M: Weihnachtsfest

„Aber wenn man bedenkt, dass eine Zuwiderhandlung vorliegt und der Polizei erst verspätet eine Befugnis erteilt wurde, macht es schlussendlich die komplette Anklage nichtig“, erklärte Jasmine stolz und schweigend stimmte Jane den Worten zu.

Sie sah nicht zu ihrer großen Schwester oder ihrem Vater, die neben ihr saßen. Still beobachtete sie das Tannengesteck auf dem Tisch, während ihre Gedanken um vergangene Erinnerungen kreisten. Um Jack, der ihr geholfen hatte. Um die Konsequenzen, die ihm nun drohten. Um die Gleichgültigkeit, die ihr Vater ausstrahlte. Diese kalte Berechnung in seinen Augen.

„Gut. Deine Ausarbeitungen hast du fertig?“, fragte ihr Vater so uninteressiert, als würde er über anderer Kinder Hausaufgaben sprechen und nicht über einen der wichtigsten Fälle, die seine Kanzlei derzeit hatte.

Oder gar einen der skandalösesten, weil er ihn gar akzeptiert hatte.

„Ja, ganz so wie du wolltest, Vater“, Jasmine schob ein paar Blätter über den Esstisch. Weißes Papier, das sorgfältig mit einer Schreibmaschine beschrieben wurde. Es war der Wunsch ihres Vaters, alle schriftlichen Arbeiten so vorzulegen. Denn wäre auch nur ein Fehler auf einer Seite, so würde es noch einmal abgetippt werden müssen.

Korrekturen waren inakzeptabel.

„Gut. Ich werde es mir noch einmal durchlesen und es dann weiterleiten“, bemerkte er ruhig – ohne der Vierzehnjährigen gar ein Lächeln der Anerkennung zu schenken, „Geh und sieh nach, wie lange deine Mutter noch mit dem Essen braucht“

Sofort verschwand Jasmine. Mitleidig sah Jane ihrer älteren Schwester nach. Sie wusste, was nun kommen würde. Sie wusste, was ihr bevorstehen würde. Wovor sie sich am liebsten verstecken wollte.

Doch gab es kein Versteck der Welt, das sie vor den Augen ihres Vaters verbergen würde. Seine Augen sahen alles. Seine Ohren lauschten jedem Geräusch. Wenn sie je töricht genug wäre und wegliefe, könnte er sie binnen weniger Stunden selbst im tiefsten Graben dieser Stadt wiederfinden. Die einzige Möglichkeit zu verschwinden bestände darin, die Stadtgrenze zu überqueren. Doch ob das irgendjemand rechtzeitig schaffen konnte?

Da hatte sie mehr Hoffnungen auf ein ehrliches Lächeln in seinem Gesicht.

„Das passiert, wenn man Fehler macht. Es ist etwas, was du niemals wieder zulassen darfst. Ist das klar?“, streng peitschte seine Stimme durch den Raum und zügig senkte sie den Blick.

„Ja, Vater. Fehler dürfen wir uns nicht leisten“, entgegnete sie und wich sie seinem Blick aus.

Diesen grauen Augen. Die so gefühlskalt waren. Deren Leben einzig dem Tod gewidmet war. Diese Augen, die sie bereits viel zu oft dazu verdammt hatten, andere Menschen zu-

„Dieser Fall darf nicht vor Gericht landen. Der Ruf der Kanzlei darf nicht gefährdet werden. Jack mag für uns gearbeitet haben und er ist kein schlechter Junge, aber selbst wenn wir die Fehler der Polizei belegen können und er wieder auf freiem Fuß ist, so hängt seine Identität nur noch am seidenen Faden. Verstehst du, was das bedeutet?“

Die Kälte, mit der er ihr diese Frage stellte, ging Jane durch Mark und Bein. Sie wusste, worauf er hinauswollte. Sie wusste, dass es ihre Schuld war. Dass sie zu langsam gewesen war. Deswegen hatte sie ihrem Halbbruder Probleme beschert. Deswegen hatte Jack eine Ablenkung inszenieren müssen. Deswegen hatte die Polizei Jack überrascht. Deswegen wurde Jack festgenommen.

Deswegen würde er sterben.

Es war ihre Schuld.

„Ja, Vater“, ihre Stimme klang ruhig und gefasst, wenngleich ihr Herz stockte.

Sie dachte an sein nettes Gesicht. Seine lockere Art. Wie er ihr einige der Tunnel unter der Stadt gezeigt hatte. Wie er sie zum Lächeln gebracht hatte. Er war Mortes Bruder. Zusammen hatten die Brüder so oft auf sie aufpassen müssen. Sie waren mit Jane um die Wette gerannt. Hatten sie wie eine Erwachsene behandelt. Hatten sich dennoch um sie gekümmert. Mit ihr geredet, nachdem sie die ersten Aufträge umsetzen musste. Sie gehörten beinahe zur Familie! Gehörten eher an diesen Tisch als diese Person, die sich Vater schimpfte!

„Jack wusste von Anfang an, worauf er sich einlässt“, bemerkte dieser jedoch nur unberührt.

Jane schluckte. Ja. Jack wusste es. Und dennoch hatte er ihrem Vater die Treue geschworen. Er war vor ihm auf die Knie gegangen. Hatte sich sogar schikanieren lassen. Alles nur, um seinem Bruder zu helfen. Um ihre kleine Schwester aus dieser verteufelten Stadt zu kriegen. Um sich einen Platz in der Welt zu schaffen. Ein Leben an einem Ort wie Merichaven aufzubauen.

Und nun würde ihr Vater seinen Teil des Deals nicht halten. Er würde jemanden schicken – würde sie vielleicht schicken, damit es so aussehen würde, als hätte Jack in seiner Zelle Selbstmord begangen. Ihr Vater würde Mortes dann sein Beileid aussprechen. Dieses Monster würde seine Hände reinwaschen und könnte behaupten, dass dieser Fall nur die Bitte eines Freundes gewesen wäre.

Keiner könnte ihm Lügen vorwerfen. Ihr Vater würde der erste und einzige ehrliche Anwalt von Merichaven bleiben. Niemand würde sich darüber erkundigen, warum der junge Mann Drogen bei sich hatte. Jeder würde nur auf die Inkompetenz der Polizei achten. Sie würden den Ordnungshütern vielleicht noch Mord vorwerfen. Vielleicht würde ihr Vater die Beweise manipulieren lassen. Die Drogen verschwinden lassen. Die Cops, die an der Wahrheit hingen, diskreditieren. Es wäre immerhin nicht das erste Mal.

Aber Jack? Jack musste weg. Es war zu teuer, ihm eine neue Identität zu verschaffen. Er hatte nicht genug Nutzen für ihren Vater. Er war zu albern. Zu locker. Nicht professionell genug. Nicht wichtig genug. Nicht-

„Vorsicht“

Überrascht zog Jane ihre Hände vom Tisch, als Jasmine und ihre Mutter begannen den Tisch zu decken. Ihr Vater hatte sich mittlerweile hinter einer Zeitung zurückgezogen. Ein Artikel über den Weihnachtsbaum vor dem Rathaus starrte sie an. Darüber der Titel zu einem Kirchenchor, der zum Gottesdienst aufrief.

„Jane, zündest du bitte die Kerzen an?“

„Ja, Mutter“, es kostete sie jegliche Selbstkontrolle, ihren Frust hinunterzuschlucken und ihre Bewegungen gelassen erscheinen zu lassen. Ruhig zündete sie das Weihnachtsgesteck an. Kerzen, deren Wärme nicht durch die Kälte ihrer Familie zu brechen vermochten.

Weihnachten… Was war Weihnachten eigentlich? Dieses Jahr wäre es zumindest das letzte Fest, das Mortes mit seinem Bruder verbringen könnte. Aber sonst? Für ihre Familie? Für sie?

Sie betrachtete das reichliche Essen, das ihre Mutter anrichtete. Das glänzende Besteck. Diese prunkvolle Farce. Das Lächeln ihrer Mom. Die versteckte Freude in den Augen ihrer Schwester. Diese Unschuld, die nichts vom wahren Horror ahnte. Dieses Trugbild einer glücklichen Familie…

Weihnachten war doch nur eine Show. Das Fest der Liebe? Das sie nicht lachte! Wie konnte es das Fest der Liebe sein, wenn ihr Vater einfach so Jacks Tod entschied? Wie konnte es gar ein Fest sein, wenn sie auf jedes ihrer Worte, auf jede ihrer Bewegungen, ihrer Mimiken achten musste, damit sie keinen Scheiterhaufen unter ihren Füßen anzündete? Wie sollte sie sich gar freuen können, wenn sie sich so schuldig fühlte?

Dieses Weihnachtsfest und alle anderen… Sie waren doch einzig die Hölle!

Ob sich das je ändern würde?

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