K: Die Narbe der Erkenntnis

TJ zog den Mantel enger um sich. Es war eigentlich nicht so kalt, dass er ihn bräuchte. Nicht zum Aufwärmen. Doch konnte er sich nur mit diesem ungesehen durch Kumohoshi schleichen. Denn der eingewebte Bannkreis gab ihm das Erscheinungsbild eines älteren Mannes. Das ersparte ihm die neugierigen Blicke, die er die letzten zwei Tagen bereits ertragen musste. Das ersparte ihm die Wachen, die ihm sonst seither folgten. Und es ersparte ihm die Fragen der anderen Hushen:

Wie war der Otou-san gestorben? Hatte sein Onkel schon entschieden, ob er die nächsten Jahre das Amt übernehmen würde? Die Rolle selbst durfte der Mann nur ausfüllen, wenn TJ sie verschmähte. Wenn TJ ein einfacheres Leben oder den Tod vorzog. Wäre das sein Plan? Wie würde er sich in die Machtverschiebungen eingliedern? Es wären immerhin viele hochrangige Hushen an einem Tag verstorben.

TJ wusste es nicht. Zu viel war geschehen. Er wusste noch, wie er sich von seinem Vater und besten Freund vor dem Angriff verabschiedet hatte. Wie sein Vater meinte, dass das Rechte nicht immer das Richtige war. Die beiden waren in den Stützpunkt eingedrungen, während TJ selbst die Umgebung mit überwachen sollte. So hatte er auch diese verwirrte Macian gefunden …

Ein Mädchen, das sich selbst den Tod wünschte. Das jünger als er war. Fast einen Kopf kleiner. Sie hatte nicht wie ein Monster gewirkt. Eher ängstlich. Allein. Verzweifelt …

Hatte er sie deswegen von dort weggebracht? Er hatte sie vor den anderen verborgen. Unwissend, dass sein Vater kurz zuvor verstorben und sein bester Freund schwer verwundet worden war. TJ hatte sie in das Gebiet der freien Desson geblinzelt und dort abgesetzt. Fernab von jeglichen Menschen. Er hatte wissen wollen, warum ihrer eins als Monster galt. Er wollte verstehen:

Was war recht? Und was war richtig?

Müde stoppte er vor einer unscheinbaren Tür. Er ließ Gakumon aus seinem Schatten emporsteigen und das Haus aushorchen. Es dauerte nicht lange, ehe sein Vertrauter zurückkehrte. Nickend bestätigte er, dass RS da war. Dass sich kein Konzilmitglied drinnen befand. Erst dann klopfte TJ.

„Wir kommen klar“, antwortete RS‘ Vater, sobald er ihn erblickte und presste die Tür sofort zurück in den Rahmen.

Bevor er sie schließen konnte, hielt TJ sie mit seinem Zentrip auf. Er ließ den Mann das Wappen darauf sehen. Zog eine Augenbraue hoch. Steckte es beiläufig wieder ein, als die Pforte sich langsam wieder öffnete.

„Und wenn ich etwas brauche?“

Er spürte, wie DC an ihm vorbei sah. Erst danach ließ er ihn ein. Er wartete, bis TJ den Mantel abgestreift und wieder seine wahre Gestalt präsentierte, ehe er ihn grüßte: „Musuko. Ihr wisst, dass ein jeder Euch suchen wird, sobald man Euer Fehlen bemerkt. Ich werde dann kaum lügen können.“

„Das erwarte ich auch nicht“, befand TJ, „Ich möchte nur sehen, wie es ihm geht. Mutter und Onkel bekommen den Mund nicht auf.“

Mutter und Onkel? Ha! Wir haben einfach zu lange mit der Macian gebraucht. Wir brauchen eine bessere Überwachung für dein überflüssiges Experiment!, meldete sich John sogleich, Nur deswegen haben wir-

Aber wir haben eben noch nichts. Wenn dir etwas einfällt: Bitte! Lass es mich wissen, ja?!

Tarek atmete tief durch. Er hatte nicht reagieren wollen. Genau, wie es ihnen in der Akademie beigebracht wurde. Ihre zweite Seele war nur eine zweite Abbildung ihres Seins. Nur eine Stimme in seinem Kopf, die dort eben feststeckte.

Nicht wichtiger, als der Mann vor ihm …

„Lass das Licht aus“, murrte dieser, als er zu RS‘ Zimmer deutete, „Er braucht noch, ehe …“

„Mir war es eh zu hell“, log TJ unbeteiligt.

Ein dankbares Lächeln schlich sich auf DC‘ Züge. Er wirkte beinahe wie ein liebevoller Vater. Nicht so, wie RS ihn immer ausmalte.

Aber vor dessen Dominanzwechsel hatte sich sein Freund ja auch nicht über seine Eltern beschwert. Erst nachdem seine Mutter verschwand …

TJ trat ohne zu Klopfen ein. Er wank Gakumon zu dem anderen Desson herüber. Dem großen Hundewesen, der neben der Tür wachte und sie müde bedachte. Erst danach trat er an RS heran.

„Du siehst erschöpft aus“, grüßte er ihn still.

„Du auch“, behauptete der andere ohne aufzusehen.

Er hatte sich auf seinem Stuhl zusammengefaltet. Sein Zentrip lag vor ihm. Hin und wieder stieß er es mit einem Finger an, damit sich das Klappmesser im Kreis drehte. Dabei schien seine Form zu verschwimmen …

„Wenn du so weitermachst, musst du nochmal in die Basiskurse der Akademie“, murmelte TJ und drückte die Schulter des anderen.

Sein Freund zuckte zusammen.

Haben wir ihm wehgetan? Verdammter- Tarek! Hast du-

Klappe!

Er zwang jede Entschuldigung wieder herunter. Behielt die Hand auf der Schulter. Drückte die Schulter vorsichtig. Doch blieb RS gelassener. Er blieb-

„Alles gut. Falsche Seite …“, offenbarte dieser leise.

„Warum bist du dann …?“, TJ ließ die Frage offen, als er endlich den Blick seines Freundes bemerkte.

Ryans und Svens Augen wechselten sich immer wieder ab. Es war klar, dass sie Probleme mit ihrer Dominanz hatten. Das würde auch erklären, warum sich sein Freund hier verkroch – warum sein Zentrip so schimmerte …

Aber nicht, warum sein anderer Arm noch so vernarbt aussah. Dabei hätte jeder fähige Heiler die eigentliche Verbrennung innerhalb eines Tages verschwinden lassen können!

„Es …“, Sven flüsterte fast, „Vor dem hier“, er wies auf die Narbe, „Der Macian hielt mich für jemand anderen. Er hat auch meine Schulter gedrückt und gemeint, dass ich nicht da sein dürfe. Dass ich mich in Sicherheit bringen müsse. Dann muss er die Illusion erkannt haben und hat angegriffen. Aber davor? Er hat mich an-“

Das Gesicht verschob sich, ehe der Satz beendet werden konnte. Ryan war zurück. Und die Narbe verschwand augenblicklich.

„Egal!“, behauptete die andere Seele sofort, „Sven spinnt! Er will unsere Ma darin gesehen haben. Nicht in der Gesichtsform oder in den Augen oder so. Aber in dem Ausdruck darin. Es ist so albern. So-“

„Macian haben eben auch Familien“, sprach TJ schneller, als er denken konnte.

Sein Freund stockte. Er nickte langsam. Runzelte die Stirn.

„Aber können Monster etwas füreinander empfinden? Auch wenn sie Familien sind? Es heißt doch, dass sie ihre Alten und Schwachen auffressen.“

TJ wusste es nicht. Er musste wieder an die Macian denken, die er fortgebracht hatte. Die sich immer wieder den Kopf gehalten hatte. Als ob sie Schmerzen hatte. Als ob sie sich nicht ganz erinnern konnte.

Oder machte sie ihm nur etwas vor?

Dein Vorhaben ist immer noch bescheuert, meldete sich John.

Tarek ging nicht darauf ein. Er wusste, was seine andere Seele von der Macian mit den drei Seelen hielt. Er selbst hätte es nie in Erwägung gezogen. Nicht von sich aus. Aber wenn er eines Tages die Hushen lenken sollte, wenn er Otou-san werden sollte-

Er musste wissen, was er entschied. Was war richtig, was war recht?

„Egal, ob sie ihre Alten und Schwachen auffressen oder nicht – sie verfügen dennoch über Gefühle, oder?“, überlegte er langsam, „Sonst gäbe es in der Akademie nicht ein ganzes Jahr Vorlesungen dazu. Wahrscheinlich hat sich dieser Macian nur leichter davon beeinflussen lassen? Weil du ihn an sein eigenes Kind erinnert hast? Das war doch der Plan, oder? Du solltest ein blondes Kind spielen und der Ajnameister passt deine Gestalt an.“

„Hm“, RS steckte sein Zentrip ein, „Meinst du, dass sein Monsterkind da draußen immer noch rumläuft?“

„Wenn es nicht im Massaker umgekommen ist“, lenkte TJ ein.

So langsam entspannte sich RS. Seine Schultern lockerten sich. Er präsentierte seinen verwundeten Arm. Die Narbe schimmerte auf. Verschwand. Kehrte zurück. Verfloss …

„Mich haben sie komplett heilen können, weil Sven übernommen hatte, als das Feuer kam“, offenbarte er leise, „Obwohl er nicht mehr der Dominante war, hat er mich fort gedrängelt. Er hat sich verletzen lassen, um mich zu beschützen. Und ihn haben sie nur oberflächlich geheilt, weil er ja nicht der Dominante ist. Es … Ich wollte nicht, dass-“

„Er hat es für euch getan“, befand TJ still.

„Aber wenn das die Runde macht … Niemand wird mich noch als vollwertig sehen. Nicht nach unserem Dominanzwechsel. Nicht nach-“

Tarek verstand. Hätte John ihm eine solche Wunde abgenommen, würde man an seinen Fähigkeiten zweifeln. Man würde sich unsicher sein, ob er noch ein akzeptabler Otou-san werden könne. Man würde ihn-

Man würde uns beide hinrichten oder einen Dominanzwechsel verlangen. Super und nein danke! Deswegen darf uns so etwas nie passieren.

Johns Laune war seit diesem Massaker eine Katastrophe.

„Von mir erfährt es keiner. Und dein Vater erscheint mir auch zu beschäftigt“, TJ ging an den Schrank seines Freundes und suchte dessen Trainingsjacke raus, „Hier. Behalte es für dich. Und in ein paar Jahren behaupten wir einfach, dass es ein neuer Unfall war.“

„Aber … Die Heilerin …“, RS schüttelte den Kopf.

„Welche?“

„Ich … Ich weiß nicht. Es ging zu schnell und …“

Angst schlich sich in RS‘ Augen. Angst, die TJ dort nicht sehen wollte. Nicht bei jenem Freund, dem er jederzeit sein Leben anvertrauen wollte.

„Ich kümmere mich darum, ja? Ich komme an die Akten und lass ihren Bericht verschwinden. Mach dir keine Sorgen. Wir schaffen das schon.“

Sie mussten.

Stumm streifte sich RS die Jacke über. Er sackte in sich zusammen. Starrte TJ an. Seufzte.

„Die Beileidsbekundungen hast du schon satt, hm?“, fragte er sachte.

„Und wie.“

Damit behielt RS seine für sich. Er sprach den toten Otou-san nicht an. Nicht den Angriff. Nicht den Stress, dem TJ fortan von Onkel und Tempel ausgesetzt wäre. Er blieb einfach nur an dessen Seite.

Und dafür war TJ ihm so unendlich dankbar.

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