K: Keine Medizin!

Tom musste auf die harte Tour lernen, dass das Leben nicht immer mit Fairness glänzte. Ob es nun der frühe Tod seiner Mutter, sein ihn misshandelnder Vater oder gar der Kampf nach einem normalen Leben war. Alles forderte seinen Preis. Alles zerrte an ihm.

Und nicht alles wusste er zu bestimmen.

Vielleicht hatte er deswegen mit seinen knapp sechzehn Jahren die Vaterrolle für einige der anderen Waisen eingenommen. Immerhin wusste er nur zu gut, wie sich ein Vater nicht zu verhalten hatte. Er wusste, was ein Vater nicht tun sollte. Was er nicht zu sagen hatte. Was er seinen Kindern niemals zumuten durfte …

Aber das bedeutete noch lange nicht, dass er immerzu wusste, was er sagen sollte.

„Christoph? Mach bitte die Tür auf“, Tom klopfte erneut gegen das Holz – dennoch bemühte er sich aber, die Stimme nicht anzuheben.

„Nein! Keine Medizin! Medizin böse! Medizin schlecht!“, schrie ihm der Dreijährige entgegen, als würde es um sein Überleben gehen.

Seufzend drehte Tom sich um und sah durch den Flur. Ein paar erschrockene Augen blickten vom anderen Ende zurück. Es war nur ein kurzer Moment, ehe der brünette Schopf die Treppe hinauf verschwand, allerdings hatte er den Ausdruck in den Seelenspiegeln erkannt.

Er hatte die Angst erkannt.

Na toll. Nicht nur, dass sein quengelnder Mitbewohner ihn ausgesperrt hatte, nun hatte er auch noch das neue Mädchen verängstigt, das erst seit wenigen Tagen bei ihnen wohnte! Sie war doch eh schon so still. Selbst diese winzige Melanie war mittlerweile bei ihrer Sabine und seiner Freundin aufgetaut. Aber die neue?

Er wünschte sich seine ältere Stiefschwester zurück. Sie hatte ein besseres Händchen für Kinder. Sie hatte verstanden, was die Kleinen brauchten. Was er brauchte.

Ein Husten hinter der viel zu dünnen Wand lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf das jüngste Mitglied ihrer schrägen Familie.

„Komm schon, Christoph“, Tom klopfte nochmal sachte gegen die Tür und besann sich darauf, Ruhe zu bewahren, „Du hustest schon wieder. Willst du etwa die anderen anstecken? Was ist mit mir? Soll ich auch krank werden?“

Unschlüssig, ob das Schweigen ein gutes Zeichen war, begann Tom auf seinen Ballen auf und ab zu wippen.

„Sabine hat Melanie und Niklas vorhin dieselben Tabletten gegeben und seitdem geht es ihnen doch besser, oder nicht?“

Er beschloss, nicht weiter darauf einzugehen, wo die drei ihre Hustenanfälle herhatten. Immerhin hätte Paul auf die Kleinen aufpassen sollen. Stattdessen hatte sein jüngerer Stiefbruder ein Mädchen aus dem Wald aufgelesen.

Dasselbe, das er gerade – wie auch immer – verängstigt hatte.

„Kommt er immer noch nicht raus?“, meldete sich plötzlich Benjamin neben ihm und überrascht sah er auf den neunjährigen Jungen herab.

„Er scheint etwas gegen die weißen Pillen zu haben. Aber Sabine ist extra bis nach Havbolt gefahren, um die Dinger zu holen, also …“, seufzend schüttelte Tom den Kopf.

Er wollte nicht, dass ihre Ziehmutter sich die Mühe umsonst gemacht hatte. Sie alle waren ihr viel zu viel schuldig. Sie hatte Tom von der Straße aufgelesen. Sie hatte sie aufgenommen. Einem nach dem anderem hatte sie ein Dach über den Köpfen geschenkt. Sie gab ihnen warme Mahlzeiten. Sicherheit. Geborgenheit.

Liebe.

Tom wusste, dass viele Menschen so etwas für selbstverständlich hielten. Er sah es ja jeden Tag bei seinen Mitschülern. Und bei den Kindern im Dorf. Diese Erwartungshaltung der anderen Menschen, die sich kein Leid der Welt vorstellen konnten!

Und dennoch …

Jeder in diesem Haus hatte das Leben von der anderen Seite aus kennengelernt … Er hatte Sabine mit der Papierwirtschaft geholfen, nachdem Janine, die ursprünglich Älteste von ihnen, ausgezogen war. Er hatte die Briefe von den Müttern gelesen, die Niklas und Benjamin bei Sabine gelassen hatten. Er hatte Melanies Tante gelauscht, als diese von einer Lebensversicherung sprach, die auf die Vierjährige abgeschlossen wurde, damit ihr eigener Vater sich Geld erschleichen konnte. Er war dabei gewesen, als Paul schwer verwundet vor ihrer Tür zusammengebrochen war, weil ein alkoholisierter Fahrer in das Auto seiner Eltern gekracht war. Er hatte zugehört, als seine Freundin Anja ihm leise von dem Horror gebeichtet hatte, der ihr widerfahren war …

Es waren alles Geschichten, die Tom am liebsten vergessen wollte. Die er aber nicht vergessen konnte. Die er nicht vergessen durfte!

Stattdessen musste er seinen Stiefgeschwistern helfen, ganz normale Kinder sein zu können. Er musste ihnen helfen, sich einzuleben. Gesund zu werden. Keine Angst mehr zu haben.

Komme was wolle.

„Maggie hat gesehen, wie ich zu Chris wollte und schien etwas verängstigt. Kannst du nach ihr sehen?“, fragte er Benjamin mit neuer Entschlossenheit.

„Meinetwegen“, schulterzuckend verschwand der Jüngere nach oben und Tom wandte sich wieder der Tür zu.

„Chris … Ich weiß nicht, was dir vorher geschehen ist. Du hast es mir nicht erzählt, seitdem du mich damals umgerannt hast. Du warst so scheu und verängstigt. Weißt du noch? Ich musste dir versprochen, dass wir niemanden anrufen werden und daran haben wir uns auch gehalten. Hörst du?“, Tom wartete einen Moment, ehe er weitersprach, „Ich habe dir versprochen, dass dir hier niemand wehtut. Ich habe dir versprochen, dass du hier sicher bist. Dass du mir vertrauen kannst. Dass ich dir immer helfen werde … Aber das kann ich nur, wenn du auch mit mir redest. Das kann ich nur, wenn du mir sagst, was los ist. Wenn du die Tür öffnest.“

Die Stille des Flures quetschte ihn in einem Würgegriff. Tom spürte die Unsicherheit. Sie nahm jede Phase seines Körpers ein. Zermürbte ihn wie eine gewaltige Mühle.

Hatte er zu viel gesagt? Zu wenig? War es verkehrt gewesen? Kam es dem Kleinen wie ein Vertrauensbruch vor, dass er es gar ansprach?

Wie sehr er sich doch Janine zurückwünschte! Warum war sie nur ausgezogen? Hätte sie nicht bleiben können? Er könnte ihre Hilfe gerade sehr gut gebrauchen!

„Du hast … keine Medizin?“, die leise Stimme ließ ihn beinahe Freudensprünge machen.

„Nein. Ich habe keine Medizin bei mir“, stimmte er seinem Stiefbruder zu und kratzte sich unsicher am Handgelenk.

Zögerliche, tapsige Schritte näherten sich der Tür. Tom lauschte den Geräuschen angestrengt. Dem stillen Husten. Er glaubte zu hören, wie Christoph zu überlegen schien. Wie er mit sich rang.

Wie er den Schlüssel umdrehte.

Tom bemühte sich, zu warten. Er wollte dem Jungen noch etwas Zeit lassen. Nur einen Augenblick, in dem er es sich notfalls noch einmal anders überlegen konnte.

Doch da starrten ihn die grünen Augen bereits unsicher an.

„Papa hatte auch Medizin … Aber … Medizin war schlecht. Medizin war böse. Medizin … hat-“, der Junge wedelte mit den Händen, als wären sie eine bessere Beschreibung als tausend Worte.

Tom kniete sich nieder und beobachtete die Augen des Kleinen. Die Augen, die einen entfernten Ausdruck annahmen. Die irgendwie diese Medizin zu vermissen schienen, die sie aber dennoch fürchteten. Er erkannte Unruhe in diesem viel zu jungen Gesichtszügen. Eine Angst auf etwas Unbekanntes, das Christoph viel zu früh kennengelernt hatte. Das sein Leben schon viel zu früh bestimmt hatte.

„Das da unten ist nicht andere Medizin“, entgegnete er, „Aber … Wenn du nicht willst, musst du sie nicht nehmen, ja? Solange du kein Fieber kriegst.“

Überraschung mischte sich in den Blick des Jungen. Überraschung. Erleichterung. Hoffnung. Vertrauen.

Und Dankbarkeit.

Tom hatte noch nie zuvor so viel Dankbarkeit gesehen.

„Na los … Du hattest dein Mittag nicht aufgegessen. Lass uns runtergehen, sonst verdrückt Flo vielleicht noch deine Portion“, er wich den Augen aus und ging zur Treppe. Perplex, dass sich plötzlich eine kleine Hand in seine kuschelte.

„Sabine … nicht böse?“

„Sie wird schon mit klarkommen“, bemerkte Tom schulterzuckend und wagte einen Blick auf den Jungen.

Mit jedem Schritt ging er aufrechter. Sein Gang wirkte sicherer. Erleichterter. Er hustete zwar leise, doch schien es ihm ansonsten gut zu gehen. Der Ältere konnte kaum in Worte fassen, wie schnell sich der Junge in sein Herz geschlichen hatte.

Dabei wollte er ihn vor einer halben Stunde noch notfalls dazu zwingen, die Tabletten zu nehmen!

„Tom!“, Anja kam stolpernd vor ihnen zum Stehen. Überrascht sah seine Freundin sie beide an. Sie suchte seinen Blick. Nickte sachte zu der Zeitung in ihren Händen. Schien sich so sehr auf die Zunge zu beißen!

„Chris, warum gehst du nicht schon mal vor? Ich komme auch gleich nach, ja?“, wandte er sich an den Jungen, der auf einmal deutlich näher neben ihm stand.

„Aber- Sabine?“, die grünen Augen wirkten verunsichert, als würde er Probleme von der Betreuerin erwarten.

„Sabine ist kurz Melanie ins Bett bringen gegangen. Wir sind bei euch, ehe sie zurück ist“, erklärte seine Freundin und machte Christoph etwas mehr Platz, „Dauert keine fünf Minuten.“

Zögerlich nickte der Junge und Tom beobachtete, wie er unter Anjas strengem Blick ins Esszimmer trappte.

„Was ist?“, flüsterte er und überbrückte die Distanz zwischen ihnen zügig, „Du siehst aufgewühlt aus.“

„Ich weiß, warum Chris keine Medizin will“, murmelte sie und hielt ihm einen Artikel unter die Nase.

Ausgebranntes Drogenlabor – Vater tot, Sohn vermisst, lautete die Überschrift. Darunter ein Bild von Christoph mit einem älteren Mann.

Zügig sog Tom die Absätze in sich auf.

„Sein Vater stand bereits im Verdacht, seine chemischen Kreationen an seinem Kind ausprobiert zu haben? Und das Jugendamt ist nicht eingeschritten?“, entfuhr es ihm lauter, als er es eigentlich zulassen wollte.

„Niemand hatte sich nach dem kleinen Christoph erkundigt. Seine Mutter gilt laut dem Artikel seit zwei Jahren als vermisst. Die restliche Familie scheint sich nicht weiter für ihn interessiert zu haben“, Anja legte ihre Hand auf seine, „Er hatte keinen, der sich für ihn eingesetzt hatte. Er hatte niemanden, der ihm geholfen hatte. Keine Familie. Keine Freunde. Deswegen muss er von zu Hause weggelaufen sein. Deswegen wurde er so panisch, als Sabine nach seinen Eltern fragte. Deswegen will er keine-“, sie wies mit ihrer Hand zum Esszimmer hinter ihr.

Aber Tom verstand sie auch so. Deswegen wollte dieser kleine Junge keine Medizin. Keine Tabletten. Keine Spritzen. Diese Erfahrungen mit den Drogen seines Vaters mussten ihn verstört haben. Sie hatten dem Jungen das Üble auf der Welt gezeigt, ehe dieser gar lesen und schreiben konnte!

Und wer wusste, was solche Väter ihren Kindern noch antaten …

„Hier wird ihm nichts geschehen“, versprach er nicht nur Anja, sondern auch sich selbst, „Keine Medizin.“

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