Timothy – Der neue Plan

Verärgert schwebte ich durch das Piratenhaus. Mir war zum Schreien zu Mute! Da bat ich gestern Timmy noch darum, nichts zu überstürzen. Aber er? Er entschied lieber, dass er bereits in der kommenden Nacht das Mädchen retten wolle!

Ich glitt durch die nächste Wand und kundschaftete den schmalen Weg dahinter aus. Dieses Haus hatte so viele versteckte Gänge und verborgene Türen, dass es einem Irrgarten glich! Jeder Raum war mit mindestens drei anderen verbunden – ohne, dass man es ihm direkt ansah. So gab es allein in der Küche drei verschiedene Kellereingänge, eine verborgene Treppe nach oben, eine offensichtliche Tür in den Flur sowie eine weitere hinter einer Arbeitsplatte. Darüber hinaus verbarg sich eine Luke, die mit einem Seil in den Raum darüber führte, schräg neben dem Kamin. Ich hatte sie nur zufällig entdeckt. Als ich durch die Decke geschwebt war. Doch hatte ich keine Ahnung, wie man sie öffnete.

„Ein Baby, vier Kinder, drei Frauen und fünf Männer“, zählte ich die Bewohnenden des Piratenhauses gedanklich durch, während ich es mit den Schlafplätzen im ersten Stock abglich, „Kommt hin.“

Damit machte ich zwei Jungen Platz, die beinahe durch mich hindurch rannten, als ich den schmalen Gang verließ.

Hatte ich alles? Ich wusste, wo sich die Kerzen und Feuerstellen befanden. Ich wusste, wie viele Personen uns nachts aufhalten könnten. Ich wusste, wie die Gänge und Räume miteinander verknotet waren und wo sich der Eingang zu dem versteckten Keller befand.

Aber reichte das?

Grübelnd flog ich hinaus und betrachtete die umliegenden Straßen argwöhnisch. Über welchen Weg würde Timmy am ehesten das Weite suchen können? Er meinte zwar, dass er sich um die Flucht außerhalb des Hauses schon selbst kümmern wolle, doch sorgte ich mich dennoch.

Ob ich ihm hier irgendwie zur Hand gehen könnte? Er hatte immerhin gemutmaßt, dass die Wachen auch Piraten sein könnten – dennoch wollte er heute am Hafen ein Schiff auswählen, mit dem sie fliehen könnten. Es gäbe wohl mehrere Fischkutter, die unbenutzt dort vor Anker lagen. Mickrige Boote, von denen er sich eines ungefragt leihen wollte.

Stumm wunderte ich mich, ob Jane das Vorhaben ihres Enkels gutheißen würde. Was hätte sie getan? Wieso wusste ich es nicht? Wieso war ich nicht bei ihr geblieben, als sie mich nicht mehr sehen konnte?!

Unter mir rief jemand etwas. Ich sah etwas aufleuchten. Ein Feuer. Nein. Mehrere. Sie schlugen aus. Sie-

Abrupt wandte ich mich ab und schwebte zurück zu der kleinen Hütte. Die Flammen würden sich schon beruhigen, wenn ich nicht mehr in ihrer Nähe wäre, oder?

Zu meiner Überraschung war Timmy bereits zurück – nicht aber Julie.

„Wo ist sie?“, fragte ich und spürte die Unruhe in mir aufsteigen.

„Julie?“, ihr Bruder schaute nur kurz von der Feuerstelle auf, „Beeren sammeln. Wir wollten Suppe kochen.“

Erst nun erkannte ich, dass er einen verbeulten Topf über der Flamme aufgebaut hatte. Hatte er ihn heute mitgebracht? Oder war er aus dem Reisegepäck? Wieso konnte ich ihn nicht einordnen?

Meine Gedanken fühlten sich zu verschoben an.

„Ach so“, murmelte ich daher nichtssagend.

„Erzähl – wie sieht es im Piratenhaus aus? Wie geht es dieser Madam?“

Ein Blick auf Timmys strahlende Augen verriet, dass er sofort selbst nachsehen würde, wenn ich ihm die Antworten verwehrte. Also berichtete ich ihm alles: Erst vom Haus. Dann von den Leuten. Zuletzt von den verborgenen Reichtümern im Keller.

Zu der Gefangenen äußerte ich mich erst zum Schluss.

„Sie sieht schwach aus. Ich glaube nicht, dass sie irgendetwas getrunken oder gegessen hat. Aber sie benimmt sich trotzdem sehr vornehm. Man hat ihr einen Eimer gegeben, den sie als Toilette verwenden sollte. Jedes Mal, wenn etwas drin ist, stellt sie ihn direkt neben die Tür und ruft, bis er geleert wird. Egal, ob die Alte dann wettert oder nicht. Sie weint zwar, wenn sie allein ist, aber sobald jemand kommt, schiebt sie ihre Verzweiflung beiseite und setzt eine sture Miene auf. Sie ist … stark.“

„Stark“, Timmy wiederholte es wie ein Echo, ehe er den Kopf schüttelte, „Man kann aber nicht die ganze Zeit stark sein.“

Es klang, als ob er aus Erfahrung sprach. Als müsse er an seine Verantwortung gegenüber Julie denken. Gut! Vielleicht würde er sich noch umentscheiden und lieber hierbleiben. Dieses Vorhaben war viel zu gefährlich!

Ehe sich die Hoffnung in mir ausbreiten konnte, verhärteten sich seine Züge. Entschlossen nickte er. Der Junge wirkte mehrere Jahrzehnte älter. Gebrochen. Neu zusammengesetzt. Zerstört. Wieder aufgebaut.

Wie sehr ihn das Leben wohl enttäuscht haben musste?

„Heute Nacht“, flüsterte er, „Wir werden nach dem Abendessen mit Julie zum Vorsprung laufen. Dort kann sie sich verstecken, bis wir sie abholen. Ich habe ihn mir heute genauer angesehen. Wir müssen uns nur mit dem Boot die Strömung entlangtreiben lassen. Dann sind wir im Nu da und müssen nur noch der Küste bis zur nächsten Hafenstadt entlang folgen.“

„Weißt du denn, wie weit das ist? Was ist mit Proviant? Was mit Verfolgern?“

„Wir dürfen halt nicht auffallen.“

„Und wenn doch?“

„Dann brauche ich dein Feuer.“

Der Junge starrte mich so entschlossen an, dass ich mich fürchtete.

Dennoch nickte ich.

„Auf deine Verantwortung hin.“

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