Timothy – Die Nachbarn

Während Timmy die nächsten Tage immer in die Stadt ging, um Arbeit zu suchen oder gar die Leute im Hafen ausfragte, um alles Erdenkliche zu lernen, blieb ich bei Julie. Nun. Das behauptete ich zumindest vor ihm.

Stattdessen zog auch ich meine Runden. Ich wusste, dass meine geisterhafte Existenz nicht viel bewirken konnte. Nicht so. Aber ich konnte Informationen beschaffen. Ich konnte die Menschen kennenlernen. Ich konnte schauen, wer Hilfe bräuchte. Wer Arbeit hätte. Wen man meiden sollte. Dadurch konnte ich Timmy notfalls den richtigen Weg weisen. Ich konnte den Geschwistern eine Zukunft ermöglichen!

Ich durfte sie nur nicht bei meinen Ausflügen vergessen …

Unruhig schwebte ich durch die nächsten drei Häuser, die ich mir für diesen Tag vorgenommen hatte. Ich beobachtete die kleinen Kinder, die draußen spielten. Ich belauschte die Frauen, die sich in den Küchen unterhielten. Die dort kochten oder nähten. Eine hatte ein Baby bei sich. Ein winziges Ding, das viel schrie und das die Frauen ständig ausschimpften.

Ob mit mir damals auch geschimpft wurde? Ich wusste es nicht mehr. Meine eigenen Erinnerungen waren zu verschwommen. Zu-

Ein Weinen lenkte mich ab. Es kam aus dem Dachboden des letzten Hauses. Dort hockte ein Mädchen. Sie konnte nicht viel älter als Timmy sein. Ihre Kleidung wirkte edel. Zu edel für eine Hafenstadt. Sie hockte hinter einer verschlossenen Tür. Zwischen drei großen Truhen und einem Haufen Stroh, der irgendwie hingeworfen aussah.

Unschlüssig flog ich um sie herum. Ich betrachtete ihre zusammengekauerte Haltung. Ihr Zittern. Stimmt. Hier drinnen war es kühler. Es gab keine Wärme. Das einzige Licht drang aus einem viel zu winzigen Fenster hinein. Es fühlte sich so kalt, so verloren an!

Wie sehr wünschte ich mir doch eine winzige Flamme herbei. Nur eine kleine. Damit ich dem Mädchen etwas Wärme schenken könnte! Sie sah-

Schritte.

Dumpf polterten sie näher und sofort zuckte das Mädchen zusammen. Es spannte sich an. Sprang auf. Rannte durch mich hindurch. Erschauderte.

Dann öffnete sich auch schon die Tür. Eine gewaltige Frau stand darin. Sie hatte mit den anderen in der Küche geschuftet. Nun hielt sie ein Laib Brot und einen Wasserkrug in den Händen. Sie rümpfte die Nase.

„Für Euch, Madam“, sie streckte es dem Mädchen entgegen.

„Mein Vater! Wo ist mein Vater?“, schrie dieses nur aus.

„Da, wo er seine Schulden abbezahlt“, damit stellte die Alte Essen und Wasser auf einer der Truhen ab, „Bis dahin bist du unser Pfand. Du bleibst hier und-“

„Nein! Ihr seid Piraten! Allesamt!“, das Mädchen wich zurück, „Und nun wollt ihr mich vergiften. Gebt es zu!“

Ich beobachtete die Frau. Wie sie seufzte, als wäre sie die Anschuldigungen leid. Aber auch, als würde sie die Worte genießen … Lächelte sie etwa?

„Kommt zur Vernunft, Madam“, behauptete die Frau und ging wieder nach draußen. Sie zog die Tür hinter sich zu. Schloss ab.

Für einen Augenblick verharrte mein Blick auf dem Mädchen. Dann folgte ich der Frau. Ich wollte wissen, was hier vor sich ging. Vielleicht müsste ich Timmy und Julie warnen. Vielleicht-

„Und? Was denkst du?“, fragte eine raue Stimme.

Sie erklang so plötzlich, dass ich aufschrak. Ich schwebte versehentlich durch eine Wand und verpasste daher die Antwort der Frau. Eilig flog ich zurück und zog einige Kreise um den Mann, der sie abgefangen hatte.

Er war stämmig. Mit einem spitzen Kinn. Seine Nase war so schief wie die der Frau und je mehr ich die beiden betrachtete, desto eher kamen sie mir wie Mutter und Sohn vor.

„Ich habe nochmal die doppelte Summe Gold gefordert“, grinste der Kerl.

„Du hättest das dreifache nehmen sollen“, schimpfte die Alte jedoch, „Die Kleine hält uns bereits für Piraten. Entweder du begegnest ihr mit mehr Anstand oder du entledigst dich ihrer. Wenn sie uns aber so verlässt, werden die Soldaten des Königs über uns herfallen.“

„Erst, wenn das Lösegeld gezahlt wurde“, lachte er und verschwand in einem schmalen Flur.

Etwas in mir erschauderte. Ich beobachtete, wie die Frau kopfschüttelnd weiterging. Mir kam das Haus so verhext vor. So-

Piraten hatten sie gesagt?

Eilig schwebte ich hinaus und suchte nach Julie. Ich musste sichergehen, dass es ihr gut ging. Was, wenn sich diese Piraten sonst an ihr vergriffen? Ich musste Timmy vorwarnen. Nur so könnte ich beide beschützen!

Als ich bei der Hütte ankam, hätte ich vor Erleichterung schreien können. Es ging ihr gut! Julie hatte sich Grashalme besorgt, die sie miteinander verknotete. Daraus fertigte sie kleine Seile, mit denen sie einige der Äste fester zusammenband. Auch hatte sie Beeren gesammelt. Die Früchte lagen in einer Ecke der Unterkunft. Wartend.

Genauso wie ich, der ich mich daneben niederließ und mich auf Timmys Rückkehr gedulden musste.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..