Timothy – Der Ausbruch

Das Abendessen verlief ohne Probleme. Auch ließ sich Julie auf einen kurzen Spaziergang ein – wenngleich sich ihre Augenbrauen hoben, als Timmy den halben Haushalt mitnehmen wollte.

„Also wirklich! Du wirkst, als ob wir gleich ausziehen“, lachte sie.

Als er das Lachen nicht erwiderte, wusste ich, dass sie etwas ahnte. Dennoch sprach sie ihn nicht darauf an. Sie schien sich eher etwas schneller zu bewegen. Schneller und ängstlicher.

„Ich muss etwas erledigen“, offenbarte Timmy ihr endlich, als er sie zum Felsvorsprung gebracht hatte. Knapp erklärte er, dass er einem Mädchen helfen müsse. Dass es gefährlich werden könne. Dass es aber wichtig wäre und er bald wieder zurück wäre, um sie abzuholen. Dass sie sich keine Sorgen machen solle. Er würde immer zu ihr zurückkehren.

Kurz darauf befanden wir uns schon auf dem Weg zum Piratenhaus.

„Meinst du nicht, dass du etwas zu dick aufgetragen hast?“, fragte ich ihn, sobald wir die Lichter der Hafenstadt wieder ausmachen konnten.

„Wie soll ich zu dick auftragen, wenn es die Wahrheit ist?“

Und so ließ ich das Thema fallen. Ich wollte nicht, dass er mich aus Frust ignorierte. Ich wollte nicht, dass er sich ablenken ließ. Dass er einen Fehler machte. Dass-

Erschrocken tanzte ich um einen Mann herum, der fast durch mich hindurchlief. Nicht nur Timmy musste sich konzentrieren – auch ich! Das war meine Aufgabe. Ich musste zusehen, dass ich Timmy sicher ins Haus und mitsamt dieser Madam wieder hinauslotste.

Ich musste funktionieren!

Damit kehrte meine Aufmerksamkeit zurück. Still schlich ich mich durch die Türen und Wände. Ich wank Timmy in die richtige Richtung. Sorgte dafür, dass er unauffällig in die Küche gelangte. Dort, wo sich die Alte gerade um das Baby kümmerte. Sie hatte den Schlüssel für den Dachboden. Ohne den kämen wir nicht weiter.

Ich schwebte um sie herum, als sie dem Kind gerade den Hintern säuberte. Schimpfend band sie ihm einen neuen Stofffetzen um. Dann legte sie das winzige Ding in einem Eimer ab und kniete sich an eine Kiste.

„Süßholz“, murmelte sie und wanderte mit einer Hand durch die einzelnen Säckchen.

Ich nutzte den Moment, um mich auf die Feuerstelle zu konzentrieren, die sich neben ihr befand. Ich streckte mich nach dieser aus. Erinnerte mich an die Verzweiflung und die Wut, die ich empfunden hatte, als Julie mich nicht mehr sehen konnte. Genauso wie bei Jane früher. Wie ich mich danach so allein gefühlt hatte. Wie ich es hasste, nicht mehr Teil ihrer Leben sein zu können!

Abrupt schoss die Flamme über den steinernen Boden. Sie streckte sich nach der Alten aus und leckte an ihrer Schürze. Genau da, wo ich sie haben wollte.

Sobald der Stoff in ihrem Aufschrei Feuer fing, drängte ich meine Emotionen fort. Ich dachte an Timmy. Dass er nicht auffallen dürfe. Dass ich gelassen bleiben musste!

Nicht wie die alte Frau, die ihre Schürze bereits fortgeschleudert hatte. Selbst ich hatte bislang nicht gesehen, dass mein Feuer so rasant den halben Stoff verschlingen konnte. Fasziniert betrachtete ich das Schauspiel, ehe mich die Alte wieder zur Vernunft brachte, als sie panisch – und ohne das Baby – hinaus rannte.

„Timmy!“, rief ich, sobald die Luft rein war.

Es würde nicht lange dauern, bis jemand käme. Entweder, um das vergessene Kind zu holen oder um sicherzugehen, dass kein größeres Feuer ausbrach.

Sofort war der Junge am Kleidungsstück. Er ignorierte die Flammen, während er mit einem Kochlöffel den Fetzen in einen Kessel voller Wasser warf. Erst danach fischte Timmy die Schlüssel hinaus.

Es waren vier Stück. Sie waren an einem schiefen Metallhaken zusammengesteckt. Einer davon gehörte zum Dachboden, einer vermutlich zu einer Kellertür. Aber die letzten beiden?

„Welcher?“, hauchte Timmy drängelnd.

„Der“, ich wies eilig auf den richtigen und wartete, bis der Junge das Bund auflöste. Sobald er den richtigen eingesteckt hatte, verteilte er die restlichen in der Küche: Einen im Topf über der Feuerstelle, einen beim Baby und den letzten unter dem Tisch.

Niemand sollte sofort wissen, welcher Schlüssel benötigt wurde.

„Hier lang“, drängte ich und zeigte ihm, wie er zur verborgenen Treppe gelangte. Ich hörte, wie es um uns herum polterte. Jemand rief. Jemand anderes schrie. Dazwischen konnte ich die Alte ausmachen, die unerlässlich fluchte.

Warnend hielt ich Timmy auf, ehe er aus dem schmalen Gang trat, wo die Kinder gerade zur großen Treppe rannten. Erst danach zeigte ich ihm, wie er sich bis zum Dachboden schleichen konnte. Ich traute unserem Glück nicht. Wieso hielt uns keiner der Männer auf? Wenn ich nach den Stimmen gehen musste, klang es ja fast, als wären nur Frauen und Kinder zugegen. Warum?

„Läuft doch ganz gut“, flüsterte Timmy mir zu, als wir endlich der letzten Treppe folgten.

„Shht!“, erschrocken sprang ich fast durch ihn hindurch, „Neben uns ist eines der Schlafzimmer. Was, wenn sie dich hören?!“

Nickend eilte er zu einer Leiter, die weiter nach oben führte. Direkt zu der Pforte hinter dem diese Madam festgehalten wurde.

Unser Ziel!

Timmy holte zittrig den Schlüssel aus den Falten seiner Kleidung und steckte ihn ins Schloss. Wir lauschten, ehe er das Metall drehte. Ehe er die Tür aufdrückte. Ehe er vorsichtig den Kopf hineinsteckte-

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie etwas auf ihn herab sauste.

„ÜBER DIR!“, schrie ich nach Leibeskräften und irgendwie knallte die Tür dabei komplett auf. Etwas polterte. Etwas anderes krachte. Stöhnen.

Hatte ich das Mädchen zurückgeworfen? Neben ihr kullerte der Eimer über den Boden, den sie zuvor als Toilette verwendet hatte. Sie hatte ihn Timmy über den Kopf ziehen wollen. Doch als die Tür sie aufgeflogen war, war auch sie zurückgedrängt worden.

Dabei stand sie nicht mal dahinter …

„Keine Angst“, Timmy wank eilig mit den Händen, „Ich will dir nichts tun. Wirklich! Ich will dich hier wegbringen. Schnell. Ehe wir erwischt werden!“

„Du-“, sie schüttelte den Kopf, „De-Der Win-Wind-“

„Unten wurde wohl zeitgleich eine Tür geöffnet. Durchzug. Nun lass uns endlich abhauen, sonst bemerkt noch wer, dass ich hier bin“, drängte Timmy.

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, in der das Mädchen ihn musterte.

Dann erst folgte sie ihm endlich.

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