N: Rechnungen und Versprechen

Im Kerzenlicht wühlte sich Rebekka Naar durch den Stapel an Briefen. Irgendwo musste der dämliche Zettel doch sein! Sie wusste genau, sie hatte ihn vor zwei Wochen oder so zu den anderen Forderungen gelegt. Zu all diesen Papieren, die sie bereits seit Monaten nach deren Wichtigkeit sortieren wollte.

Und nun wurde ihnen der Strom abgestellt.

Genervt fand sie den Brief von ihrem Energielieferanten. Es war eine Zahlungserinnerung – datiert auf letzten Monat. Wie hatte sie diese – zusätzlich zu so vielen anderen – nur verstreichen lassen können? Mittlerweile verlangte das Unternehmen ein halbes Vermögen, um die Mahnungen abzubezahlen und ihre Zahlungsfähigkeit zu bestätigen. Immerhin war es nicht das erste Mal, dass sie in Verzug geraten war und-

„Mama?“

Überrascht wirbelte sie herum und starrte durch die Dunkelheit der Küche. Ein Schrecken war durch ihren Körper gefahren. Ein Schrecken, der sie viel zu häufig begleitete. Der sie immer wieder besorgt über die Schulter blicken ließ, seitdem ihr Julian sie vor all den Gefahren gewarnt hatte…

„Jess! Warum bist du denn wach, Süße?“, mit gezwungner Ruhe, kniete sie sich zu ihrer Tochter herab. Zu ihrer kleinen Schnattertasche, die mit interessiertem Blick auf die tanzende Flamme der Kerze sah, ehe ihre jungen Augen weiter zu ihrer Mutter wanderten.

„Mein Nachtlicht ist aus“

„Ich weiß“, entschuldigend strich Rebekka ihrer Tochter durch die Haare und bemühte sich, ihre eigenen Sorgen zu verdrängen, „Das ist bloß ein doofer Stromausfall. Sollte sich bis morgen sicherlich erledigt haben“

„Aber die Laternen draußen brennen?“

„Dann ist wohl nur unser Haus betroffen“, behauptete Rebekka hastig und strich dem Mädchen einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.

Wissende Augen begegneten ihren. Augen, die ihren Worten nicht zu glauben schienen. Augen, deren Form sie so sehr an Jessicas Vater erinnerten. Genauso wie ihr Gesicht. Und ihre Art, sich in sich selbst zurückzuziehen. Nachdenklich in die Luft zu starren. Wie ausgewechselt zu lächeln, reden, staunen…

Ihr Julian hatte ihr erklärt, dass es normal wäre. Dass es etwas Biologisches aus seiner Familie wäre und dass Rebekka sich deswegen keine Sorgen machen bräuchte. Jessica würde damit klarkommen, weil es ein Teil von ihr wäre und für die längste Zeit hatte sie ihm geglaubt.

Sie hatte ihm versichert, ihrer Tochter genug Freiraum zuzugestehen. Sie hatte ihm versprochen, sich gut um ihr Mädchen zu kümmern, wenn er geschäftlich unterwegs war. Sie hatte geschworen, keine Risiken einzugehen. Ihre Jess zu beschützen. Niemanden blind zu vertrauen, der sich als sein Freund ausgab. Niemanden zu vertrauen, der sich zu sehr für ihre Tochter interessierte.

Aber all dies war Jahre her. Zuletzt hatte Rebekka den Vater ihrer Kleinen vor über einem halben Jahr gesehen. Sie wusste nur, dass er kündigen wollte. Darüber hinaus hatte er sich jedoch seit Monaten nicht mehr gemeldet. Sie war sogar schon zur Polizei, nur konnten die Polizisten keine Vermisstenanzeige aufnehmen, weil sie ihn nicht in ihrer Datenbank fanden. Ihr Julian war wie ein Phantom verpufft!

Sie hatte keine Adresse. Keine Telefonnummer. Kein Nichts. Nur den Namen des Mannes, den sie blind liebte. Der ihr jedes Mal ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubern konnte. Der ihre kleine Jess über alles liebte.

War es ein Fehler gewesen? Sollte ihr eigener Vater Recht behalten? War ihr Julian von Anfang an nichts als ein armseliger Betrüger gewesen? Aber er hatte ihr doch nichts gestohlen. Nein, im Gegenteil! Er hatte ihr eine wunderbare Tochter geschenkt!

„Mama. Du drückst mich zu doll“

„Entschuldige!“, augenblicklich ließ Rebekka von ihrer Tochter ab. Sie konnte sich nicht mehr daran entsinnen, wann sie das Mädchen so fest in die Arme geschlossen hatte.

War sie so übermüdet? Wegen ihres Jobs? Den Geldsorgen? Wegen Julians Abwesenheit? Glaubte sie deswegen manchmal, dass sich die Züge ihrer Tochter verschoben? Oder war es nur das Kerzenlicht, das ohnehin schon genug Monster an die Wände flackerte?

So konnte es nicht weitergehen! Nein. Erschöpft kämpfte sie sich auf den Küchenstuhl und blickte wieder auf die Briefe.

Sie konnten nicht mehr hierbleiben. Sie konnten hier nicht mehr auf ihren Julian warten. Rebekka war beinahe drei Monate mit der Miete im Verzug, das Wasser würde ihnen morgen abgestellt werden, die Kerle bei ihrem Job hielten sie für ein billiges Flittchen und ihr Bargeld belief sich auf einen knappen Hunderter, den ihr ihre Mutter zu Weihnachten geschickt hatte.

Genug für zwei Bustickets aus Centy raus. Sie könnten in eine Kleinstadt ziehen. Irgendetwas am Meer. Wenn sie es raffiniert genug anstellte, könnte sie morgen ihr Gehalt der letzten Woche einfordern und dann eine Bleibe und einen schnellbezahlten Job woanders finden. Außerdem müsste ihre Jess bald eingeschult werden und sie hatte definitiv etwas Besseres als diese verschuldete Wohnung verdient!

Und ihr Julian… Sie wusste doch noch nicht einmal, was mit ihm war! Sie glaubte nicht, dass er sie bewusst sitzen gelassen hatte. Also musste ihm etwas dazwischen gekommen sein oder er- Nein. Man hatte ihn sicherlich zu noch ein paar Monaten bei seinem Job überredet. Er würde sie suchen, sobald er fertig war. Er würde nachkommen. Er würde sie beide suchen! Und er wusste von Rebekkas Elternhaus. Sicherlich würde er dort zuerst nach ihr suchen. Sie müsste also nur ihrer Mutter einen Hinweis schicken, wo sie hinziehen würden und dann-

„Darf ich dann auch eine Kerze bei mir im Zimmer haben?“

„Jess, das ist doch viel zu gefährlich“, besorgt sah sie auf ihr kleines Mädchen, das die Flamme mit neugierigen Augen betrachtete, „Was ist, wenn das Feuer um sich greift, sobald du einschläfst? Dann brennt uns das gesamte Haus ab“

„Aber Papa hat mir gezeigt, wie ich vorsichtig dabei bin“, Jessica präsentierte ihre beste Schnute, „Wann ist Papa wieder da? Kommt er zu meiner Einschulung?“

Rebekka zwang ihre Unwissenheit fort. Stattdessen überspielte sie ihre Sorgen, indem sie ihre Tochter abkitzelte.

„Papa ist noch unterwegs, aber ich bin mir sicher, dass er es pünktlich schafft. Er hat nur viel zu tun, Süße und von daher zieht es sich immer so hin und-„

„Mach dir keine Sorgen, Mama. Papa ist bald wieder zu Hause und dann ist alles wieder gut“, unterbrach ihre Tochter sie lächelnd.

Überrascht starrte Rebekka in den sicheren Blick ihrer Tochter. Sie konnte so viel Glauben und Vertrauen in diesen Gesichtszügen entdecken. Als würde Jessica von einer Tatsache sprechen, einem Fakt, der in jedem Buch zu finden war.

Und warum sollte das Mädchen nicht felsenfest daran glauben? Immerhin hatte Rebekka ja immer wieder behauptet, dass sich der Mann gemeldet hatte, um das Kind nicht zu verunsichern. Sie wusste, wie viel ihrer Jess an deren Vater lag. Die beiden waren kaum voneinander zu trennen, wenn er da war. Sie klebte an ihm, wie eine Klette und schrie wie am Spieß, wenn er gehen musste.

Nicht, dass er je länger geblieben wäre.

„Ja. Bestimmt“, hastig wandte sie sich ab, um den großen Augen auszuweichen, die sonst ihre eigene Unsicherheit erkannten, „Aber bis dahin müssen wir gut auf uns achtgeben, oder, Jess? Und das bedeutet: gut schlafen, gut essen und keinen Unfug anstellen, ja?“

„Hm!“

Dankbar dafür, dass ihre Tochter ihren Julian so sehr liebte und keinen Frust über dessen Abwesenheit verspürte, umarmte sie diese noch einmal fest, ehe sie das Mädchen ins Bettchen brachte.

Rebekka würde ihr den Umzug als kleine Weltreise verkaufen. Es wäre nicht einfach, die Geldsorgen vor ihrer neugierigen Jess zu verbergen, aber sie würde es schon hinkriegen. Sie musste es hinkriegen, damit sich die Kleine nicht vor irgendwelchen Fremden verplapperte. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, waren das Jugendamt oder irgendwelche Sozialvertreter vor ihrer Tür. Fremde wären immer ein Risiko. Ein Risiko, auf das sie dankend verzichten konnte! Denn sie würde ihre Versprechen wahren. Sie würde jedes einzelne hüten und darauf hoffen, dass ihr Julian bald zurückkam.

Wenn nicht für ihre Tochter, für wen dann?

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