M: Die fremde Frau

Lucas ging zügig durch die weiten Flure. Bloß nicht rennen. Sein Vater hatte darauf bestanden, dass er ruhiger lief. Wenn er es nicht tat, wie sollte sich sonst sein jüngerer Bruder etwas Ruhe angewöhnen? Matt platzte ja förmlich vor Energie!

Erst vor der Küchentür hielt Lucas inne. Er lauschte, ob das gewohnte Klackern erklang, ehe er einen Blick hinein riskierte. Nur war der Raum leer.

Nachdenklich schaute er sich um. Eigentlich hätte seine Mutter hier sein müssen. Sie zog sich immer hierhin zurück, wenn sie etwas für die Zeitung schreiben sollte. So konnte sie sich leichter mit einem Keks motivieren.

Heute jedoch nicht.

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Märchenstunde: Miras zweites Leben II

Mira erwachte zu einem leisen Knacken. Müde rieb sie sich die Augen und starrte auf die Eier neben ihr. Es waren zwölf Stück. Alle mit kleinen braunen und schwarzen Flecken überhäuft. Alle so groß wie ihr Kopf und-

Dazwischen lagen riesige schwarze Federn.

Auf einen Schlag war sie wach und schaute sich nach dem großen Vogel um. Dieser hatte sie mit so einem komischen Flausch zugedeckt. Er war weich. Und warm. Deswegen hatte sie sich so geborgen gefühlt.

Geborgener als je zuvor.

„Wieder von Sinnen?“, fragte das große Wesen, das neben dem Nest auf dem Vorsprung kauerte.

Zögerlich nickte Mira. Sie versuchte, sich aus der Wärme zu befreien. Sie hatte nichts in diesem Nest zu suchen. Sie war kein Vögelchen …

Sie war nur ein verstoßener Mensch.

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Timothy – Die Zeit läuft davon …

Ich fand Jane bei den Pferden. Sanft sprach sie auf die Tiere ein, während sie ihnen ihr Frühstück gab. Dabei streichelte sie die dürren Hälse und bedankte sich bei den Wesen.

Nie zuvor hatte ich jemanden gesehen, der so zärtlich mit Tieren umging!

„Wie kannst du so gelassen bleiben, wenn sie deinen Tod zum Morgengebet verlangen wollen?“, platzte es aus mir heraus.

Die Zeit lief ihr davon!

„Was passieren soll, wird eh geschehen. Meine Sorgen werden nichts daran ändern“, erklärte sie so leise, so schwach.

Aber dennoch zitterte ihre Stimme.

Gut. Das bedeutete, dass sie weiterleben wollte, oder? Es musste. Sie musste!

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B: Die Zeichnungen

„Papa?“, rief Liane durch das große Haus, „Ich bin wieder da!“

Eine ungewohnte Stille antwortete ihr. Sie fühlte sich vertraut und gruselig zugleich an. Wie eine unförmige Erinnerung.

Unsicher stellte das Mädchen ihre Schuhe neben der Tür ab und schlich sich in die Küche. Alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Sie wollte hier keinen noch so kleinen Mucks von sich geben. Jedes Rascheln erschien ihr so endlos laut. Jeder Schritt wie Hufgetrampel. Es hatte etwas von einem Gewitter, das sich über ihr zusammenbraute.

Schaudernd trat Liane in die Küche. Sie mochte keine Gewitter. Wenn der Himmel die Beherrschung verlor, fühlte es sich immer wie eine tobende Apokalypse an. Niesel, Regen, Hagel ließen sie gleichermaßen erschaudern.

Nur Schnee war in Ordnung.

Schnee hatte sie schon immer gemocht …

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B: Der Brief

Liane starrte auf die Tabletten, die ihr der Arzt verordnet hatte. Irgendwelche Antidepressiva, die ihr laut dem alten Mann helfen sollten, keinen Unfug mehr zu zeichnen. Sie sollte sie täglich zweimal nehmen. Mittags und abends. Immer zu denselben Uhrzeiten. Immer direkt vor den Mahlzeiten.

Entschlossen nahm sie sich ihre paar Pillen und warf sie in den kleinen Karton, der in ihrem Zimmer als Sammelsurium für winzige Objekte diente. Büroklammern, ein paar Stifte, zwei Würfel und diverser Krimskrams tummelten sich darin mit den Tabletten der letzten Tage.

Es war der einzige Ort, der ihr als Versteck in den Sinn gekommen war.

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