm die Stirn runzelte. Sie schien über den Namen zu grübeln. Jener, der nicht Liane war. Jener, mit dem sie sich mehr angesprochen fühlte.
Jener, der Lilith viel mehr bedeutete …
„War in Gedanken. Was ist?“, lenkte sie eilig ein.
„In Gedanken“, wiederholte Shiloh kopfschüttelnd, „Du hast in den letzten zwei Schulstunden kein Wort rausgebracht und warst wie auf Autopilot. Alles gut?“
„Denke …“, sie tauschte einen Blick mit Oliver aus, „Hatte die Tage etwas recherchiert und grüble noch darüber.“
„Was hat dein Vater gemacht?“, erkundigte sich ihre Freundin sofort.
Sachte schüttelte Lilith den Kopf. Sie wandte sich an ihren Freund. Verknotete ihre Finger mit seinen. Lehnte sich gegen ihn.
Es fühlte sich gut an, nicht allein bei ihrem Bruder gewesen zu sein. Durch ihn wusste sie, dass sie sich das Treffen nicht eingebildet hatte. Dass es wirklich stattgefunden hatte. Und nur dadurch nannte Oliver sie nun Lilith!
„Es wird schon wieder. Dauert nur etwas“, behauptete sie, nachdem sie etwas Kraft bei ihrem Freund getankt hatte, „Wirklich.“
„Wenn du meinst …“, damit wandte Shiloh sich ab, „Ich muss noch mal in die Bib. Treffen wir uns gleich im Raum?“
„Gern“, stimmte Lilith zu und beobachtete, wie ihre Freundin verschwand.
„Vielleicht solltest du ihr von unserem Ausflug erzählen?“, fragte Oliver, sobald sie allein waren.
„Ich weiß nicht. Noch nicht“, langsam wandte sie sich um, um ihren Freund besser sehen zu können, „Es ist noch zu verknotet. Ich muss erst herausfinden, was es mit der fehlenden Zeit auf sich hat. Und mit meinem Vater, der nicht richtig mein Vater sein kann, oder?“
Er zuckte mit den Achseln: „Bei Wiedergeburten würde es klappen, oder?“
„Vielleicht?“, sie atmete tief durch, „Ich weiß nicht recht.“
Denn wenn sie wiedergeboren wäre, dann hätte sie ja zuvor auch sterben müssen, oder? Nur konnte sie sich nicht daran erinnern, je gestorben zu sein. Wenn sie an früher dachte, an ihr Leben als Lilith Bach, dann war alles irgendwie irgendwo in ihrem Kopf. Alles!
Es war nur verdreht. Schief. Mit … seltsamen Bildern versehen?
„Du gehst aber nicht zu der Sekte, oder? Ich weiß, dass die auch an Wiedergeburten glauben und so-“
„Nein“, entgegnete Lilith sicher, „Die Sekte hat nichts damit zu tun. Das weiß ich. Also, das glaube ich zu wissen?“
Oliver drückte sie an sich. Es tat gut, seine Wärme zu spüren. Es erinnerte sie an die Gegenwart. An den Schulflur. An die vorbeilaufende Schülerschaft.
„Die nächste Stunde fängt gleich an, oder?“
„Du bürdest dir zu viel auf“, brummte ihr Freund still, während er sie festhielt, „Lilith. Liane. Wie auch immer du dich nennen magst – es ist in Ordnung. Aber mach dich damit nicht kaputt. Shiloh sorgt sich schon. Sie hat mich bereits fünfmal angeschrieben, weil sie wissen will, was wir recherchiert haben. Und wenn sie es bemerkt, dann auch-“
„Ich weiß … Ich tanze daheim schon die ganze Zeit um meinen … Vater. Alles andere fühlt sich falsch an …“
„Ist es denn so wichtig, zu verstehen, wie Lilith Liane wurde?“, fragte Oliver sie sanft.
Erschrocken riss sie sich los und schüttelte den Kopf.
„Aber ich bin Lilith. Ich-“
„So meinte ich es nicht“, unterbrach er sie eilig und senkte zügig die Stimme, „Entschuldige. Aber bitte versuche mir zu folgen: Du warst Lilith. Daran kannst du dich verschwommen erinnern. Du ebenso wie dieser Lucas. Aber dann bist du irgendwie die letzten Jahre Liane gewesen. Als Liane hast du bei deinem Vater gelebt, du bist zur Schule gegangen und du hast mich kennengelernt. Nun erinnerst du dich zwar wieder an Lilith und bist im Kopf Lilith, aber auf dem Papier heißt du immer noch Liane. Also bist du für die restliche Welt immer noch Liane. Und das ist, was ich meine. Sind die fehlenden Jahre wirklich so wichtig? Was auch immer für die fehlenden Jahre verantwortlich ist – es ist vorbei. Es ist-“
„Was, wenn es nochmal passiert?“, unterbrach Lilith leise, „Was, wenn in dieser Zeit etwas passiert ist, was unverzeihlich ist? Wenn ich jemanden getötet habe? Oder wenn das alles hier nur ein verzerrter Traum von mir ist? Oder wenn …“, sie wandte sich ab, „Was, wenn ich eines Tages vor deinem Pflegebett stehe – als kleines Mädchen – und mich nur verschwommen an dich erinnern kann?“
Da Oliver schwieg, konnte sie nur erschöpft den Kopf schütteln. Sie dachte an ihren Talisman zurück. Chemy hatte gemeint, dass er sich um alles kümmere.
Nur wie wollte er alles übernehmen?
„Lilith, bitte. Wir-“, ihr Freund trat um sie herum und schaute ihr so fest in die Augen, dass es wehtat, „Wir werden es schaffen, in Ordnung? Wir … Wenn ich bei dir bleibe, kannst du mich nicht zurücklassen. Ja! Beim letzten Mal warst du allein. Diesmal werde ich eben wie eine Klette an dir haften. Dann musst du mich mitnehmen, in Ordnung?“
Ihr Herz machte einen Hüpfer bei den Worten. Abgehackt nickte sie. Ein Zittern erfasste ihren Körper. Sie schluchzte leise.
„Du- Aber- Wir sind erst-“
„Ich. Bleibe. Bei. Dir.“, die Festigkeit in seiner Stimme beruhigte sie mehr, als sie zugeben wollte.
„Für immer?“, hinterfragte sie zögerlich.
„Für immer und ewig.“
Lachend fiel sie gegen Olivers Brust. Sie ließ sich umarmen. Ignorierte die erste Schulklingel. Ignorierte die vorbeiziehenden Schritte und Stimmen. Ignorierte die Belehrungen vorbeiziehender Lehrkräfte.
„Na komm“, sachte klopfte ihr Freund gegen Liliths Schulter.
„Noch fünf Minuten“, bat sie.
„Wenn du wieder schwänzen willst“, hauchte er hinab, „Brauchen wir aber ein besseres Versteck, ja?“
Ehe Lilith antwortete, schaute sie sich noch einmal auf dem Flur um. Sie erblickte nur drei weitere Personen an der nächsten Tür. Ansonsten war es leer. Sie würden nicht auffallen, wenn sie sich aus dem Staub machen würden, doch dann …
Sie hatte Shiloh zugesagt, dass sie sich gleich wiedersehen würden. Im Raum.
„In zwei Stunden haben wir eh Schluss. Das sollten wir noch durchziehen können, oder?“, bemerkte sie sicher.
„Wenn du meinst“, Oliver drückte sie nochmal an sich, „Dann muss ich aber jetzt loshetzen. Ich muss noch zwei Etagen hoch.“
Eilig verabschiedete sie sich und machte sich auf dem Weg zu ihrem eigenen Unterricht. Dabei lief ihr Tina vor die Füße. Erschrocken blickte sie Lilith an. Dann wandte sie den Blick ab und biss sich auf die Lippen.
Ob sie sich immer noch wegen Betty schämte? Nein. Sie wirkte eher … verletzt? Oder … ängstlich?
„Ich habe Montag gefehlt. Kann ich mir ein paar deiner Aufzeichnungen ausleihen?“, behauptete Lilith, um ein Gespräch zu starten.
„War selber nicht da“, entgegnete Tina beinahe gehetzt, „Hatte zu … egal.“
Etwas an dem Tonfall irritierte sie. Sie beobachtete, wie Tina vor ihr in den Unterrichtsraum trat. Wie sie ihre Tasche etwas zu umständlich absetzte. Wie sie nicht ganz gerade zu stehen schien.
Nachdenklich setzte sie sich zu Shiloh: „Tina war am Montag nicht da?“
„Hm? Ach ja!“, ihre Freundin nickte, „War jetzt schon öfter so. Ist dir das nicht aufgefallen? Seit der Sache mit Betty.“
Lilith unterdrückte den Drang, sich nach dem anderen Mädchen umzusehen. Stattdessen wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem nächsten Lehrer zu. Nun – zumindest äußerlich, denn innerlich schweiften ihre Gedanken ständig ab.
