B: Mr. Belial

„Er wirkt total ausgewechselt“, flüsterte Shiloh ihr zu, sobald sie allein waren.

Liane schaute dennoch zur Küche herüber. Dorthin, wo ihr Vater verschwunden war. Um etwas Obst aufzuschneiden, ehe er losmüsse. Nur um sicher zu gehen.

„Das geht nun schon zwei Wochen so“, erklärte sie ihrer Freundin, während sie sich hinter einem Schulbuch versteckte, „Seit dem Sturm.“

„Du meinst, seit du bei Oli warst? Oder seit der Sache mit Betty?“, erkundigte sich ihre Freundin wieder.

„Shiloh – ich habe meinem Vater kein Wort über Betty vor ihm verloren. Als ich heimkam, war er sauer genug, weil wir nach der Schule zu Oli sind. Deswegen wollte er campen fahren. Doch mir war er- mir war das alles zu viel. Also bin ich wieder zu Oli-“

„-und kurz darauf kam der Sturm. Ja. Aber irgendetwas muss dazwischen passiert sein, oder nicht? Immerhin lässt er dich nun jederzeit zu Oli. Und auch ich darf zu den schrägsten Uhrzeiten vorbeikommen. Hast du ihn mal gefragt?“

Kopfschüttelnd legte Liane das Buch ab. Sie hatte sich nicht getraut. Nicht, nachdem er so oft darauf beharrt hatte, dass alles in Ordnung wäre. Dass sie sich nicht sorgen solle.

Und dann war er auf der Treppe eingeschlafen und hatte so erschöpft ausgesehen.

„Weintrauben, Pflaumen, Bananen und ein paar Kekse. Braucht ihr noch etwas?“, unterbrach ihr Vater ihre Gedanken.

„Nein danke. Sie müssen los?“, antwortete Shiloh für sie.

„Ja. Wenn aber noch etwas sein sollte …“

„Wir kommen klar. Danke“, entgegnete Liane.

Ihre Stimme fühlte sich heiser an. Als wolle sie eigentlich nicht sprechen. Dabei hatte sie kein Problem gehabt, ihre Worte an Shiloh zu richten. Nur bei ihrem Vater war es schwierig …

„Ist gut. Ich bin zum Abendessen zurück.“

Wieder umarmte er sie nur halbherzig, ehe er verschwand.

„Da sind die Verabschiedungen meiner Eltern herzlicher. Und die standen schon mehrfach kurz vor der Scheidung“, bemerkte ihre Freundin trocken.

„Dann geht es nicht nur mir so?“, Erleichterung erfüllte Liane, „Ich meine, ich hatte auch das Gefühl, dass er zurückhaltender ist. Aber ich konnte es nirgends festmachen. Ich dachte, vielleicht ist es nur vorübergehend oder-“

„Süße. Der Sturm ist zwei Wochen her und ihr bekommt immer noch keine normale Verabschiedung hin? Eine, die sich nicht nach Tiefkühler anfühlt?“, Shiloh legte ihren Stift weg und schob die Zettel zusammen, „Da stimmt definitiv etwas nicht!“

Seufzend half Liane beim Aufräumen. Sie hatten eigentlich keine Hausaufgaben zu erledigen. Das Schulzeug sollte nur als Alibi dienen. Falls ihr Vater doch zu überfürsorglich reagieren würde.

„Also? Was denkst du?“

„Betty kannst du ganz sicher ausschließen?“

„Bitte. Was soll sie mit meinem Vater zu tun haben?“

„Sie hasst dich.“

„Und?“

„Sie ist die kleine Prinzessin ihres Vaters.“

„Du meinst, dass ihr Vater meinen Vater bedrängt?“

„Nun – Bettys Vater gehören mehrere Firmen. Wie heißt die, für die dein Vater nochmal arbeitet?“

Liane stockte. Einen Firmennamen … Gab es den überhaupt? Sie konnte sich an keinen erinnern. Zumal ihr eigener Vater immer nur von seinem Chef gesprochen hatte. Und selbst an dessen Namen konnte sie sich nicht entsinnen!

„Ich weiß nicht“, gab sie langsam zu, „Er ist so eine Assistenzkraft. Und er hat immer nur von seinem Chef gesprochen. Ich habe irgendwie nie weiter nachgefragt, weil … es war zu viel los.“

„Das kann doch nicht dein Ernst sein!“

„Ich habe halt nie viel darüber nachgedacht. Ich weiß nur, dass Olivers Vater für denselben Mann arbeitet. Als Chauffeur oder so?“

„Gib mal dein Handy“, forderte ihre Freundin und rief damit Olivers Kontaktdaten auf.

„Die hast du doch?“

„Aber bei dir geht er schneller ran“, entgegnete sie, als den grünen Hörer presste und direkt danach den Freisprecher aktivierte.

Nach dem ersten Klingeln nahm ihr Freund ab: „Hey, alles gut?“

„Hi, Oli. Du bist auf laut“, übernahm Shiloh das Gespräch ohne Umschweife, „Liane hat Recht – ihr Vater ist merkwürdig. Also, anders merkwürdig als sonst. Dein Alter und er sind Kollegen, oder?“

„Ja …?“, sie hörten, wie sich am anderen Ende eine Tür schloss, „Warum? Was ist los?“

„Ich kann mich nicht an den Namen von Vaters Chef erinnern und Shiloh glaubt nun, dass es Bettys Vater sein könnte und sie hinter alldem steckt“, fasste Liane zusammen – das ganze erschien ihr zu albern, um wahr zu sein. Doch wenn es ihre Freundin beunruhigte, sollte sie es nicht ignorieren, oder?

„Bettys Vater?“, Oliver lachte leise, „Sorry. Also- Mr. Belial ist echt kein Vatertyp. Und wäre Betty seine Tochter, hätte er sie bestimmt auf ein Internat geschickt, sobald die Mutter sich für ein paar Stunden verabschiedet hätte. Also, er ist zwar ganz nett. Nur … schräg. Ja. Nennen wir es schräg.“

„Mr. Belial?“, erkundigte sich Shiloh ungläubig.

„Ja. Behalte den Namen aber lieber für dich. Er hasst zu viel Aufmerksamkeit. Also, wirklich. Ich habe ihn nur ein paar Mal von weitem gesehen und selbst da wirkte er sehr auf Abstand bedacht. Der Mann ist richtig seltsam“, flüsterte Oliver ins Telefon, als befürchtete er, jemand anderes würde ihn hören.

„Gut. Dann können wir Betty von der Liste der Verdächtigen offiziell streichen“, entschied Liane mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Ja. Klar“, ihre Freundin bedankte sich bei Oliver und legte auf.

„Ich dachte, dieser Belial wäre in die Provinz gezogen“, murmelte sie, während sie Liane das Handy zurückgab.

„Du kennst ihn?“

„Ja. Nein. Nicht persönlich. Du müsstest auch- Moment!“, sie zog ihr eigenes Handy vor und tippte wild darauf rum, ehe sie es Liane in die Hände drückte, „Hier. Er war der jüngste Lottogewinner. Er hat den Jackpot mehrfach geknackt und das Geld in Aktien angelegt. Dabei schien er so oft Insiderinfos zu besitzen, dass man ihn immer wieder untersuchte. Nur halt ohne Erfolg. Er kauft die Aktien stets für den niedrigsten Wert und sobald er sie verkauft, sinken sie meist rapide. Deswegen arbeitet er oft über Dritthändler.“

Liane überflog den Artikel. Einige Leute behaupteten, dass der Mann in die Zukunft sehen könne. Wie sonst sollte er den Markt so beherrschen? Andere hielten ihn für einen Teufel. Wieder andere für einen dummen Glückspilz.

Als sie das Foto des Mannes sah, stockte sie. Er war noch ein Jugendlicher darauf. Es war eine Aufnahme aus der zehnten Klasse. Ausgeschnitten aus einem alten Gruppenfoto. Viel mehr Fotos würden von ihm nicht existieren.

Es war dieselbe Person, die sie mit Lilith angesprochen hatte. Die mit dem Bus gereist war und sie in ein Gespräch verwickelt hatte. Die sie abgeschirmt hatte, als das Haus in die Luft geflogen war.

Und er trug sogar dieselbe Kette.

Die, mit dem dreizehnzackigen Stern …

Shiloh drückte ihr Handgelenk und erschrocken sah Liane auf. Sie brauchte einen Moment, ehe sie erkannte, dass sich die Lippen ihrer Freundin bewegten. Und sie brauchte einen weiteren, um die Worte ausmachen zu können.

„Es geht mir gut“, entgegnete sie still, „Ich … Ich habe nur nicht erwartet …“, sie atmete tief durch und deutete auf die Sternenkette, die der junge E. Belial trug, „Er kam mir bekannt vor.“

„Hat er dir etwas angetan?“

„Bitte?“, Liane fühlte sich beinahe empört.

„Du hattest gezittert. Warst ganz weiß. Also bitte – was hat er dir angetan?“

„Er …“, sie schloss die Augen und verglich den Mann aus der Nacht und das Foto gedanklich miteinander, um jede Verwechslung auszuschließen – um sich wirklich sicher zu sein, „Er hat mir nichts angetan. Nicht so, wie du denkst. Im Gegenteil. Er hat mir mal das Leben gerettet.“

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..