B: Das Gewissen ansprechen

Chem Wak schimpfte fast eine halbe Stunde ins Telefon. Er hatte angerufen, nachdem sie im Büro angekommen waren. Nachdem ihm unterwegs schon die Vision heimgesucht hatte. Er hatte gespürt, wie sie sich aufgebaut – wie sie gewachsen und seine letzte beiseite gedrängelt hatte. Ihm war beinahe schwindelig geworden, so sehr verschoben die fernen Erlebnisse die Welt um ihn herum.

Das Haus der Rivers war leer gewesen. Lilith fort. Ihre Entschuldigung von einem Vater weg. Flyer waren durch die Straßen geflogen. Darauf die Gesichter der beiden. Nach mehreren Tagen hatte man herausgefunden, dass der Helikoptervater eine Campingausrüstung beim Verlassen der Stadt gekauft hatte. Dass er seine Tochter bei sich gehabt hatte.

Kurz darauf setzten massive Regenschauer ein. Erdrutschwarnungen folgten. Tote wurden unter den Steinlawinen geborgen. Tote, die den Vermissten ähnelten.

Chem Wak wusste nicht, was seine vorherige Vision verschoben hatte. Aber etwas hatte einen Fluchtinstinkt bei diesem übereifrigen Mann ausgelöst, der sich Vater schimpfte!

Und diesen musste er nun erstmal beschäftigen. Er musste zusehen, dass er zu ihm durchdringen konnte. Und wenn er ihn erstmal zusammenstauchen musste, um ihn ins Büro zu zitieren, dann sei es so!

Mitten im Telefonat hob Mr. Brume sein eigenes Telefon ans Ohr. Er runzelte die Stirn, während er knapp antwortete und sich etwas notierte. Dann schob er den Zettel Chem Wak zu.

Liliths Telefonnummer stand darauf. Darunter die Frage, ob sie bei den Brumes übernachten könne. Und ob Mr. Belial ihren Vater noch kurz hinhalten würde.

Er nickte sofort.

Damit kamen die Worte leichter. Die Hälfte seiner Kritik war gespielt. Mit der restlichen wollte er den Mann am liebsten für seine Unverantwortlichkeit in Stücke reißen, die Chem Wak niemals zulassen wollte! Er hasste den Mann für die Vision, die nichts anderes als eine Möglichkeit war …

Es war nicht fair. Zuerst hatte die Bürokratie dieser Welt ihm seine Lilith gestohlen und dann hatte sie den Rettungsanker einer verlorenen Beziehung spielen sollen! Dieser überfürsorgliche Mann mochte sich um seine Liane gekümmert haben, doch jede seiner Taten bewies, dass er ihre wahre Seele nicht kannte!

Dieses Recht war nur einem eingeräumt.

Als er das Gespräch mit Mr. Rivers endlich beendete, wunderte er sich dennoch, ob er mit seinen Worten zu weit gegangen war. Wenn ihr Ziehvater kündigte, könnte er den Mann nicht ohne weiteres fortschicken, um Lilith etwas Luft zu verschaffen. Ihn aber gänzlich aus ihrem Leben zu entfernen, würde ihr Glück gefährden.

Chem Wak seufzte. Er hasste es, diese Einblicke in die Zukunft haben zu können und nicht ihre genauen Wege zu kennen. Immer eröffneten sich neue Möglichkeiten. Neue Hürden, die eine der Perspektiven ungefragt ausbremsten. Wie sollte er so entscheiden, wie er mit dieser Vaterfigur verfahren sollte?

Dabei wollte er ihn am liebsten fortjagen! Diesen abstrusen Mann, der noch vor einer knappen Stunde Lilith einpacken und mit ihr über die Berge verschwinden wollte. Denn eine Rückfahrt hatte dieser Kerl gewiss nicht eingeplant!

„Mr. Belial?“, fragte sein Fahrer so vorsichtig, dass es nicht klang, als wäre es das erste Mal gewesen.

„Ja?“

„Ich würde zeitnah aufbrechen wollen, um meiner Frau daheim zu helfen. Und- Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob ich Mr. Rivers derzeit treffen sollte“, er sprach steif.

So kannte Chem Wak ihn nicht.

„Darf ich erfahren, woher der Frust kommt?“, erkundigte er sich, ohne aufzublicken.

Mr. Brume schwieg. Er schien seine Worte abzuwägen.

„Seine Tochter hatte heute ja bereits etwas angespannt gewirkt. Nur habe ich mir nicht zu viel dabei gedacht“, offenbarte sein Fahrer leise, „Als Oli jedoch angerufen hat … Er ist ein guter Junge. Manchmal rutschen ihm ein paar Notlügen raus, ja, aber er würde nie jemanden absichtlich schlecht reden. Dennoch hat er gemeint, dass es wirkt, als ob Liane vor ihrem Vater Angst hat. Er hat sich daher mit Shiloh, einer Klassenkameradin von ihr, ausgetauscht. Diese hat es ebenfalls bestätigt. Ich glaube nicht, dass-“, er seufzte, „Wenn Ihnen Ihre Schwester wirklich am Herzen liegt, sollten Sie dem Mädchen lieber die Wahrheit sagen, Mr. Belial. Ich bin mir sicher, dass sie das verdient hat und dass es sicherer wäre, als bei dieser Entschuldigung von einem Ziehvater zu verweilen.“

Er hätte niemals vermutet, dass seinem Fahrer Liliths Schicksal so nahe gehen könnte. Aber das würde endlich einige der anderen Visionen erklären, die er über die letzten Wochen durchgespielt hatte. Wahrscheinlich müsste er Mr. Brume glücklich in seiner Nähe behalten, um ihn nicht gegen sich zu wenden. Sonst würde ihm der Mann sicherlich die größten Steine in den Weg werfen, wenn er Lilith die Wahrheit gestehen musste.

„Ist gut. Gehen Sie, ich-“, er ließ sich auf seinen Sessel nieder, „Ich werde eh allein mit Mr. Rivers reden.“

„Sie-“, er schluckte, „Wollen Sie ihm die Wahrheit sagen? Über ihre Beziehung mit Liane? Oder- Ich frage nur, weil ich nichts Falsches ihm gegenüber sagen möchte, falls das Thema morgen aufkommt oder er heute noch zu uns kommt.“

„Ich weiß nicht“, Chem Wak schüttelte müde den Kopf, „Ich werde Sie bis morgen über meine Entscheidungen in Kenntnis setzen, Mr. Brume. Einen angenehmen Feierabend“, damit wank er den Mann heraus.

Er müsste sich selbst erst noch im Klaren werden, wie weit er mit Liliths Ziehvater gehen konnte. Sie brauchte eigentlich keinen. Aber sie brauchte einen in dieser Bürokratie. Sie war erwachsen genug, um mit der Welt fertig zu werden. Aber sie durfte nie Kind sein und die Welt sich selbst überlassen. Sie-

Nein. Er ging es falsch an. Diese Vergleiche verstärkten die Zwickmühle nur noch mehr. Er musste wissen, was er für sie tun konnte! Was konnte er riskieren?

Bis ihr Ziehvater im Büro ankam, ging Chem Wak jede seiner Möglichkeiten durch. Er wollte ehrlich mit dem Mann sein. Ehrlich, aber nicht offen. Das durfte er sich nicht erlauben. Nicht, solange die Zukunft auf wackligen Beinen stand.

„Mr. Rivers?“, rief er den Mann zu sich, sobald er die Schritte auf dem Flur erkannte, „Wären Sie so gut?“

Kurz darauf erschien er in der Tür. Seine Mimik war angespannt. Seine Haltung hatte etwas von einem angriffslustigen Boxer. Wahrscheinlich war Chem Wak doch ein kleines bisschen zu harsch am Telefon gewesen …

„Ja, bitte?“, presste dieser hervor und es klang, als wollte er eigentlich spucken.

„Ich war vorhin ein wenig zu aufgebracht. Dafür möchte ich mich entschuldigen“, er wank seinen Angestellten näher, „Ich weiß, dass Sie, nach all meinen vorherigen Anforderungen, nur nicht gekündigt haben, weil Sie die Privilegien des Vertrages weiterhin genießen wollen.“

Mr. Rivers Gesicht verfinsterte sich. Chem Wak konnte es ihm nicht verübeln. Er hatte den Mann ja absichtlich angeworben, als dieser keinen Ausweg mehr kannte. Neben einem satten Gehalt zahlte er dem Mann monatlich das Schulgeld für dessen Tochter. Er hatte ihm ein Anwesen stadtauswärts in Aussicht gestellt, wenn er über fünf Jahre gute Arbeit leistete. Er hatte ihm ein Darlehen gegeben, mit welchem er die Erbschaftssteuern für das neue Haus abbezahlen konnte.

Das restliche Geld und die Aktien seiner toten Frau waren jedoch direkt an Lilith gegangen. Solange sie nicht volljährig war, würde niemand darauf zugreifen können. Rein aus finanzieller Sicht wäre es unausweichlich, dass Mr. Rivers im Arbeitsverhältnis bei Mr. Belial verweilte. Nur so müsste er das Darlehen nicht direkt abbezahlen. Er konnte sich Liliths Schulgeld als Privileg des Arbeitsvertrages auszahlen lassen. Und er konnte sogar ihr Studium darüber finanzieren lassen.

Letzteres wusste nicht einmal Mr. Brume.

„Wir alle machen mal Fehler. Alles gut“, behauptete der Mann.

Chem Wak wusste sofort, dass er log.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass Ihrer Tochter heute Drogenbesitz in der Schule vorgeworfen wurde“, lenkte er das Thema daher um.

„Bitte?!“, Mr. Rivers sprang ihm fast auf den Tisch.

„Hm. Da ich die Schulgelder bezahle und eng mit einigen Leuten aus dem Lehrerzimmer befreundet bin, bekomme ich allerhand mit“, behauptete er, „Sie wären überrascht, wie gesprächig manche Menschen sind.“

Die Lügen taten weh. Sie waren ihm zuwider. Aber er wusste, dass sie einen Zweck erfüllten. Und er wusste, dass sie hierzulande normal waren. Nur darauf musste er sich konzentrieren, während er die Worte zwanghaft formte.

Die Wahrheit wie eine Lüge zu umschreiben tat weniger weh …

„Liane nimmt keine Drogen“, behauptete ihr Vater direkt, „Ich weiß das. Ich weiß alles, was sie tut. Ich-“

„Alles? Ist das nicht ein bisschen zu viel? Beinahe übergriffig, oder?“, unterbrach Chem Wak.

Der Mann schluckte: „Ich pass nur auf, dass ihr nichts passiert. Es ist nicht sicher da-“

„Sie wohnen nicht mehr im Rotlichtviertel, Mr. Rivers. Ich denke, Sie neigen zu Übertreibungen.“

„Meinen Sie? Sind Sie etwa ein Vater oder woher nehmen Sie Ihre Weisheiten?“

„Ich? Meine Güte, nein. Ich bin ein Bruder. Ein Chef. Ein Onkel. Manchmal sogar ein Freund. Aber nie Vater“, er lehnte sich vor, „Und Sie?“

„Wie bitte?“

„Sie, Mr. Rivers. Woher nehmen Sie Ihr Wissen? Sie sind doch auch kein leiblicher Vater, oder irre ich?“

Schweigen begegnete ihm. Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an. Es wirkte, als ob er selbst nicht mehr an die Wahrheit gedacht hatte. Als ob sie ihn nun überrumpelt hätte und als wollte er sie am liebsten leugnen. Nur-

„Woher wissen Sie es?“

„Wieso sollte ich meine Mitarbeitenden nicht eingängig recherchieren, ehe ich Sie mit vertraulichen Informationen betraue?“, er stand gelassen auf und ging um den Tisch herum, „Ganz ehrlich? Sie hätten mir auch die Wahrheit sagen können. Das Schulgeld wird auch für adoptierte Kinder überwiesen. Nur halte ich Ihr mürrisches Verhalten nach dieser Erkenntnis für zu aufdringlich. Sie wirken nicht so, als würden Sie sich um eine Tochter sorgen. Eher, als wäre das Mädchen Ihre Geliebte. Ein fragwürdiges Vorgehen, weswegen ich Mr. Brume gegenüber auch angemerkt habe, dass sein Sohn sie bitte genauer kennenlernen solle. Sollte dies von Ihrer Seite aus zukünftig unterbunden werden, gehe ich davon aus, dass meine Vermutung stimmt und ich werde die entsprechenden Behörden einschalten müssen.“

Es war eine Lüge. Eine Lüge und ein Bluff. Aber sie waren die einzigen Mittel, die in seinen Visionen und Gedankenspielen Wirkung gezeigt hatten.

Wie auf Kommando stockte Mr. Rivers: „Sie- Das- Ich würde nie-“

„So benehmen Sie sich aber, Mr. Rivers“, bemerkte Chem Wak, während er zur Tür schlenderte.

„Sie verstehen nicht! Dieser Oliver – er ist der Gefährliche! Pubertierende Jungs-“

„Oliver ist mir, im Gegensatz zu Ihnen, bislang nur positiv aufgefallen. Sie verstehen daher sicherlich, dass ich sein Wort mehr schätze“, er hob die Hand um jeglichen Widerspruch im Keim zu ersticken, „Ich habe Mr. Brume darum gebeten, dass er Oliver motiviert, Ihre Tochter kennenzulernen. Ich habe mich über die Belange beider Kinder informiert. Und ich habe mich dazu entschlossen, mich in Ihre Beziehung mit Ihrer Tochter einzumischen. Von daher seien Sie bitte versichert, dass ich jegliches Verhalten Ihrerseits beobachten muss, da ich es kaum erneut mit meinem Gewissen vereinen könnte, wenn ein unschuldiges Ding wegen meiner Unfähigkeit zu Handeln leidet. Beweisen Sie mir, dass meine Vermutungen falsch sind und ich werde nichts weiter tun. Bestätigen Sie meine Befürchtungen, werden Konsequenzen folgen. Und nun: Die Papiere, die Sie korrigieren sollen, liegen auf Mr. Brumes Tisch. Bis Mitternacht sind Sie fertig. Irgendwelche Einwände?“

„Nein“, presste Mr. Rivers vor, als er sich die Stapel nahm.

„Und zu Oliver Brume?“

Diesmal schwieg der Mann. Er starrte auf die Papiere, die unter seinen Fingern zerknitterten.

„Nur, solange Liane diese Freundschaft auch will. Solange-“

„Sollte sie nichts mehr mit Oliver zu tun haben, so soll sie es bitte Mr. Brume ausrichten. Allein. Ohne Ihr Beisein. Sollte dabei jedoch herauskommen, dass Sie das Kind dazu nötigen, werde ich meine eigenen Maßnahmen ergreifen. Sie sollten nämlich wissen, Mr. Rivers“, er zwang sich zu lächeln, „Ich kann Gewalt gegenüber Kindern – egal welcher Art – nicht ausstehen. Überdenken Sie Ihr Verhalten oder leben Sie mit den Konsequenzen. Einen schönen Abend noch.“

Damit ließ er den Mann in seinem Büro zurück. Ein Büro, das er extra gekauft hatte, um Mitarbeitende zu beschäftigen. Um diesen Mr. Rivers im Auge zu behalten.

Es würde nicht umsonst gewesen sein!

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