Timothy – Die Saat der Hoffnung …

Viel zu lange blickte ich auf Janes Grab herab. Es fühlte sich falsch an, dass dieses Mädchen als Oma die Welt verlassen hatte, während ich noch was-? Ein Kind war?! Denn genauso unbedeutend war ich doch! Ich war nur ein dämliches Kind, das von fast niemandem gesehen wurde!

Warum war ich eigentlich noch hier?

„Ach, Jane“, flüsterte ich in die Nacht. Ich wusste nicht, ob ich mir ein Zeichen erhoffte. Ich musste einfach ihren Namen aussprechen. Vielleicht, damit ich ihn nicht vergessen würde? So wie die Welt mich vergessen hatte?

Dabei wünschte sich ein Teil von mir sehnlichst eine Antwort. Aber der andere betete unentwegt, dass sie nicht umherirren müsse. Sie sollte von dieser Welt Abschied nehmen können. Sie sollte nicht umherirren müssen. Sie … Sie hatte etwas Besseres verdient.

Als die Sonne über den Horizont kroch, glitt ich zurück ins Haus. Still huschte ich durch die Wände und begutachtete zum ersten Mal die oberen Zimmer. Überall konnte ich Spuren einer glücklichen Familie entdecken: Dort hatte jemand in eine Bibel gemalt. Hier waren einige getrocknete Blumen wirr zusammengesteckt worden. Und da hinten zierte ein einzelnes Foto die Wände.

Sie hatten ein Familienbild aufnehmen lassen. Obwohl ich drei der Gesichter nicht kannte, konnte ich sofort alle zuordnen. Ich konnte die Liebe in den Augen von dieser Marianne sehen. Und die Freude in denen von Gretle. Und dieser Jonathan …

Einzig seinen Blick wusste ich nicht zu deuten.

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M: Vom Tageslicht verschluckt II

„Auf dein Zimmer“, befahl das Kindermädchen, noch ehe die Tür ins Schloss fiel.

Sie nickte. Ihre Hand lag noch immer auf der schmerzenden Wange. Stumme Tränen hatten sie befeuchtet. Stumme Tränen, die einfach nicht enden wollten.

Stephanie hasste diese Frau!

Wortlos ging sie nach nebenan und warf sich auf ihr Bett. Sie kickte dabei die dämlichen Klamotten runter. Diese hässlichen Fummel, die doch für den ganzen Mist mit verantwortlich waren! Am liebsten wollte sie die Sachen verbrennen! Sie wollte sich von allem nur noch lossagen!

Von Becky. Von ihrem Kindermädchen. Ja, selbst von ihrem Vater!

Nur ihre Mutter hatte sie verstanden.

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M: Zusammenhalt II

Als Diana zurück nach Hause schlich, brannte kein Licht mehr. Haus und Hof lagen in seliger Dunkelheit da. Es wirkte einsam. Verlassen …

Die Lee hatte vier Zigaretten geraucht, ehe ihr davon übel wurde. Ihre Freundin nur zwei. Hustend hatten sie dem Zeug erstmal abgeschworen. Jedoch nahm sie ihre Worte nicht zu ernst. Beim ersten Alkohol war es ähnlich gelaufen …

Schwerfällig schleppte sie sich zum Springseil. Es hing noch immer an der Häuserwand – versteckt in dem Efeu, das unter ihrem Fenster wuchs. Sie begutachtete es einen Moment.

So lange war sie bislang noch nie fort gewesen. Ob jemand ihre Abwesenheit bemerkt hatte? Ob oben ihr Großvater auf sie wartete? Oder noch schlimmer: Ihre Mutter?!

Diana schüttelte die Angst hastig ab und bereute die abrupte Bewegung sofort, denn sogleich verkrampfte sich ihr Magen.

Na super …

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Einsamkeit

Hörst du das?

Diese Stille?

.

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Verlassen, allein,

Gebrochener Wille?

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Mir ist nicht kalt,

Mir ist nicht warm.

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.

Dennoch hält mich

Keiner im Arm.

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.

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Das Herz wird

Zerdrückt,

Fortgerückt,

Verrückt?

Verrückt von der Einsamkeit?

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.

.

Verrückt von dem,

Was keinen befreit.

Was keinem-

-hilft.

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Einsamkeit:

Ruhestunde.

Klaffende Wunde?

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Ist’s doch still,

Weil auch ich

Schweig.

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Ist’s nicht mein Will,

Fehlt mir der

Zweig?

.

.

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Nein.

Nicht ein Ast.

Mir fehlt ein Mast.

Ein Mast des Vertrauens?

Einer, der mich hält?

Einer, der mich schellt?

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.

.

Einer, der mich beschützt.

Einer, der mein Innerstes

Beglückt.

Mit seinem Lächeln.

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Deswegen fehlt der Ton.

Deswegen fehlt die Musik.

Deswegen fehlt der Rhythmus.

Ein sanftes Wiegenlied.

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Es fehlt und ich schrei!

Ich schrei mir Hilfe herbei!

Ich suche die Arme!

Ich suche den Weg-

.

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Den Weg aus der stillen

Einsamkeit.

K: Rechnungen und Versprechen

Rebekka Naar wühlte sich im Kerzenlicht durch den Stapel an Briefen. Irgendwo musste der dämliche Zettel doch sein! Sie wusste genau, dass sie ihn vor ein paar Wochen zu den anderen Forderungen gelegt hatte. Zu all diesen Papieren, die sie bereits seit Monaten nach ihren Dringlichkeiten sortieren wollte.

Und hatte man ihnen den Strom abgestellt.

Genervt fand sie den zerknitterten Brief. Es war eine Zahlungserinnerung – datiert auf letzten Monat. Wie hatte sie diese – zusätzlich zu so vielen anderen – nur verstreichen lassen können? Mittlerweile verlangte das Unternehmen ein halbes Vermögen, um die Mahnungen abzubezahlen und ihre Zahlungsfähigkeit zu bestätigen. Immerhin war es nicht das erste Mal, dass sie in Verzug geraten war und-

„Mama?“

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