M: Schrei dich in Sicherheit

Der Mann lief den dunklen Flur entlang. Sein Zeigefinger glitt lautlos über die Klinge eines Messers. Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht.

Nebenan zog sich das Mädchen aus. Sie ließ Wasser in eine große Badewanne laufen. Sie summte.

Der Mann öffnete die Tür einen Spalt. Er hob die Klinge, grinste, seine Augen strahlten wie die eines Wahnsinnigen. Er-

Philip schrie panisch auf und versteckte sich hinter dem Sofakissen. Sein Papa lachte unbeholfen. Sein Dad fluchte. Kurz darauf verstummte der Film.
Die Deckenlampe erstrahlte und kitzelte den Jungen mit ihrem sanften Licht.

Dennoch zuckte er zusammen, als sich eine Hand auf seinen Rücken legte.

„Sollen wir lieber ausmachen?“, fragte sein Dad besorgt.

Ausmachen. Ja. Das wäre wirklich das Beste. Das war bereits das dritte Mal, dass er so reagierte. Philip verstand ja nicht einmal, warum! Es war doch nur ein Film … oder?

„Ist dir aufgefallen, dass die Szenen nicht mit Musik unterlegt wurden?“, mischte sich sein Papa nachdenklich ein, „Und die Kameraführung schwenkt gerne in die erste Person. Vielleicht ist das noch etwas viel für ihn?“

Erst wollte er Finnegan zustimmen. Er traute sich dafür sogar, das Sofakissen zu senken. Nur …

Abrupt schüttelte er den Kopf: „Nein! Wir sehen weiter. Ich schaff‘ das!“

„Du hast geschrien wie ein Mädchen“, zog ihn ihr Bodyguard Joshua auf, der am Fenster lehnte und unbeteiligt nach draußen schaute.

„Gar nicht wahr!“

„Gut. Dann wie ein kleines Mädchen.“

„Ich schreie nicht wie ein kleines Mädchen!“

„Habe ich schreien gesagt? Ich meinte quietschen. Pass bloß auf, sonst zerspringen die Gläser“, beherzt lachte der Mann auf und Philip blieb nichts anderes übrig, als beleidigt wegzusehen.

Wenn Joshua so laut plärrte, kam eh nichts mehr bei ihm an.

„Ich habe doch gesagt, dass es noch nichts für dich ist“, entschieden stand sein Dad Cormag auf und ließ die DVD auswerfen, „Nächstes Jahr vielleicht.“

„Aber in der Schule reden alle dieses Jahr über den Film! Es gibt nichts Bekannteres. Wenn ich ihn nicht sehe, werden sie mich auslachen!“, rief Philip hastig aus.

Unbeirrt schüttelte sein Dad den Kopf: „Phil … Bitte. Bürde dir das nicht auf, ja? Das ist nur Alptraummaterial.“

„Daddy!“

Cormag zuckte zusammen.

Philip hatte seinen Trumpf extra bis zum Schluss aufgehoben. Noch nie hatten seine Väter ihre Kosenamen ignorieren können: Daddy und Papi. Wenn er die beiden so nannte, würden sie stets Himmel und Hölle für ihn in Bewegung setzen.

Und sie alle wussten es.

Hilfesuchend wandte sich Cormag seinem Partner zu. Philip konnte sehen, wie viel Verzweiflung in dem Blick lag. Er bat um Hilfe. Um einen Ausweg!

„Phil, meinst du nicht, dass du erstmal darüber schlafen solltest? Heute ist Samstag. Wir können morgen immer noch weitersehen.“

Kurz dachte der Junge über das Angebot nach. Jedoch … Sie hatten die DVD nur bis morgen Mittag ausgeliehen. Also tickte die Uhr. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Er durfte nicht nachgeben!

„Nein! Ich schaffe das. Bitte! Papi!“, er warf sich in die Arme seines anderen Vaters und drückte ihn ganz fest.

Finnegan musste einfach nachgeben! Er war eh nicht so sehr darauf fokussiert, Philip immerzu in Watte einzupacken. Wenn er also auch dieses Mal etwas entspannter sein könnte …

„Phil …“, mischte sich sein Dad nun unschlüssig ein, „Ich weiß nicht …“

„Ach, lasst ihn doch. Der Knabe ist keine drei mehr“, grinsend beugte sich Joshua über das Sofa, „Je früher er die wahre Welt da draußen kennenlernt, desto besser. Kann ihn nur abhärten.“

„Vielleicht möchte ich aber nicht, dass mein Sohn abgehärtet wird!“, empört verschränkte Cormag die Arme vor dem Körper.

Philip schluckte. Dennoch kam er nicht umhin, ihrem Bodyguard einen dankbaren Blick zu schenken.

Jedoch … Joshuas Augen wirkten plötzlich so … tot?

„Wäre Ihnen ein Leichensack lieber, Mr. Campbell? Wenn der Knabe die falschen Leute sieht und so quietscht, legen sie ihn sofort um. Ist das besser?“

Stille.

Unschlüssig blickte Philip zwischen den Beiden hin und her. Er wusste, dass seine Heimatstadt nicht die sicherste war. Merichaven zählte zu den kriminellsten Orten in ganz Suderien! Aber … Hinter ihren Bodyguards und eingeschlossen in den großen Wolkenkratzern der Stadt, ließen sich die Nachrichten und Vermisstenanzeigen leicht ignorieren.

Hier fühlte sich sein Leben an, als versteckte er sich täglich in einem riesigen Kissen.

Schleppend legte er das Sofakissen beiseite.

Mochten seine Klassenkameraden den Film deswegen so sehr? Selbst einige Mädchen hatten ihn gelobt! Er konnte nicht weiter die Augen verschließen, oder? Er musste … Er musste das große Kissen beiseite schieben … oder?

„Dad. Ich schaffe das“, erklärte er nochmal bestimmt, „Ich möchte nicht ausgelacht werden und … ich glaube, ich brauche das gerade.“

„Der Film ist noch nichts für dich!“

„Ich. Schaffe. Das“, wiederholte Philip stur, „Bitte. Vertraue mir doch!“

Sein Dad zuckte zurück. Er zitterte. Schloss die Augen. Atmete tief durch.

„Phil … Ich …“

„Was haltet ihr davon: Wir lassen das Licht an und rücken für den Film noch etwas zusammen“, unterbrach Finnegan sie seufzend, „Wenn es zu gruselig wird, machen wir eine Pipipause und fallen übers Popcorn her. Ja?“

„Au, ja!“, Philip drückte seinen Papa an sich, „Das ist klasse! Oder? Dad?“

Doch der Andere hatte sich noch nicht wieder gefangen.

„Du … willst wirklich?“

„Wir müssen Phil vertrauern. Er muss seine eigenen Grenzen finden“, erklärte Finnegan ungerührt und warf ihrem Bodyguard ein Grinsen zu, „Außerdem ist es Training. Mit dem Geschrei könnte unser Philly jeden um den Verstand bringen! Und dein Job, Cormy … nun ja, er birgt Risiken.“

„Soll. Heißen?“, kühl schlugen die Worte aufs Sofa ein.

Doch Philips Papa zuckte nur mit den Achseln: „Wenn ich ihn entführen würde, wäre mir mein Gehör wichtiger als ein bisschen Kleingeld, hm?“

Nachdenklich stimmte sein Dad zu. Selbst Joshua klatschte lachend Beifall.

Einzig der siebenjährige Junge starrte seinen Papa verdattert an.

Er sollte … Schreien üben?

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