K: Exquisia Exquisé

„Flo?“, fragte Benjamin zögerlich und betrachtete die Verpackung vor sich verwundert. Er stand vor Kaylas Kühlschrank – drei mauzende Katzen zwischen seinen Beinen, von denen ihm der Größte die Hosenbeine mit seinen Krallen durchlöcherte.

„Was denn?“, erklang die verschlafene Antwort seines Stiefbruders von nebenan und kurz darauf erschien dieser in seinen Cartoonboxershorts und einem viel zu großen Comicshirt. Zerzaust standen seine Haare in alle möglichen Richtungen ab, während er versuchte, nicht über die heulenden Vierbeiner zu stolpern, die nun auch von ihm ein drittes Frühstück verlangten.

Aber Benjamin zeigte nur verunsichert auf die kleine blaue Box zwischen der Butter und ein paar Joghurts. Während diese auf dem ersten Blick recht normal erschien und ihm bei der Wohnungsübergabe nicht weiter aufgefallen war, so fragte er sich nun – drei Tage später – wirklich, was da drinnen war. Das Plastik schien beschlagen zu sein und von innen schimmerten ungewöhnliche Farben hindurch.

Dieser Becher hinterließ ein beklemmendes Gefühl in ihm.

„Vielleicht irgendein Aufstrich?“, gab Florian nuschelnd von sich und zuckte mit den Schultern.

Also hatte Kayla ihm auch nichts dazu gesagt …

„Mich beschleicht ein ungutes Gefühl“, Benjamin ließ den Blick durch den restlichen Inhalt des Kühlschranks wandern. Vorgestern hatte er einen Milchkarton vom letzten Monat entsorgt und vorsorglich die Eier mit entfernt. Den Plastikcontainer hatte er dabei jedoch übersehen.

Sollten sie die Box öffnen? Was, wenn es sich als Büchse der Pandora erwies? Aus irgendeinem Grund wollte er sie lieber schnellstens dem Mülleimer übergeben … Aber was dann? Sie liehen sich diese Wohnung und die komplette Ausstattung ja eigentlich nur. Was, wenn sie etwas wegwerfen würden, an dem Kayla hing? Würde sie ihnen die Hölle heiß machen? Ihre Schwester Cassey hatte zwar gemeint, dass die beiden Waisen sturmfrei hätten und sie ihnen notfalls helfen würde. Trotzdem entkräftete das nicht seine akuten Sorgen.

„Reg dich ab, es ist nur ‘ne Dose“, erwiderte Florian und rettete mit einem großen Schritt seine Boxershorts vor dem großen rothaarigen Plüschmonster von einem Kater.

„Abe-„

Weiter sollte Benjamin mit seinen Bedenken nicht kommen. In dem einen Moment drehte er sich noch um, um sich seinem Stiefbruder vollends zuzuwenden und im nächsten spürte er schon etwas Pelziges an seinem Arm vorbeifliegen. Er erkannte, dass Minka, die Jüngste und Kleinste der Mauzbrigarde an ihm vorbeigesprungen war, um sich auf die Butter zu stürzen. Im letzten Moment packten seine Finger den Schwanz des Raubtieres. Sie jaulte und verfehlte das anvisierte Lebensmittel um Haaresbreite.

Doch nicht, ohne ihren Tribut einzufordern.

Scheppernd landete die blaue Plastikbox auf dem Boden. Der Deckel sprang ab und rutschte unter den Ofen. Der Inhalt jedoch landete mit einem ungewöhnlichen Schmatzgeräusch auf den Fliesen.

Das erste Indiz, dass etwas nicht stimmte, waren die anderen beiden Vierbeiner, die ohne eine weitere Mahlzeit fluchtartig den Raum verließen.

Das zweite Indiz war der Gestank.

Ein Geruch, der von Deos und Rosen nicht zu überdecken war, ergoss sich durchs Zimmer. Benjamin hätte schwören können, einen giftigen Nebel vor sich ausmachen zu können. Eine grüne Wolke, die nach Tod, Verderben und vielleicht einer Prise Zimt roch, brach über sie herein. Sie eroberte jegliche Nasen mit dem Versprechen der totalen Verätzung. Ein Versprechen, das selbst Buttersäure nicht einlösen konnte.

Vor Schreck sprang er in den Kühlschrank hinein und ließ die panische Minka los, um sich vor einer Nasenvergiftung zu schützen. Der Waise spürte, wie sich die frisch geöffnete Milch über seine Schultern ergoss und seine Hand in etwas kühles weiches griff, während die kleine Raubkatze in einer akrobatischen Meisterleistung auf den Rand der Spüle und dann aus dem Fenster in einen Baum flüchtete.

Dort vor ihm auf dem Boden lagen die bunten Überreste eines Brotaufstriches. Das Etikett mit der Aufschrift Exquisia Exquisé konnte er nur teilweise neben der halb-flüssigen, halb-festen Kolonie von Bakterien ausmachen. Verdammt! Das war keine Kolonie von Bakterien, das waren Zivilisationen! Millionen, nein, Milliarden von mikroskopisch kleinen Lebewesen, die sich wahrscheinlich bereits inmitten eines atomaren Weltkrieges befanden!

Florians Fluchen ließ ihn an der blau-weiß-grünen Schleim-Schimmel-Flausch-Creme vorbei ans andere Ende des Zimmers sehen. Ein kleines Grinsen schlich sich auf Benjamins Gesicht und er versuchte, es hinter seinen immer noch an der Nase klammernden Händen zu verbergen.

Das war gerade zu schön, um wahr zu sein.

„Du wolltest dich um die Küche kümmern?“, fragte er den Comicliebhaber mit einem unschuldigen Blick und beobachtete, wie dieser zusammenzuckte.

„Du willst nicht zufällig tauschen?“, entgegnete der Andere verzweifelt, doch schüttelte Benjamin den Kopf.

Ja, es war verlockend, die Katzenklosäuberungen, Aquariumreinigungen, Fütterungen und das Badezimmer putzen gegen Küche, Böden und Einkäufe zu tauschen, allerdings ließ er seinen Stiefbruder schon immer zu viel durchgehen. Sie waren jetzt beide erwachsen. Sie mussten sich an ihre Vereinbarungen halten! Und wer sagte, dass Florian nicht übermorgen ihren Tausch rückgängig machen wollte?

„Nein.“

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