Minki und die Dachterrasse

(Nach sehr vielen wahren Geschichten.)

Minkis Welt war seit seiner Rettung wahrlich geschrumpft. Doch das störte ihn kaum. Immerhin war diese kleinere Welt sehr viel bequemlicher und trug zu allerlei Unterhaltungen bei. Schon lange betrachtete er seine Aufnahme in dieses Heim nicht mehr als „Rettung“. Nein.

Es war lediglich ein gut gemeinter Umzug gewesen. Ein Umzug, dem er jederzeit widersprechen konnte. Etwas, was er mehrfach in Erwägung zog, wenn ihn die Frau seines Retters aus seinen Verstecken verscheuchte.

Wütend durchkämmte Minki die Wohnung also nach einem Ort der Ruhe. Er hatte eigentlich das perfekte Versteck suchen wollen, aber dann säuselte der Wind ihm Worte der Freiheit ins Ohr!

So hatte der Kater sich ursprünglich neugierig im Bad umgesehen, als die jüngste Zweibeinerin ankam. Ohne ihm auch nur einen Blick zuzuwerfen, entledigte sie sich ihres Fells, klappte die Wand auf, stieg in die große Schale, ließ es darin regnen und-

Moment. Sie klappte die Wand auf?

Irritiert blickte Minki hoch. Und wahrlich! Dort oben hatte die Felllose ein verstecktes Fenster geöffnet. Es sah anders aus als die Gucklöcher in den restlichen Zimmern. So war es irgendwie … dreckiger? Es war nicht ganz durchsichtig. Eher wie Milch! Hatte er es deswegen bislang nicht wahrgenommen?

Zischend blies der Wind durch die Öffnung. Er wehte Gerüche, Worte und so viel Versprechungen zu dem Kater herüber. Es waren Eindrücke und Empfindungen, die ihn vorantrieben. Die ihn sein eigentliches Vorhaben vergessen ließen. Die ihn kurios die Öffnung beschnuppern ließen.

Und ehe er sich versah, saß Minki auf der Heizung und starrte aus dem Fenster auf ein schmales Brett, das draußen das Gemäuer umarmte.

Sein Schwanz zuckte umher. Unsicher wog der Kater seine nächsten Schritte ab. Er kostete die Luft.

Zum einen wollte er wissen, wohin dieses Brett führte, zum anderen war es recht frisch dort draußen. Sollte er wirklich den Sprung ins Unbekannte wagen? Aber es war so kühl. Und windig. Und es roch komisch! Das war doch kein Ort für-

Minki hielt inne. War es wirklich kein Ort für ihn? Er hatte ursprünglich in einer sehr viel schlimmeren Gegend gewohnt. Dort war es kälter gewesen. Dort hatte es mehr gestunken. Dort hatte der Geräuschpegel seine Ohren unermesslich schrill gepeinigt!

Nicht so wie hier. Nicht so wie auf diesem schmalen Brett. Nicht so wie die Welt darüber hinaus.

Das war eine bessere Gegend, so viel war Minki klar.

Entschlossen trat der Kater hinaus ins Freie. Er prüfte erneut die Luft, schnupperte an dem Gemäuer, an dem Holz, betrachtete die Maserung … ehe er zügig, aber vorsichtig, dem Pfad des Brettes folgte.

Na bitte! So schlimm war es gewiss nicht. Nur die ersten Schritte waren frisch und unangenehm gewesen. Aber danach? Danach hatte Minki sich an den Wind und die Umgebung gewöhnt. Nun zählte nur der Weg vor ih-

Überrascht betrachtete Minki die Dachterrasse, die sich neben ihm präsentierte. Sie war weit und das Brett, auf dem er lief, diente als eine Art Begrenzung für das Dach. Stetig verlief es um die offene Fläche herum und umarmte es beinahe liebevoll.

Na ja. Wenn man diese offene Fläche denn als Terrasse betiteln konnte. Überall standen Holzposten zwischen denen so viele Schnüre gespannt waren. Und über diesen hingen unendlich viele Laken und Decken. Sie nahmen den ganzen Platz ein!

Irritierend lief der Kater durch ein Meer aus bedruckten Blüten. Er beschnupperte die weißen Stoffe, die bunten, die karierten und die bestickten. Rümpfte die Nase. Fühlte sich dazwischen verloren. Gefangen. Eingesperrt!

Sie alle rochen parfümiert. Sie stanken süßlich oder herb. Sie trugen Düfte in sich, die teilweise andere überdecken sollten oder die generell die Luft verpesten wollten. Sie waren eine olfaktorische Qual.

Eine wahre Folter!

Minki mochte es schon nicht, wenn die Frau seines Retters die Betten neu bezog. Dann rochen sie nicht mehr so schön nach seinem Zweibeiner. Aber diese „Düfte“ hier waren die reinste Zumutung!

Die Nase gen Himmel gerichtet, stolzierte der Kater durch die Reihen und entschloss sich, seine Blase überall dort zu entleeren, wo die Gerüche eine wahrhaftige Todesdrohung darstellten.

Dies würde er nicht weiter dulden. Er musste definitiv diesen komischen Zweibeinern aus der Bredouille helfen. Wie sonst konnte er seinem Retter je wieder unter die Augen treten?

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