
Verärgert riss Angeline das fünfte Blatt aus ihrem Schreibblock und starrte verbissen auf die neue leere Seite.
Den ersten Brief hatte sie bereits im ersten Satz abgebrochen. Beim zweiten war sie fast bis zum Ende gekommen, ehe ihre Gefühle ausbrachen. Im dritten hatte sie innegehalten, weil sich die Worte in ihrem Kopf zu kühl angefühlt hatten. Und der letzte?
Sie konnte Michael nicht schreiben, dass sie ginge und wiederkäme! Er würde sonst nach einem Grund suchen. Er wüsste, dass sie nicht in ihr Elternhaus und zu Tyler zurückkehren würde, nur um ihn nach einem Jahr wieder sich selbst zu überlassen. Es wäre zu herzlos ihrem Bruder gegenüber! Nein. Sie durfte kein Wiedersehen in Aussicht stellen. Sie musste …
Schluss machen? Ja- Nein! Doch. Sie wollte nicht! Nein! Nein! NEIN!
Angespannt legte sie den Block auf den Nachttisch und atmete durch.
Sie wollte sich auf keinen Fall mit einem Brief von Michael trennen. Allein der Gedanke daran schmerzte! Sich zu trennen, würde bedeuten, dass er sich zurückgelassen fühlen würde. Sie würde sich wie eine Diebin fühlen. Jemand, der die Wahrheit, der die Kette seiner Mutter, der sein Baby raubte.
Und wozu das alles?!
Um alle zu beschützen …
Sachte strich sie über ihren Bauch. Ja. Sie wollte Michael beschützen. Sie wollte das Ungeborene beschützen. Viele Möglichkeiten hatte sie nicht. Hatte sie nie gehabt …
Langsam kehrte der Mut zurück. Sie sammelte Stift und Papier auf. Die ersten Zeilen waren diesmal nur Belanglosigkeiten. Belanglosigkeiten, die fast ausuferten. Aber sie brauchte sie. Sie wollte sich zumindest entschuldigen, dass sie nur so einen zerknitterten Zettel zurückließ.
Die Leute hier waren ein Teil ihrer Familie geworden.
Damit schweifte der Stift ab und sie musste zum sechsten Mal beginnen. Diesmal klappte es jedoch flüssiger. Erst die Entschuldigungen, dann dass sie zurück müsse, nochmal eine Entschuldigung. Und noch eine. Und …
Der Stift hatte Michaels Namen von ganz allein geschrieben.
Genauso wie das Liebesgeständnis dahinter.
Angespannt starrte sie auf die Worte. Sie waren wahr. Sie wollte sie nicht durchstreichen. Aber sie musste, oder? Oder besser nicht? Sollte sie ihm diesen Funken Wahrheit lassen?
„Ich weiß doch auch nicht …“
Ausgelaugt stand sie auf. Ihre Beine kribbelten. Ihre Lippen fühlten sich rau an. Trocken. Wann sie wohl zuletzt etwas getrunken hatte …?
Lauschend hielt sie an der Tür inne, ehe sie nach nebenan ging.
Lucifer und Kim waren fort. Oder waren sie schon im Bett? Wie spät es wohl war? Es fühlte sich wie tiefste Nacht an. Doch Angeline traute sich nicht, auf die Uhr zu sehen. Die Uhr erinnerte sie an die fortlaufende Zeit. Und davon hatte sie nicht mehr viel …
Eilig nahm sie sich ein Glas Wasser und kehrte in ihr Zimmer zurück. Erneut schaute sie auf die letzten drei Worte. Sie trank ein paar Schlucke. Starrte auf das Wasser. Wasser …
Das Wasser trennte Merichaven auch vom Festland, oder? Merichaven und … ihr Elternhaus in Raptioville … Die Orte waren viel zu weit voneinander entfernt … Wie zwei verschiedene Welten?
Mit dem neuen Gedanken gewappnet, schrieb sie weiter. Sie bat Michael darum, sich nicht um ihr Wohl zu sorgen. Hielt wieder inne. Dachte an den Tag zurück, als Kim und Trigger ihren verwundeten Freund zurückgebracht hatten. Als er nicht aufgepasst hatte und halb totgeprügelt zurückkam …
Ja. Er sollte sich lieber um sich selbst kümmern. Auf sich selbst Acht geben.
Ihm durfte nichts geschehen … Sie würde es nicht verkraften, wenn er sterben würde … Und auch wenn Niklas zugesagt hatte, dass er auf Michael aufpassen würde … Menschen konnten viel zu schnell sterben. Sie hatte es gesehen. Damals im Wylston. Als sie Lucifer und Monas Sohn befreit hatten. Sie hatte es gesehen und ausgeblendet. Verdrängt. Die Bedeutung heruntergespielt.
Nur schlich sich die Erinnerung nun von hinten an sie heran. Sie krallte sich in ihren Gedanken fest. Vernebelte ihre Sicht und-
Angestrengt fokussierte sie sich wieder auf den letzten Brief. Sie hatte ihn zerknittert. Mit Tränen übersäht. Den könnte sie nicht hierlassen …
Sie müsste ihn noch einmal schreiben. Bis er richtig aussah. Nur dann könnte sie hier fort. Das war das Mindeste!
Damit schrieb Angeline den Brief noch sieben Mal ab. Sie schrieb, bis sich ihre Hand verkrampfte. Bis jede Bewegung schmerzte. Erst als sie die Worte nicht mehr leserlich zu Papier brachte, hörte sie auf.
Keine Abschiedsnachricht war so perfekt, wie sie sich die Zettel gewünscht hätte. In allen hatte sie irgendetwas durchstreichen müssen. Einige Zettel waren sogar angerissen. Dennoch … Wenn sie noch eine Nachricht schrieb, würde sie den Verstand verlieren!
Damit suchte sie den besten aus. Den Rest starrte sie unschlüssig an. Sie stopfte sie in ihren Rucksack. Packte auch den Rest ein. Atmete noch einmal durch. Hielt erneut inne. Schaute durch den Raum. Über die vertrauten Schemen, ehe sie das Licht ausmachte und ihr Glas wegbrachte.
Angespannt legte sie ihren Abschiedsbrief in der Küche ab. Sie erwartete fast, dass Kim sie überraschen würde. Dass Michael klopfen würde. Dass Lucifer oder Trigger auftauchen würden!
Doch nichts geschah.
Langsam konnte Angeline wieder ausatmen. Sie blickte ein letztes Mal durch die leere Stube, ehe sie ihre kleine WG verließ. Zügig, aber nicht rennend, lief sie zu der Garage herüber. Sie wusste, wie sie dort rauskäme. Sie wusste, wie-
Bis zu deiner Volljährigkeit.
Erschrocken starrte sie auf die Nachricht, die sich auf den kleinen Bildschirmen präsentierte. Überall dieselbe. Als ob Niklas auf sie gewartet hatte! Wollte er sichergehen, dass sie ihre Abmachung nicht vergaß? Oder steckte eine andere Botschaft hinter den Worten? Hatte ihr Gesicht sie verraten? Hatte er etwas vor?
Sie musste ihn ablenken!
Langsam zog sie seinen Pieper aus der Manteltasche und zeigte ihn der nächsten Kamera, ehe sie ihn auf dem Boden ablegte.
„Du kannst ihn mir dann ja zurückgeben“, erklärte sie ruhiger, als sie sich fühlte.
Einverstanden, liebste Nichte.
Die Bildschirme flackerten noch einmal auf, ehe sie sich schwarz färbten.
Aber das bedeutete nicht, dass er sie nicht mehr beobachtete!
Viel zu langsam ging sie durch die Garage ins Freie. Sie peilte zuerst eine Straße mit Obdachlosen an. Das war nicht der sicherste Weg, aber dort konnte sie die fehlerhaften Abschiedsbriefe verbrennen. Das würde zwar nicht den in Kims Küche zerstören, aber es konnte ihr selbst etwas Ruhe verschaffen.
Etwas Erleichterung.
Anschließend lief Angeline zu einer kleinen Postfiliale. Sie brauchte eine abgelegene – ohne Kameras! Eine, in der sie die Schatulle in ein Paket packen konnte, ohne dass sie jemand sah! Als Absenderadresse gab sie ihr Elternhaus an. Die Zustellung sollte an eine fehlerhafte erfolgen. Dafür hatte sie die vom Polizisten mit der ihrer Tante vermischt. Als Ort trug sie Havbolt ein. So würde das Paket eine Weile unterwegs sein, ohne in falsche Hände zu geraten.
Es musste klappen!
