K: Nicht zurück

„Stevie … Komm her …“

Zögerlich trat der Junge an das Bett, in dem sein zittriger Großvater lag. Erst gestern hatte er einen Krankenwagen für den alten Mann rufen müssen. Für Otto Naar, hatte der Vierjährige ins Telefon geschluchzt, für seinen Opa.

Er war so überfordert gewesen. Die Frau am Telefon hatte ihre Adresse wissen wollen. Und was sein Großvater hatte. Und was passiert war!

Steve hatte nur schluchzen können.

„Was ist?“, fragte er leise. Seine Finger strichen über die zerknitterte Haut seines Großvaters. Sie wirkte so zerbrechlich. Und seit wann war sie so blass? Warum hatte sein Opa die Ärzte rausgeschickt? Warum hat er irgendeine Frau rufen lassen, statt sich weiter versorgen zu lassen?!

„Stevie …“, die Hand spannte sich an, dann sackte sie wieder in sich zusammen, „Du musst … stark sein. Stark … Und … bleib ehrlich … Deine beste Tugend … Verstehst du?“

Steve nickte, wenngleich er den Worten kaum folgen konnte. Es machte keinen Sinn! Alles machte keinen Sinn! Was sollte eine Tugend sein? Warum sollte er stark sein? Er war doch eh stark! Das hatte sein Großvater ihm viel zu oft gesagt!

„Opa? Ich mag es hier nicht“, erklärte er stattdessen, „Hier stinkt es und alle sind so unfreundlich.“

Sein Großvater lachte kurz auf.

Dann verfiel er in einen Hustenanfall.

Erschrocken sprang der Junge auf und griff hastig nach dem Wasserglas auf dem Nachttisch. Dass er die Hälfte davon verschüttete, noch ehe es bei Otto Naar ankam, ignorierten sie beide. Unbeholfen trank sein Opa aus dem Gefäß, das Steve nicht recht zu halten wusste. Erst nachdem der alte Mann den letzten Schluck geleert hatte, schien es ihm wieder besser zu gehen. Seine Hand schob die des Jungen beiseite. Das Glas fand seinen Weg zurück auf den Nachttisch. Sein Blick legte sich klarer auf Steve. Seine Stimme wirkte voller.

Es war erstaunlich, wie das Wasser ihm immerzu helfen konnte.

„Hier ist es wirklich nicht schön“, lächelte ihn sein Großvater an, „Keine Sorge. Du musst nicht mehr lange hierbleiben.“

Etwas an der Aussage brachte Steve ins Grübeln. Sein Großvater klang plötzlich so … entschlossen und traurig zugleich? Warum? Hatte das mit dem Arzt zu tun, der den Jungen vorhin aus dem Zimmer gebeten hatte? Seither wirkte der alte Naar so ausgelaugt.

Es machte ihm Angst.

Entschlossen wies er das Gefühl von sich. Sein Opa hatte gesagt, dass er nicht mehr lange hierbleiben würde. Das war doch etwas Gutes! Das bedeutete ja-

„Dann gehen wir bald wieder nach Hause? Geht es dir schon so gut?“, fragte er seinen Großvater, „Wir müssen auch die Gurken wieder gießen. Sonst geht uns die Ernte ein!“

Das Lächeln des Mannes zuckte leicht.

„Stevie? Ich glaube nicht, dass wir … die Gurken noch … ernten können … Ich habe … nach … nach jemanden … geschickt … Für dich.“

Irritiert trat der Junge vom Bett weg. Nach jemanden geschickt? Aber … Nach wem? Sein Großvater hatte keine Freunde. Steves Eltern waren tot und über ihre restliche Familie wollte der alte Mann nicht sprechen, seitdem er sich mit seinem Bruder Oscar verkracht hatte.

„Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte“, grüßte eine Stimme aus der Tür, als eine blonde Frau eintrat. Neben ihr stand ein kleines dunkelhäutiges Mädchen, dass sich an ihrer Hose festklammerte. Beide sahen etwas zerzaust aus. Sie atmeten flach und in den Haaren des Kindes steckte ein kleiner Ast.

Steve starrte in die Augen des Mädchens. Die schwarzen Seelenspiegel starrten stumm zurück. Sie wirkten so verängstigt und unsicher. Ganz anders als die Blicke, die er von den Dorfbewohnern gewohnt war!

„Sabine … Sabine Louis?“, fragte sein Großvater schwach.

„Genau. Ich leite das Waisenhaus östlich vor Kriegsheim“, erklärte die Frau sogleich, „Es hieß, dass sie mich gerufen hätten. Ich nehme an, es geht um ihren Enkel?“

Nun wurde Steve hellhörig. Erschrocken sah er zwischen den Erwachsenen hin und her. Was ging hier vor sich? Worüber sprachen sie? Was sollte mit ihm sein?!

„Mein Sohn und seine Frau … Beide tot … starben bei Unruhen, als sie- egal. Sie wollten … Gutes tun … Immer nur … Gutes tun … Das hat ihnen … das Leben geraubt …“, er hievte sich stöhnend in eine sitzende Position, „Die Familie meines … meines Bruders ist … wahnsinnig … Ich kann nicht … nicht zulassen, dass Stevie … dass Stevie zu ihnen … geschickt wird, wenn ich-“

Ein Hustenanfall suchte seinen Großvater heim und eilig suchte Steve nach einem Glas Wasser. Aber dieses war alle. Genauso wie die Flasche daneben. Und der Junge wusste doch nicht, wo er Neues herbekommen könnte!

Warum half die Frau seinem Opa nicht?!

„Ich brauche Wasser“, erklärte er daher der Erwachsenen, ehe er sich wieder dem alten Mann zuwandte, „Alles wird gut, Opa. Alles wird gut. Hörst du? Du brauchst dir keine Sorgen machen“, er strich über den blassen Arm.

Jeder Husten schüttelte den alten Mann noch heftiger durch.

„Hören Sie auf, an etwas zu hängen, von dem sie längst loslassen sollten“, entgegnete die Frau plötzlich direkt neben ihnen. Ihre Finger ruhten neben Steves auf der zerknitterten Haut und allein die Berührung schien seinen Großvater zu helfen.

Der Husten ebbte ab.

„Familie ist nicht … nicht gleich Familie … Stevie … er darf nicht …“

„Er ist gut bei uns aufgehoben“, entgegnete die Frau entschlossen.

„Halt! Stopp! Was soll das? Wovon sprecht ihr da? Opa! Wir müssen doch nach Hause und die Gurken ernten! Du hast gesagt, dass wir nicht mehr lange hier sein werden. Wir müssen-“, Steve brach ab, als die müden Augen auf ihm landeten.

„Bleib ein ehrlicher Junge … mein Kleiner. Und … mach deine Eltern … stolz.“

Ein langes Piepen erklang. Schrill peitschte es durch Steves Körper. Eine rothaarige Schwester eilte ins Zimmer. Dann ein Arzt. Der Junge sah, wie sie sich über seinen Großvater beugten. Aber er verstand es nicht. Stattdessen ließ er sich bereitwillig von dieser Sabine aus dem Raum führen. Er lauschte, wie sie mit jemandem sprach, hörte aber nicht zu. Er konnte nicht mehr zuhören. Er konnte nicht-

„Es wird leichter.“

Erschrocken blickte er zu dem anderen Mädchen. Sie war nur ein kleines Stückchen kleiner als er. Ihre dunklen Augen schienen direkt in seine Seele zu starren. Ihre Hand klammerte sich an seine, während die blonde Frau mit der Schwester zu einem Schalter ging.

Wann war die rothaarige Schwester von seinem Großvater zurückgekehrt? Warum war sie hier? Wo war sein Großvater? Warum war er nicht mit hier? Warum-

„Schau nicht zurück.“

Steve hielt mitten in der Bewegung inne. Die Stimme des Mädchens hatte etwas Melodisches. Sie war so anders als das Piepen, das ihn noch immer peinigte.

„Zurück?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits ahnte.

„Zurück“, wiederholte das Kind, als wäre es selbsterklärend.

Nickend drückte er ihre Hand etwas. Es beruhigte ihn, dass sie da war. Er fühlte sich, als ob er bei ihr bleiben konnte … musste. Als ob er nicht zurücksehen durfte!

„In Ordnung …“, ihre Hand war etwas kühler als seine, „In Ordnung.“

„Kathleen? Steve? Kommt ihr? Wir müssen pünktlich zurück sein, damit ich rechtzeitig mit dem Mittagessen beginnen kann“, rief ihnen Sabine zu und willenlos ließ sich Steve von dem Mädchen den Gang entlang führen.

Etwas an dem letzten Anblick seines Großvaters hatte dem Jungen eine wahnsinnige Angst eingejagt. Er wollte zurück, um seinen Opa ein letztes Mal zu sehen. Aber auf der anderen Seite fürchtete er sich davor. Er wusste, dass sein Opa viel zu lange mit dem Husten gekämpft hatte. Und nun konnte er ihn nicht mehr husten hören.

Stumm rollten Steve ein paar Tränen über die Wangen und plötzlich drückte Kathleen erneut seine Hand.

„Nicht zurück“, flüsterte sie, als sie ihn aus dem Gebäude brachte, „Zurück nicht gut …“

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