Fujis Auferstehung

Manche Erinnerungen verblassen über Nacht – wie ein flüchtiger Traum, der sich in der Tür geirrt hatte. Andere vergehen mit der Zeit – wie ein Baum, der seine Äste schläfrig gen Himmel reckt. Am Ende sind sie alle nur wirre Schatten, die zwischen unendlich vielen Gedanken umherschwirren. Befangen flattern sie durch den Geist. Nehmen unklare Formen an. Erkennen das Déjà-vu. Lassen es im Winde vergehen. Schweben in Nostalgie, die sie nicht verstehen …

Das Leben ist zu kurz für eine solche Gedankenflut.

Die Wassertropfen schoben sich näher zusammen. Unruhig flogen sie durch die Atmosphäre – verzerrt von Wind und Wetter. Die kleine Wolke hatte sich erst vor Kurzem gebildet und wäre seitdem schon mehrere Male beinahe von größeren verschluckt worden! Unwillkürlich traf sie stattdessen auf eine kleinere und verschmolz mit dieser.

Es krachte.

Gewaltig ragte eine finstere Wolke neben ihr auf und strich wortlos an ihr vorbei. Zwischen ihnen prickelte die Luft. Die Atmosphäre versuchte, Nieser aus ihnen zu kitzeln. Der Wind juckte. Die Sonne versteckte sich hinter einem Schleier von grauen, dunklen Massen.

Das Bild von einem freudigen Feuerball schoss durch den Kopf der kleinen Wolke.

Dann war es wieder weg. Die Wolke wunderte sich, was diese Sonne sein sollte. Was war dieser Feuerball? Warum leuchtete er so? War das normal? Tat das nicht weh?

Hastig schob der Wind die Wolke fort. Sie spürte, wie sich ein Strudel im Himmel bildete. Ein Teil von ihr riss fast ab und sie verglich den Schmerz damit, auseinanderzufallen. Zu zerbrechen. Auf den Boden zu stürzen. Auf diesen kalten Erdboden, der doch Wasser brauchte!

Ein Leuchten durchzuckte den Himmel. Dann ein weiterer Knall. Plötzlich ratterte es. Steiniger Regen fiel durch sie hindurch. Erinnerungen spiegelten sich in den harten Tropfen, während sie durch die Wolke peitschten. Hinzu gesellten sich Ängste. Träume. Hoffnungen.

Er hatte der Welt Leben schenken wollen.

Ein neuer Lebenswille durchdrang die Wolke. Überrascht klammerte sich Fuji daran fest. Erinnerungen kehrten zurück. Seine Erinnerungen.

Nein. Er durfte sich nicht hier ergießen. Er hatte sich vorgenommen, Gutes zu tun. So etwas ging nicht, wenn er sich von dem Treiben der anderen Wolken hinreißen ließ. Er musste seinen eigenen Weg finden. Er musste den Ort finden, an dem er gebraucht werden würde!

Entschlossen zog sich Fuji zusammen. Er konzentrierte sich. Kämpfte gegen den Wind an. Riss sich aus dem Unwetter heraus. Fort aus dem Chaos, weg von dem Zorn und dem Hass, den die anderen Wolken einander zuwarfen. Er entzog sich ihren Gefühlen, ihrem Einfluss. Wahrte Abstand. Flog weiter. Flog fort.

In die Freiheit des endlosen Himmels.

Hinter Fuji blitzte und donnerte es. Es war ein neues Ausmaß der Gefühle. Langsam wurde ihm klar, dass er sich unbewusst zusammengesetzt hatte. Die Wassertropfen in ihm hatten ihre Verwandten gesucht. Sie hatten zueinander gefunden. Sie hatten sich umarmt. Hatten an einander festgeklammert!

Und dann?

Plötzlich war er wieder Fuji. Er fühlte sich zwar noch krumm und schief, aber er war vollständig. Übersäht mit Narben, aber frei. Einst zerrissen, aber endlich wieder zusammengeflickt.

Ein großer metallischer Vogel sauste an ihm vorbei und irritiert beobachtete Fuji die Karosserie.

Was er wohl alles verpasst haben mochte?

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