
„Wie konntest du diese Sauerei nicht mitbekommen?“, schimpfte Shiloh, während sie Lianes Hand begutachtete.
Die erste Stunde war nur schleppend vorbeigezogen. Immer wieder war Getuschel ausgebrochen. Niemand konnte sich auf Mr. Michels konzentrieren. Ab und zu hatte man ihren Namen geflüstert. Dann Bettys.
Es war so albern.
Erschrocken zuckte Liane zusammen, als Shiloh ein paar Papierhandtücher auf ihre Wunde drückte: „Hörst du mir überhaupt zu?“
„Ja“, so halb, „Aber es sieht schlimmer aus, als es ist“, beharrte sie.
Murrend schüttelte ihre Freundin den Kopf.
Sie hatte die Wunde erst zum Klingelzeichen bemerkt. Eigentlich hatte sie Liane ins Sekretariat bringen wollen. Aber dann hätten sie auch Betty getroffen … Also war es aufs Mädchenklo gegangen.
„Woran hast du dich überhaupt so doll geschnitten? Hast du irgendwo ein Taschenmesser versteckt?“, schimpfte Shiloh.
Still schaute Liane auf den Boden. Ihre Freundin wusste von den Bildern. Von ihren seltsamen Gedanken. Aber der Talisman? Dieser greifbare Brief, der keine Einbildung, keine Erinnerung war? Konnte sie diesen mit ihr teilen?
Wäre Chemy damit einverstanden?
„Ist im Stress passiert“, murmelte sie daher nur, „Kommt bestimmt nicht mehr vor.“
„Huh-“
Nachdenklich blickte Liane auf. Shiloh hatte so seltsam abgebrochen. Ob sie zu vage geantwortet hatte? Oder übersah sie was?
Langsam folgte sie den Blick ihrer Freundin auf Tina, die unschlüssig in der Tür stand.
„Hi!“, fiepte diese und eilte in die erste Kabine.
Die beiden Mädchen tauschten einen Blick. Shiloh zog eine Augenbraue hoch. Es war eine stille Frage. Sollten sie ihre Klassenkameradin ansprechen? Immerhin schien sie mit Betty unter einer Decke zu stecken. Aber ob die Sache auch wirklich mit von Tina ausging? Sie hatte so unruhig ausgesehen, als die Sekretärin gekommen war. So verängstigt? Ja. Es hatte gewirkt, als ob sie auch ein Opfer war.
Auch …
Kannte sie Tinas Blick aus dem Spiegel?
„Das sollte schon gehen“, Liane wickelte ihre Hand in drei Papierhandtüchern ein, ehe sie zu der besetzten Kabine sah.
Die anderen waren frei. Es war immerhin nur die kleine Pause. Die wenigsten drängelten sich zu dieser Zeit hier rein.
Und Tina war anscheinend auch nicht für die Pipipause gekommen.
„Du hast nicht mal den Deckel hochgeklappt. Möchtest du nicht rauskommen und sagen, warum du Betty geholfen hast?“, fragte sie leise.
Stille.
„Vergiss es. Von der kommt nix mehr“, schimpfte Shiloh, „Ich wusste ja, dass Tina und Betty schon die letzten Jahre über dicke waren. Aber dass sich jemand darauf einlässt, einer Mitschülerin was unterzuschieben – boah! Da ist Hopfen und Malz wohl im Abfluss verloren!“
Liane runzelte die Stirn. Es klang nicht so, als ob ihre Freundin die Worte ernst meinte. Zumindest hoffte sie es. Es passte einfach nicht zu der sonst so unterstützenden Freundin, die-
Quietschend öffnete Tina die Tür.
„Ich wusste nicht, was sie vorhatte. Ich schwör’s“, murmelte das Mädchen still.
„Aber du hast ihr geholfen“, beharrte Shiloh, „Du bist nach vorn, solltest uns ablenken und bist wieder nach hinten gestolpert. Wow. Grandiose Leistung!“
Tina zuckte zusammen.
Für einen Augenblick fühlte Liane sich zurückversetzt. In ihre alte Schule. Zu den lachenden Gesichtern. Zu den Gerüchten. Zu den fiesen Worten.
„Bitte. Das geht zu weit“, murmelte sie, „Es ist nicht fair. Lass sie ausreden.“
„Huh. Wollte eh nur sehen, ob ich falsch liege“, Shiloh zuckte mit den Schultern und war wieder die Freundin, die Liane kannte.
„Betty hatte mir nicht gesagt, was sie vorhatte. Sie meinte nur … Wenn ich nicht mit-mitspiele, wollte sie mein Ge-Geheimnis ver-verra-verraten …“, Tina schluchzte so heftig, dass ihre Schultern hüpften.
Liane schloss sie in die Arme, ehe sie nachdenken konnte. Die Worte, die Gefühle, sie alle erschienen ihr so aufrichtig! So von Herzen, dass sie ihnen nicht widersprechen konnte.
„Schon gut. Alles gut“, murmelte sie und strich der anderen über den Rücken.
„Nichts ist gut! Sie wird es garantiert überall rumposaunen, wenn sie von der Schule fliegt! Ich bin geliefert … Mein Dad … Er wird es nie verstehen. Scheiße! Wenn sie es meinen Eltern sagt, bin ich erst recht geliefert! Ich wusste doch nicht, was sie dir antun wollte. Ich musste mich nur selbst schützen. Ich musste … musste …“
Tina sackte in ihren Armen zusammen. Sie war so erschöpft. So mit den Nerven am Ende.
Es war nicht fair.
„Du glaubst ihr?“, riss Shiloh sie aus ihren Gedanken.
„Ja“, sicher nickte Liane, „Sie …“, sie wandte sich wieder der anderen zu, „Du warst mir vorhin schon so verängstigt erschienen.“
„Deswegen hattest du auch nichts sagen wollen, als du ihren Zirkus bemerkt hattest?“, hinterfragte ihre Freundin nochmal.
Seufzend nickte sie. Sie wollte Tina helfen. Sie wusste nicht, ob sie ihr helfen durfte. Sie wollte. Sie könnte. Also, vielleicht.
Aber durfte sie?
Sachte befreite sie sich aus der Umarmung der zittrigen Mitschülerin. Ihre Augen waren so rot. So erschöpft. Das Mädchen brauchte eine Pause. Aber sie konnte nicht ins Sekretariat. Und somit kam sie weder ins Krankenzimmer noch konnte sie sich nach Hause schicken lassen.
Nicht, solange sie sich vor Betty fürchtete.
„Und wenn wir dir irgendwie helfen würden?“, fragte Liane still.
Für einen Moment blickte Tina sie überrascht an. Dann schüttelte sie jedoch so heftig den Kopf, dass er beinahe abfiel.
„Nein. Das ist meine Baustelle“, murmelte sie, „Ich … Ich habe euch schon genug Probleme beschert.“
Das Klingelzeichen unterbrach ihr Gespräch und sofort eilte die andere zur Tür.
„Ich war wohl nur hergekommen, um … Entschuldige. Das wollte ich sagen. Ich hatte Betty nicht helfen wollen. Ich hatte nur- Also: Entschuldige!“, damit floh sie nach draußen.
„Okay?“, Shiloh verschränkte die Arme vor der Brust, „Und das kaufst du ihr wirklich ab?“
Liane begutachtete ihre verletzte Hand. Die Papierhandtücher waren etwas verrutscht. Dennoch hielt der provisorische Verband. Die Wunde darunter war etwas Reales. Genauso wie ihr Talisman.
Genauso wie Tinas Angst.
„Ja“, hauchte sie, „Lass es bitte, ja? Wenn Betty Tina wirklich noch Probleme bereitet, möchte ich ihr nicht noch mehr auflasten.“
„Huh“, Shiloh drückte die Tür auf, „Du bist zu lieb.“
