AdHdEk: Die Geburt

Tod

Als er die Augen das erste Mal öffnete, erfüllte ihn ein Name. Es war ein sturer Name, der sein Wesen gänzlich einnahm. Ein Name, den er nicht verstand. Den er für böse hielt. Der richtig und falsch zugleich schien und – und dennoch! Dennoch spürte er, welche Rolle dieser Name im großen Ganzen spielte, wenngleich er es nicht in Worte zu fassen glaubte-

Wenngleich er das große Ganze nicht zu begreifen erhoffte.

Was er wusste, war… Nichts. Und trotzdem fühlte er sich, als müsse er nur an einem einzigen Gedanken festhalten, um alles zu wissen. Um diese trostlose Einöde zu verstehen, die ihn umgab. Diese… Erde? Diese zerrissene tote Erde, die kein Feuer in sich trug. Kein Wasser. Keinen Geist. Nicht mal eine Seele.

Eine Seele?

Was war eine Seele?

Warum kümmerte sie ihn?

Er wandte sich ab. Zog sich hoch. Fand heraus, dass sein Körper sich nicht entscheiden konnte. Dass sich seine Knochen noch formten. Dass das Fleisch sich noch wandelte. Experimentierte.

Erst hatte er ein Bein.

Dann plötzlich zwei.

Dann vier.

Seine Arme wurden erst länger.

Dann kürzer.

Sein Rücken juckte und er spürte etwas daran wachsen.

Er sah Flügel, spürte Hörner und einen Schwanz aus ihm sprießen.

Und dann?

So erschreckend schnell wie es begann, stoppte es wieder. Die Flügel waren verschwunden. Die Hörner geschrumpft. Der Schwanz abgefallen. Einzig zwei Beine trugen seinen Körper keuchend aufrecht. Einzig zwei Arme mit zwei Händen umklammerten seinen Kopf.

Seinen Kopf mit diesen kleinen Dellen. Mit diesen Hörnern.

Hörner, die sich falsch anfühlten.

Die dennoch blieben.

Er zwang seine Füße einige unsichere Schritte voran. Ließ sie ihn tragen. Vertraute ihnen.

Konnte rennen.

Konnte springen.

Noch ehe er die Worte verstand.

Und dann stolperte er.

Er fiel der Länge nach hin. Spürte, wie seine Knie schmerzten. Wie schwer sich sein Körper anfühlte. Wie sehr sich seine Glieder weigern wollten, wieder aufzustehen. Wie er viel lieber liegen bleiben wollte. Wenn nötig auch für immer!

Sodass er nie wieder verletzt werden würde.

Und so fand sie ihn.

Bist du auch tot?

Müde blickte er auf diese neue Kreatur.

Sie war klein. Sah ihm so ähnlich.

Hatte zwei Arme. Zwei Beine.

Silbernes Haar.

Große violette Augen.

Ich bin Tod.

Seine Stimme klang ruhig. Tief. Nicht so hoch wie ihre und überrascht drehte er sich um. Er starrte sie an. Sah, dass sie ihn verstanden hatte.

Lauschte ihrem Kichern.

Dann bist du so wie ich?

Ihre Worte irritierten Tod. Ohne an seine Ängste zu denken, setzte er sich auf. Er beobachtete das Mädchen, das ihm gerade so auf Augenhöhe begegnete. Das so klein war. So zierlich.

Er wollte sie beschützen.

Kann sein. Oder du bist wie ich.

Er legte den Kopf schief. Spürte, wie sie seine Hörner betrachtete. Ließ sie die Hände danach ausstrecken. Sie berühren.

Und mit der Berührung verstand er plötzlich, warum er die Augen nicht von ihr nehmen konnte. Warum er sie so sehr anstarrte. Nichts anderes in dieser Einöde mehr sehen konnte.

Für sie war sein Licht.

Und er eine so dunkle Finsternis.

Er konnte es sehen. Wie dieses Licht sie erfüllte. Konnte eine Flamme sehen. Ein warmes Etwas, das ihr ganzes Wesen erstrahlen ließ. Konnte darin eine Energie finden. Eine Abhängigkeit, die er vorher nie zu beschreiben gewusst hätte.

Sowas hab ich nicht…

Ihre Worte klangen neidisch. Aber auch überrascht und neugierig. Als könne sie seine Hörner nicht verstehen. Als sähe sie kein Zweck in ihnen.

Sie streichelte über die toten Erhebungen.

Zog langsam die Hände zurück.

Dafür stehen dir die Haare besser.

Sie lachte. Es war ein so klares Lachen., als würde sie plötzlich glücklich mit ihm sein.

Na dann! Muss ich wohl gut genug für uns beide aussehen!

Sie drehte sich weg. Tanzte über die tote Erde und summte dabei eine Melodie, die von ihrem Glück erzählte.

Die sein Herz erwärmte.

Er beobachtete, wie ihre Schritte über die Erde glitten. Sah, wie ihr Feuer aufloderte. Dieses Licht, das das gesamte Zwielicht vertrieb. Das diesen kalten Stern im Himmel aufleuchten ließ. Das in die Erde glitt.

Er schob die Hände über den Boden. Glaubte ein Pochen zu spüren. Ein Gesang, der von ihrer Melodie geweckt wurde. Ein Rhythmus, dem noch die Instrumente fehlten. Der trotzdem beschloss, den Anfang zu machen.

Und dieser Symphonie zu verfallen.

Was ist? Willst du ewig da rum hocken?

Ihre Frage irritierte ihn.

Ihr Lächeln verzauberte ihn.

Seine Beine standen aufrecht, ehe er verstand, wieso.

Hör nicht auf.

Seine Bitte klang so egoistisch. Zumindest in seinen Ohren.

Er beobachtete, wie sie nickte.

Wie sie in die Hände klatschte.

Wie um sie herum die Welt erwachte.

Wunderschön.

Er starrte auf ihre Flammen. Auf ihr Licht. Auf diesen wundervollen Glanz, der den Boden begrünte. Der der rissigen Erde etwas schenkte. Der ihn veränderte. Ihn schuf. Ihn liebkoste. Ihn wieder veränderte. Bunt werden ließ. Stärkere Grünlinge erschuf.

Grünlinge? Nein. Das waren Bäume.

Und Blumen.

Gras.

Pflanzen.

Du bist ein Wunder…

Irritiert öffnete sie die Augen. Bedachte die Idylle, die sie selbst erschaffen hatte, so verwundert. So überrumpelt.

Sie schüttelte den Kopf.

Nein. Ich bin nur Leben.